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Nostalgielaterne

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Als Asphalt Tiger punkt 10:15 Uhr vor die Haustür trat, nahm er sofort die veränderte Qualität der Außenwelt wahr. Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte das Blau des Himmels, doch Blau? Die ganze Welt schien wie von einem leicht Schleier hellbraun eingetrübt. Die Luft war einige Grad kühler als erwartet. Die Sonne schien wesentlich kleiner, doch stechend hell.

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Was Asphalt Tiger auffiel, waren die veränderten Verhaltensweisen der Menschen, im Anblick des seltenen Naturereignisses. Die Schüler und Schülerinnen eines nahen Gymnasiums drängten sich vor ihrem Schulgebäude aneinander. Eine Rentnerin lud eine Passantin ein, die Sonnenfinsternis durch eine Röntgenaufnahme zu betrachten, die sie wohl in de Klinik um die Ecke erhalten hatte. Zwei ältere Damen sprachen plötzlich polnisch.

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Unter dem Eindruck dieses kosmischen Ereignisses schienen die Menschen auf der Erde unten näher zusammen zu rücken. Eine junge Frau reichte sogar dem Asphalt Tiger ihre Sonnenfinsternisbrille. Asphalt Tiger teilte ihr das Ergebnis seiner Beobachtung mit: eine partiell verfinsterte Sonne, die aussah wie ein Mond, der auf Neumond zusteuerte. Nur dass im vorliegenden Fall die Sonne der Mond war und der Mond die Sonne.

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Am eigenartigsten an diesem seltenen Ereignis jedoch, fand Asphalt Tiger – die junge Frau hatte ihre Runde um den Weißen See bereits fortgesetzt –, war das Verhalten der Enten auf dem Wasser. Immer wieder versuchten sie, schien es ihm, in die Mitte der Sonne zu gelangen, die sich auf der fast völlig glatten Oberfläche des Weißen See spiegelte. Wollten sie, fragte sich der Tiger, durch das Dunkle der verfinsterten Sonne hindurch tauchen? Aber wohin? Auf die andere Seite … Ins Licht? Asphalt Tiger war sich nicht sicher, ob die Enten ihre Erfahrung in Worte fassen konnten.

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Den wenigsten Enten gelang es auf Anhieb, durch das Dunkle der Sonnenfinsternis hindurch auf die andere Seite zu schwimmen. Immer tauchten sie an gewohnter Stelle auf und versuchten es erneut. Ob überhaupt eine einzige Ente erfolgreich war (zumindest partiell? Die Sonnenfinsternis war schließlich nur partiell!), konnte Asphalt Tiger nicht feststellen.

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Dennoch hatte er das Gefühl, dass die Enten die Sonnenfinsternis als beglückendes und köstliches Geschenk begrüßten und versuchten, diese außergewöhnliche Erfahrung durch vollkommenes Eintauchen voll und ganz auszukosten. Die Enten wurden dadurch – Asphalt Tiger konnte es deutlich sehen – förmlich beflügelt!

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Karl Gutzow, der “Vormärz”-Schriftsteller, der bei der Märzrevolution1848 keine besonders rühmliche Rolle gespielt hat – er wiegelte die BerlinerInnen ab statt auf! – schreibt über den Barrikadenaufstand am 18. März in seinen Lebenserinnerungen:

Die tägliche Aufstellung des zum Kampf bereiten Militärs weckte bei dem ohnehin necksüchtigen Charakter der Berliner Bevölkerung den Kitzel des Widerstandes. Man versuchte auf dem Petriplatz eine Barrikade zu errichten, so hieß es in den polizeilichen Berichten über die neuen Plänkeleien am Mittwoch und Donnerstag.

Ich sah diesen unschuldigen ersten Versuch der modernsten aller Gattungen der Baukunst! Es war eine von der Umzäunung des Petrikirchbaues abgerissene Bretterlatte, die mit ein paar Sandkarren und einigen Mauersteinen garniert war. Die löbliche Straßenjugend hatte ihre Freude daran, dass die ihr nachsetzenden Ulanen an dieser Stelle immer erst einen Satz machen mussten. Aber der Charakter der Berliner ist gelehrig. Sie zeigten am Dönhoffplatz Fortschritte in diesem Bauwesen […].”

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Gutzkow weiter:

Die Furcht vor der Revolution machte die Revolution. Der Zustand Berlins wurde darüber unerträglich. […] Man konnte einer ergrimmt in voller Breite der Straße anrückenden Truppenkolonne begegnen und fand, wenn man sich bergen wollte, nach polizeilicher Vorschrift alle Haustüren verschlossen.

Schon gab es Verwundungen und einige Tote, als die Nachricht von den Wiener Vorgängen und Metternichs Sturz alles elektrisierte. […] Die Massen träumten jetzt nur noch von ordentlichen Barrikaden.

Am 18. März endlich, schreibt Gutzkow, “kam die in ihren Anfängen dünn gestreute, dann aber gewaltige Mine zum Ausbruch.” (Karl Gutzkow, Unter dem Schwarzen Bären. Erlebtes 1811–1848, Herausgegeben von Fritz Böttger, Berlin (Ost) 1971, S. 531f.)

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Asphalt Tiger liebt die vielen Baustellen Berlins! Mögen sie für alle Zeit als Baustellen erhalten bleiben! Als würdige Denkmäler mögen sie die Erinnerung an den demokratischen Aufstand des März 1848 auf ewig lebendig erhalten!

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Darüber hinaus ist Asphalt Tiger sehr froh, dass es auch in anderen Städten Baustellen gibt! Zum Beispiel in Frankfurt.

Asphalt Tiger wünscht der “löblichen Straßenjugend”, die sich dort zur Verteidigung der innovativen, demokratischen Bautradition des 18. März gegen das unerträgliche Regime von Staat und Kapital zusammenfinden wird, viel Erfolg!

http://blockupy.org/18m/blockaden/

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Bodenbelag

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Reifenservice

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ok

platzEs ist plötzlich Frühling und die Fensterläden knarzen, als der Asphalt Tiger sie aufmacht. Asphalt Tiger schaut raus und hat sich über Winter verändert: Lange Haare und Stirnband!? Mein Gott! Er hält den Finger raus und eine steife Briese weht.

Dann macht er die Fenster dicht und packt die Sachen zusammen. Draußen steht das Boot. Er packt die Sachen rein: Zwieback, Korn (Flasche), Apfel, und dann die ganzen Kartoffeln aus der Miete (links neberm Boot). Dann wirft er das Buch auf den Fahrersitz. Welches Buch Asphalt Tiger auf die Reise nach Wladiwoodstock mitnimmt? Na klar! On the Road Again, von Dave Dudley!

Dann geht es los. Wie? Natürlich mit seiner Lieblingsstraßenbahn! Da hängt er das Boot einfach dran (keiner wird es vermissen). Wie jedermann aus dem tollen Roman “Die Trambahn” von Claude Simon weiß (das Original erschien 2001 unter dem Titel le tramway bei Les Éditions de minuit), fährt die Trambahn bis direkt ans Meer.

Asphalt Tiger muss das Boot nur noch über die Düne ziehen, dann funkelt die Sonne auf den Wellen, und die Reise kann beginnen.

*

(Die Frisur kommt vom Segeln, ganz gewiss.)

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