Gute Musik: Giorgio Murderer

Vid. Noch ein bisschen gute Musik. Als Asphalt Tiger letztens Murderer entdeckt hat, hat er ratlos in seinem Kopf gekramt. Klar: Giorgio Murderer!

Asphalt Tiger kann bei Konzertvideos viel lernen. Zum Beispiel den Unterschied zwischen Hardcorepunk- und Punk-Konzerten. Bei letzteren sind die Pausen zwischen den Songs länger, weil alle zwischendurch immer wieder aus Bierdosen trinken müssen. Man kann die vielen Bierdosen im Video gar nicht zählen! Wenn man einmal darauf achtet, fällt es einem auf. Manche Pausen sind so lang, dass die Leute im Publikum ausgiebig gähnen müssen (z.B. der Mann am linken Bildrand, Minute 8:15 ff). Das passiert beim Hardcore nicht so (und kommt wohl vom Bier).

Ansonsten muss Asphalt Tiger auch bei Giorgio Murderer an Cowboys denken. Das ist so, wenn sich das Bild zwischendurch immer wieder in Schlieren auflöst: eine Phänomenologie der schläfrigen Wahrnehmung von Cowboys, vermutet Asphalt Tiger, wenn sie auf erschöpften Kamelen und durstig auf die nächste Oase zureiten, aber vielleicht ist das auch eine Fata Morgana und es gibt dort keine kühlen Getränke mehr. Ob das so ist, weiß man erst, wenn man da ist.

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Regennacht

Gegen den rasch prasselnden Regen kommt man nur mit Bewusstseinskontrolltechniken der lunatischen Verlangsamung an. Asphalt Tiger hüpft in Slo-Mo über die nächtliche Schönhauser Allee, über schwarze Pfützen, landet, spiegelnde Lichter, hüpft, gischtendes Wasser, landet, wankende Straßenlaternen, wie weiland 1969 Neil Armstrong über den Mond. Das Frauchen auf dem Gehweg auf der andern Seite zieht den wolligen weißen Hund grad noch an der Leine weg, fast wäre was passiert. Der schüttelt sich und guckt den Asphalt Tiger fragend an. „We come in Peace!“

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Der Dichterin

 

Vid.: It’s the System that makes you a Wanderer. Gute Musik!

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Asphalt Tiger würde nie eine Petition des „Verein deutsche Sprache“ unterzeichnen. Er hat mehrfach die Zeitung des Vereins gelesen – und fand sie unlesbar: eine deutschnationale Verhunzung und Verbürokratisierung von Sprache. Vielleicht hat man „früher“ so in den von Erika Steinbach (übrigens: Vereinsmitglied) repräsentierten östlichen Sprachinseln des Streu- und Sprengdeutschtums gesprochen, aber… Asphalt Tiger dagegen: „Free die Sprache!“

1. Bedeutende Schriftsteller*innen, Schriftsteller_innen, Schriftsteller/innen und SchriftstellerInnen unterzeichneten jüngst einen Aufruf des Verbands „gegen übertriebenes Gendern der Sprache“. Katja Lange-Müller begründet das für sich, indem sie unterscheidet zwischen Gender-Ungerechtigkeit in der Welt der Wirklichkeit und der gegen die Ungerechtigkeit gerichteten Repräsentation in der Welt der Sprache. Die sprachliche Repräsentation des andern Geschlechts würde das „herrschende Unrecht“ aber nicht beseitigen. Also unterschreiben.

2. Asphalt Tiger findet den Gedanken eigentlich nicht schlecht, dass sich die Frau, die in der Bäckerei arbeitet, „der Bäcker“ nennt, oder die Frau, die in der Amtsstube arbeitet, „der Buchhalter“, oder die Frau, die bei Amazon arbeitet, „der Picker“. Schließlich macht sie damit den geringen Grad ihrer Übereinstimmung mit dieser Wirklichkeit deutlich, und wie wenig sie diese bewohnt und wie wenig sie das, was sie da machen muss, um in der Wirklichkeit über die Runden zu kommen, „verkörpert“. Und wie sehr ihre Partizipation an dieser Welt durch den Gedanken an Feierabend, Urlaub, Pizza, Katzenbabys und andere Träume gefährdet wird.

Asphalt Tiger findet den Gedanken eigentlich ganz gut, Sprache, die ungeliebte Wirklichkeit beschreiben soll, lieblos zu gebrauchen (aber was wir mögen, sollten wir trotzdem schön sagen!!). Schlampig, pampig. So, wie das der „Verein Deutsche Sprache“ im Grunde genommen, wenn auch aus andern Gründen, verteidigt (Verein für deutsche Sprache? — Nein: Verein deutsche Sprache! Ich bin Alexanderplatz. Ich geh Aldi). Asphalt Tiger findet Ilse Aichingers „Schlechte Wörter“ gut (hat das Buch aber nie fertig gelesen), in dem die Autorin (auf den ersten Seiten zumindest, wenn Asphalt Tiger das richtig behalten hat) einen Wortgebrauch empfiehlt, der auf das passende Wort zugunsten einer nur einigermaßen schlecht sitzenden II. Wahl verzichtet. Sollten wir auf Gendern verzichten, um unseren begründeten Abstand zur Wirklichkeit zu wahren? Unsere Abneigung, unseren Unwillen. Vielleicht ist die (vom Verein Deutsche Sprache empfohlene) schlechte Sprache tatsächlich die dieser Welt angemessenere. Sozusagen Bartleby statt Diversity?

3. Aber Asphalt Tiger glaubt nach 1x kurz Nachdenken, dass mensch dazu erst 1x durch ein Bewusstseinszustand hindurchgegangen sein muss, der in dem Aufruf des Deutschsprechvereins gar nicht für möglich gehalten wurde. Denn da geht es ja nur um das „natürliche“ und um das „grammatikalische“ Geschlecht (der Mond, die Sonne, das Pony), nicht aber um das „2. natürliche“ (der Bäcker, der Beamte, der Picker), also, jetzt für die, die diesen Job macht, die zweite Natur, die Natur II. Klasse oder II. Wahl. Welche Bäckerin will schon Mond, Sonne oder Pony werden? Erika Steinbach? Ihr habt ja n kleinen Hütütü!

Aber das ganze ist ein weites Feld. Jedenfalls it’s the System that makes you ein Wanderer (A Wanderer).

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Regenwetter

Es regnet und Asphalt Tiger spielt im Traum Klavier.

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Gute Musik: The Cowboys

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Es ist unglaublich! Noch eine gute Musik mit Cowboys! Diesmal sind die Cowboys aus Bloomington/Indiana. Auf ihr neues Album, das „The Bottom of a Rotten Flower“ heißt, hat Asphalt Tiger lange gewartet. Jeden Morgen: noch nicht da. Die Cowboys klingen auf jeder Platte anders. Die erste hat Asphalt Tiger 2017 und 2018 rauf und runter gehört, bis die Nullen und Einsen ganz zerkratzt waren und einzelne Bits aus dem Player gefallen sind, so dass Asphalt Tiger schon dachte, der hat Schuppen. Das ist ihm noch nie passiert! Die erste Platte war sehr 60s Garage, auf der zweiten und dritten floss der ruhige Fluss, den Asphalt Tiger aus den 70ern kannte. Auf der neuen Platte nun hört man in einem Stück sogar ein 80er-Jahre-Saxophon wie bei Bruce Springsteen: sehr befreiend, denn wie jeder weiß, fiel davon beim Auftritt des „Boss“ (d.h., des Vorgesetzten) in Ostberlin bereits Ende der 80er Jahre die Mauer um!

Die neue Platte, schrieb das Label bereits in der Vorankündigung, würde ihre „Kinks“-(Knoten)-Platte werden! Um gut vorbereitet zu sein, hat Asphalt Tiger daraufhin „Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)“ von Connie Voltaire rauf und runter gehört, zwölf ultrageile Kinks-Titel, vom Meister aus Minneapolis fachgerecht wiedergegeben. Was sollte er sonst tun, beim Warten? Aber schließlich klingen die Cowboys doch anders. Ein, zwei Balladen könnten wirklich von den Kinks sein. Aber vermutlich war eher eine Verwandtschaft in der Methode gemeint: in unerwarteten Akkordschlängeleien zum Ziel zu kommen und dabei auch noch sehr schön und harmonisch zu singen. Also: wunderbares Songsschreiben!

Dabei schrammelt die Gitarre der Cowboys weiterhin beruhigend verstimmt, und der Schlagzeuger verliert weiterhin fast das Gleichgewicht auf seinem Hocker, wenn er sich zu den Becken nach links und rechts vorbeugt, um sie beim Scheppern zu halten, und das Schönste ist weiterhin die Stimme vom Sänger, die mühelos aus den tiefsten Tiefen in die höchsten Höhen aufsteigen kann, ohne ihre dämonische Dringlichkeit zu verlieren. Asphalt Tiger muss da an die kaputte, verzweifelte Teenager-Dramatik von Del Shannon oder Lou Christie denken, die ihm Bob Stanley in seinem „Yeah! Yeah! Yeah!“-Buch (The Story of Modern Pop) erschlossen hat. Passt es von daher wie die Faust aufs Auge, dass der Gitarrist von Nobunny jetzt bei den Cowboys mitmacht, den Asphalt Tiger immer in einem ähnlich aufgestellten Sternenzelt (mit den Eckpfeilern Hunx and his Punx und Shannon and the Clams) steckend vermutet hat?

Übrigens, pikantes Detail: Das Vorgängeralbum, „Volume Four“ von The Cowboys, ist auf dem gleichen Label erschienen wie die tolle Platte von dem einzigartigen The Cowboy, nämlich bei Drunken Sailor Records: Die Cowboys und der Cowboy beim betrunkenen Seemann. Das kann ein Zufall sein, aber Asphalt Tiger will an dieser Stelle kein Seemannsgarn spinnen. Obwohl es schon eigenartig ist, dass die Männerbeine mit den hochgekrempelten Hosenbeinen auf dem Cover dieser Cowboys-Platte nicht erwartungsgemäß in Cowboystiefeln verschwinden, sondern in durchaus großstadttauglichen gepflegten Leder-Herrenschuhen. Wir wissen es seit George Eliot: die Großstadt, ein Versteck, ein Ort der Täuschung und der falschen Verkleidungen …

 

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Gute Musik: The Cowboy

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Noch eine gute Musik mit Cowboys, für die Asphalt Tiger der Bewunderung voll ist. Diese Cowboys prätendieren, sie wären nur ein einziger Mann: The Cowboy. Die Stimme vom Cowboy klingt ein bisschen wie die vom einzigartigen Cosmic Psycho aus Australien, aber die Gitarre vom Cowboy klingt so, als ob sie jeden Ton zum ersten Mal spielt. Die Stücke sind schön kurz, aber die Gitarre gibt ihnen Wendungen, so dass sie am Ende immer ganz woanders sind als am Anfang. Ob der Cowboy das am Anfang gewusst hat? Wenn er im Refrain zweistimmig singt, vermutet man das schon: Denn der Cowboy muss sich ja irgendwie abgesprochen haben!

Oder es ist einfach sehr viel Cowboy-Erfahrung im Spiel. Erfahrung zum Beispiel in der Verweigerung habitualisierter „Apperzeptions-Verweigerung“ (René Stangeler), die sich viele Jungspunke heute meinen, mühsam draufschaffen zu müssen, um in der authentischen Punkerwelt von Heute bloß nichts falsch zu machen. Wenn ihre Gitarre nur an ihnen dranhängt wie einst beim Johnny Donner und sie nur am Mikrofon hängen wie der junge Ian Froebess vor dem großen Durchbruch mit Geteilte Freude, glauben sie, schon alles richtig gemacht zu haben! Dem ist nicht so! Jungspunke, nehmt euch ein Beispiel am einzigartigen The Cowboy!

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Gute Musik: Murderer

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Nachdem nur noch Maschinen Blogs mit Text lesen, weil die Menschen allesamt nur noch Bilder mit Menschengesichtern gucken, die sich selbst sind oder sein könnten oder gerne sein möchten, selbst wenn sie andere Menschen sind, beschließt Asphalt Tiger ein Umdenken und will hier jetzt vor allem eine Lieblingsmusik festhalten, die ihm bis vor kurzem fremd war und in Kürze vermutlich wieder fremd sein wird, so schnell geht das alles. Damit er sich daran erinnern kann. Weil sie sich sofort entzieht, weil Musik aus Tönen ist, die flüchtig sind. Im Gegensatz zu Gesichtern, die Menschen meistens das ganze Leben mit sich rumschleppen, entsetzlich und öde.

Diese Lieblingsmusik hat Asphalt Tiger gestern Nacht entdeckt, als er nicht schlafen konnte. Weil sie auf seinem Handy lief, dachte er immer wieder: Es ist schon Tag. Dann ist er kurz aufgewacht, hat in seiner Hand aber nicht die Sonne gesehen. So kann man sich irren.

Die Musik auf der LP von Murderer klingt für Asphalt Tiger so, als ob sie tote Cowboys für tote Cowboys machen. Asphalt Tiger mag daran, dass alle Stücke (außer die Interludien) ähnlich klingen, weil der Schlagzeuger mehr oder weniger niemals den Rhythmus wechselt und die Gitarren auf den ersten drei Bünden spielen. Asphalt Tiger bewundert diese Konsequenz. Die Musik funktioniert weniger als Stück denn als Treck für Cowboys auf längst erschossenen und später aufgegessenen Pferden, Geier und Rinder, die nur noch Schädel sind und als solche in der taghellen Sonne der Gesichtslosigkeit entgegenbleichen. Niemand versteht mehr, was Rimboeuf meinte, als er sagte: „Hallo, ich bin Andreas!“ Er ist da hinten. Egal. Reiten, nur noch reiten.

Die Musik klingt ein bisschen wie Hank & the Hammerheads, deren Sänger hier hörbar mitsingt, wenn man das Singen nennen kann, aber mit Morriconegitarre oder Westernkeyboard. Die Band kommt aus New York, was heute selten ist, weil alle Bands aus Austin oder Minneapolis kommen. Gute Musik!

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