Black Friday

Es ist November, dunkel, durch das Dunkel und den Nebel dringen nur die Werbetrommeln. Die Leute laufen hin, wo sie Trommeln hören. Sie laufen auf Black Friday zu. Asphalt Tiger liest auf einer Anzeige, die hell auf dem Internet klebt, die Aufforderung, die Menschen mögen doch am Black Friday „zuschlagen“. Für die einen ist es also Black Friday, für die anderen, die nicht schnell genug zuschlagen, ein Tag der Großen Niedergeschlagenheit (= Great Depression)? Nachdem in den letzten Monaten alle in der Fernsehwerbung zu Diversity getanzt haben, muss man jetzt wieder beim Survival of the Fittest mithalten. Asphalt Tiger bleibt vorsichtshalber zuhause.

Ist es da besser? Unvorsichtigerweise schaut er auf die erste Seite der Zeitung vom Wochenende: BAM! Das Berliner Finanzamt entzieht der Bundesvereinigung der VVN-BdA die Gemeinnützigkeit. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, 1947 von Überlebenden der Konzentrationslager und Verfolgten des NS-Regimes gegründet, setzt sich den „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ zum Ziel. „Nichts schlimmer als das!“, denkt sich der Bayerische Verfassungsschutz und führt den VVN-BdA in seinem jährlichen Bericht als „linksextreme“ Organisation auf. Und auf diese Einschätzung stützt sich das Berliner Finanzamt in seiner Entscheidung.

„Frieden“? Die Bundeswehr, liest Asphalt Tiger auf der gleichen Seite der Zeitung (das Internet ist flach und hat nur eine Seite), postet Hakenkreuze auf Instagram, entschuldigt sich aber. Vermutlich sind „Frieden“ und „bessere Welt“ aber doch irgendwie nicht so Staatsräson. Der VVN-BdA muss deswegen unter Umständen für sein zivilgesellschaftliches Engagement gegen rechte Mörderbanden mit Steuernachforderungen in fünfstelliger Höhe rechnen. Asphalt Tiger ist sprachlos.

Das bayerische Finanzamt! Was ist mit dem bayerischen Finanzamt? Bayern hat viel mehr Geld als Berlin. Da wird viel mehr Geld ausgegeben: Das bayerische Amt für Verfassungsschutz hat die bayerischen Neonazis vom Thule-Netzwerk im Jahr 2012 mit 150.000 Euro unterstützt — also „unsere“ Steuergelder nicht bloß im fünfstelligen, sondern im sechsstelligen Bereich –, und das, obwohl bei denen überhaupt niemand von „Frieden“ geredet hat; vielmehr wollen die ja expressis verbis die Republik zerstören, mit Mord und Totschlag und Terror. Asphalt Tiger weiß nicht, ob die Rechtsextremen für diesen riesigen Berg Staatsmoney Steuern an das Finanzamt zahlen mussten, er vermutet aber, dass sie das nicht taten: wahrscheinlich wurde wieder irgendwie gemauschelt (Bayern = Amigo-home). Sein erklärtes Ziel, mit seiner Förderung des Rechtsextremismus den Rechtsextremismus zu vernichten, hat der bayerische Verfassungsschutz jedenfalls nicht erreicht. Wie so oft, erwies sich auch dieses staatliche Förderprojekt als Fass ohne Boden: „Jeder NSU-Prozesstag“, schrieb der Merkur, „kostet 150.000 Euro“. In der Wirtschaft heißt das dann „Spill-over-Effekt“ oder „Ausstrahlungseffekt“ (oder hat Asphalt Tiger da was falsch verstanden?). Natürlich waren es in diesem Fall nicht die Neonazis, die die Steuergelder abgesahnt haben, denn es gab ja, wie am Ende herausgefunden wurde, gar keine, außer zwei, drei vielleicht.

Der Kulturwissenschaftler Klaus Vondung hat in seinen Studien über Formen des Religiösen im Nationalsozialismus (Die Apokalypse in Deutschland, München 1988) diesen Drang, das Reich aus Angst vor der Zerstörung durch vermeintliche Feinde lieber selbst zu zerstören, um es zu erhalten, es/sich auszulöschen, um es/sich zu bewahren, als „kupierte Apokalypse“ bezeichnet: kupiert, weil hier, anders als bei religiösen Vorstellungen der Apokalypse, die Hoffnung auf Erlösung gänzlich fehlt und eine friedliche Welt voll Herzlichkeit und Solidarität undenkbar scheint. Kaum vorstellbar, welche Formen staatlicher Selbstschutz doch annehmen kann …

https://vvn-bda.de/offener-brief-von-esther-bejarano-an-olaf-scholz-das-haus-brennt-und-sie-sperren-die-feuerwehr-aus/

https://www.openpetition.de/petition/online/die-vvn-bda-muss-gemeinnuetzig-bleiben

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