Das Zentrum ist leer

Nebel deckt die Stadt zu, und als er sich durch die Innenstadt drängen muss, stellt Asphalt Tiger fest, dass alles gar nicht so schlimm ist. Auf einmal merkt er: alles fließt. Alles ist weich. Kein Widerstand. Leise Geräusche. Krähen und Möwen tanzen in der Luft! Und Tiger beginnt zu schlendern. Lässt alle fünfe grade sein. Am Nachmittag des 23. Dezember.

Denn Tiger hat das Schlimmste schon hinter sich: das notwendige Futter einkaufen, um die Festtage zu überstehen.  Muss er nicht mehr morgen machen. Denn aus Erfahrung weiß er: alles drängt sich bei den Leuten auf die letzten Stunden, bevor sie auspacken: schöne Bescherung! Zitternd wachen sie alle auf, früh am 24., blicken auf die Uhr und denken: 9 bis 13 Uhr. Jetzt aber schnell! Tiger ist daher schon gestern losgezogen, mit dem schmutzigen Kartoffelsack. Der Supermarkt war leer. Tiger sonnte sich im Licht der Neonröhren, die Augen halb geschlossen!

Aber heute, 23.12.: … auch alles leer! Oder vielleicht auch einfach nur: vom Nebel verschluckt? Die U-Bahnröhre spuckt den Tiger auf einen der zentralen Plätze der großen Stadt. Er stapft durch den Schneematsch und wundert sich. Diese Ruhe! Leute fließen an ihm vorbei. Ein älterer Herr ruft: „Gnä‘ Frau! Sie haben etwas fallen gelassen!“ – Ein Handschuh. So freundlich! Eine junge Dame bückt sich und sagt: „Sie haben da etwas fallen gelassen!“ – Eine Tüte mit einem Geschenk? „Oh danke!“, sagt die zerstreute Person. Tiger denkt: „Ja! Alles fallen lassen!“ – Eine Erleichterung breitet sich in ihm aus.

Quer über einen Weihnachtsmarkt. Sonst ist das schrecklich. Aber heute ohne Probleme. Am Grillwurststand sagt ein dicker Rocker zu seinem Kumpel: „Und dann musst du den Haustürschlüssel nehmen. Ohne ihn abzubrechen!“ Und der andere verbiegt derweil seine Holzgabel in der Champignon-Pfanne. Ein zärtliches Lächeln huscht über das Gesicht des Tigers.

Und vollkommen verschwindet seine Anspannung und Nervosität, als er die Tore dieser großen glasigen Einkaufsgalerie öffnet. Alles leer! Tiger schwebt durch die riesigen Arkaden, ganz allein, ganz für sich, tanzt eine Pirouette, jubelt innerlich. Er, der als Kind der freien Wildbahn immer Angst vor Menschenmassen hatte, immer in weitem Bogen drumherum schlich, wenn er solche auch nur irgendwo vermutete! Er, der sich als einsamer Streuner die Innenstädte sich immer nur leer vorstellten konnte wie einen Stadtwald in tiefer Nacht. Und dann entsetzt war, wenn er feststellen musste, dass alles anders war! Voll, laut, hektisch. – Und jetzt? Steht er mitten im Zentrum, und das Zentrum ist leer!

Asphalt Tiger lässt seine Blicke schweifen. Glänzende Schaufenster. Hoch oben hängen riesige Gebilde aus lamettaartigen Lichterketten. Ganz ferne hört er ein Murmeln von Menschen, aber nur leise. Wie in diesen großen, alten Kathedralen! Tiger denkt: Kathedralen sind am schönsten, wenn sie leer sind. Denkt: Das ist aber eine schöne Vorstellung: Wenn die Kathedralen des Konsums auch immer leer wären! Ist entzückt: Wenn die Kathedralen des Konsums auch immer so leer wären wie die heute hier! Tiger seufzt: Dass ich diese Hoffnung hier finde!

Und schreitet andächtig von Schaufenster zu Schaufenster. Verkäuferinnen, allesamt unbeschäftigt, schauen ihn fragend von drinnen raus an. Asphalt Tiger kann sich nicht erinnern, wann er so was das letzte mal gemacht hätte. Aber heute ist es so wunderschön, und vor allem so sehr in die Zukunft weisend! Wie real ist diese Utopie in diesem Moment! Leere Einkaufstempel! Am Vortag von Weihnachten, zur besten Geschäftszeit!

Da steht der Tiger dann, vor der Auslage dieses Juweliers, Christ. Swarovski ist nebenan. Und betrachtet diese verlassenen Reliquien des Konsums. Brillianten. Halbkaräter. Wie das glitzert! Auf streng schwarzem Grund. Und staunt: 2999,- 3999,- 5999,- Und entdeckt darunter die Schildchen: Ohrstecker 50ct, 1,- 2,- Asphalt Tiger hat sich ganz schnell entschieden! Aber eigentlich braucht er so was ja gar nicht … So schaut er weiter. Ganz unten, die einzige Auslage in weißen Pappkästchen: Pandora! Tiger denkt: Ja, das ist vielleicht was fürs nächste Jahr. Etwas kitschig vielleicht.

Holt tief Luft und verlässt das leere Zentrum.

Dann ist erst mal nicht mehr viel passiert. Die heiße Schokolade, die Tiger darauf im Café Makrele zu sich nahm, hatte einen seltsamen Nachgeschmack. Aber Tiger blieb gelassen.

Und wunderte sich nur: „Tiger, wo ist deine angestammte Aggressivität, deine natürliche Rauflust denn heute bloß geblieben?“

Auf dem Rückweg war alles wie immer. Wieder über den Weihnachtsmarkt drüber, doch der Zauber von vorhin ist weg. Jetzt ist der Schnee weggetaut, alles glitschig und nass zwischen den Buden, im gleißenden Laternenlicht. Tiger denkt: „Nordsee ist Mordsee!“ Und windig ist es! Der Wind wirbelt den Stand mit Palästinensertüchern (Palästinensertücher!) halb um, und die Lebkuchenherzen schwanken hin und her (für den Tiger eine Allegorie der Vergänglichkeit), und auch die Menschen! Einige Leute halten sich an ihren Handys fest, schief gegen den Sturm gelehnt.

Schnell in den U-Bahnschacht rein. Hier drängeln sie sich jetzt alle, die befürchteten Menschenmassen. Ergießen sich auf den Bahnsteig, Leute steigen aus Zügen und drücken zurück. Und jeder grobe Kerl hat mindestens zwei Plastiktüten. Gier blitzt aus den Augen. Tiger erschrickt: „Hallo!? Alles Raubtiere!?“

Hatte sich vorhin nur mal kurz so ein Zeitfenster in die Zukunft für den Tiger aufgetan? Ein kurzer Lichtblick in der Düsternis? Ein Ausblick? Es scheint so. Tiger nimmt was mit für die kommenden Tage: wie schön!

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