Tiger geht ans Ende der Welt

Vid.: „Hinten die ORF Bigband, der Walcher singt a schweres Drogenliadl, wo gabats des Heit no?? Undenkbar!! :)))“

„Endstation. Bitte alle aussteigen.“ Eine freundliche Stimme sagt das den Fahrgästen. Sie klingt optimistisch. Das macht Mut. Tiger guckt aus dem Fenster: Der Zug hält im Nirgendwo. Das Ende der Welt ist nahe. Trockene Halme wehen im Wind. Kein Auto rauscht vorbei auf der leeren Landstraße.

Der Zug bremst. Die Leute im Zug stehen alle auf und drängeln zum Ausgang. Der Zug ist voll mit älteren Leuten. Sie können es kaum erwarten, auszusteigen! „Wo kommen die alle her?“ Tiger wundert sich. „Was wollen die hier, am Ende der Welt?“

Gemeinsam mit ihnen hat der Tiger geraume Zeit auf einem windigen Vorortbahnhof im Norden Berlins gewartet. „Karow – kennt das wer?“ Als er dort ankam, war der letzte Zug grad abgefahren. Warten. Ein strenger Wind pfiff sein Lied durch Asphalt Tigers Ohren.

Als sie dann an der Endstation ausgestiegen waren, stand Tiger erst mal in der Landschaft. Schon setzte sich der Zug wieder in Bewegung zurück zur Hauptstadt Berlin. Die Menge war allein. Ein müder Wind pfiff.

Die meisten Leute haben sich schnell in Bewegung gesetzt, und Asphalt Tiger ist ihnen einfach gefolgt. Weil die andern Leute so fröhlich waren, legte sich auch sein Trübsinn bald (Was heißt Trübsinn! Tiger war verkatert!)

Und schnell hatte er begriffen: Am Ende der Welt schlagen sich die Menschen noch mal richtig die Bäuche voll. Futtern wie bei Muttern.

Am Ende der Welt wird noch mal richtig gefeiert! Am helllichten Tag! Wird getrunken und getanzt. Und das nicht gerade leise!

Vid.: Country-Line Dance auf dem Bauernmarkt Schmachtenhagen/Brandenburg

*

Asphalt Tiger löst sich schon bald aus der feiernden Menge. „Ich bin allein / auf einer Insel“ (Katja Ebstein). Tiger ist zu neugierig, um länger zu warten. Er geht heute bis zum Äußersten. Bis ans Ende der Welt.

Die Gegend wird immer einsamer. Kurz vor dem Ende der Welt heult noch mal ein Hund. Lange und ausgedehnt.

Dann wird das Ende der Welt noch mal in aller Deutlichkeit angekündigt.

Jetzt muss es auch dem Dümmsten klar sein! Als Asphalt Tiger weiter geht, wird es ihm angst und bange. Er atmet vorsichtig und leise, bloß nicht zu laut. Das Ende der Welt ist jetzt nahe …

Immer einsamer wird es jetzt, zum Ende der Welt hin. Da? Hat sich was bewegt? Asphalt Tiger kriegt eine Gänsehaut. Doch er muss sich getäuscht haben. Kein Tier, kein Reh, kein Käuzchen.

Immer stiller wird es jetzt, kurz vor dem Ende der Welt. Kein Vogel singt hier mehr sein Lied.

Das Schweigen im Walde.

Da: Ist das der viel besungene Fluss Lethe?

Tiger hat vergessen, was er darüber weiß, und erkennt ihn nicht mit Sicherheit.

Er nimmt sich vor, sich jetzt auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf den letzten Metern Weg, die noch vor ihm liegen. Die Schritte werden ihm schwer, als ob er Schuhe aus Zementsäcken an hätte. Die letzten Dinge sind steinig und stolperig. Diesen letzten Gang muss jeder alleine gehen. Ach Scheiß drauf: Tiger vertreibt sich die Angst mit lautem Pfeifen! (hört ja keiner, ist ja keiner sonst da): „I ain’t sharin‘ Charon …“ (Tiger kennt es vom Countrysänger Jim Stafford. Hahahaha! Umwerfend komisch!)

Als es dann so weit ist, stutzt der Asphalt Tiger und reißt sein Maul auf, um tief nach Luft zu schnappen: Das hätte er nicht erwartet!

Es ist alles total modern hier! Am Ende der Welt. Der Fährmann hat ein schickes Haus, aber er hat nicht mehr viel zu tun: Von Ufer zu Ufer führt eine topmoderne Betonbrücke!

„Na, da ham se sich aber n Spässchen mit mir erlaubt!“

Tiger ist total erleichtert, eine tonnenschwere Last fällt von ihm ab. Als er am andern Ende ankommt, merkt er, dass alles so weiter geht wie gewöhnlich. Die Welt geht nicht unter. Sie ham ihn eindeutig verkohlt!

Die Welt geht rund weiter. Die Welt läuft rund. Die Welt dreht sich weiter. Die Welt ist eine Kugel.

Dann erst fällt Tiger ein, dass die Alten das wohl schon gewusst haben! Und dass die wohl deswegen sich durch nix vom Feiern ham abhalten lassen. Tiger fällt der Gesang der drei Alten vom Berge Ayers Rock ein:

„I have found

that the world is round.“

Die Bee Gees! Robin Gibb hatte 1967 erstmals diese flashende Halluzination aus den giftigen Nebelschwaden aufsteigen sehen.

Abb.: Der erste Ort nach dem Ende der Welt heißt Malz. Die Leute hier haben Humor! Tiger kann der Aufforderung „Werft Malz“ grad noch widerstehn.

Kurz danach, man schrieb 1969, ist Louis Armstrong zum Mond rauf gestiegen und hat als erster Mensch in echt gesehen, was Herr Gibb für eine Vision hatte.

Alles vergessen? So sind die Menschen und der Tiger …

Am Ende dieses Tages hatte der Asphalt Tiger wieder eine Menge gelernt!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kreuz und quer durch den Gemüsegarten, Seltsames Unheimliches Unverständliches abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s