Asphalt Tiger an der Oberen Havelniederung

.

Es ist kalt geworden. Auf einen Schlag fiel das Thermometer neben dem Klofenster um 20 Grad runter. Als Asphalt Tiger trotzdem um den Weißen See in Weißensee rumging, kam abwechselnd ein Schwung Sonne und ein Haufen Schnee runter. Die Sonne stach unsanft in die Augen, der Schnee zeichnete die Gegend in trügerischen Weichtönen. Kalten Weißtönen.

Der See war schon randvoll mit Wasser wie immer. Also: Nix wie wieder rein in die Hütte.

Drinnen schob Asphalt Tiger einen Baumstamm nach den andern auf den Holzkohlengrill neben seinem Sessel. Damit endlich warm wurde. Und hell! Die Baumstämme hatte er von seinem letzten Ausflug mitgebracht (wie klein ihm da seine Lieblingsstraßenbahn vorkam: passte kaum rein!).

Sein letzter Ausflug ging nach: an die Obere Havelniederung!

Tiger guckt sich sein Fotoalbum an, im flackernden Licht des Holzkohlegrills. Wie warm das da schon war! Als er da war: vor einem Monat etwa. Kurz vorm letzten Vollmond. Mitten am hellichten Tag war der schon zu sehen!

Erst ging er über den Oder-Havel-Kanal, bei Malz, nördlich von Oranienburg, und dann immer entlang der Havel. Während der Ober-Havel-Kanal ganz grade war, war die Obere Havel ganz krumm. Tiger genoss diesen Anblick. Während er das genießt, kommt er ganz im Jetzt an.

Abb.: Irgendwas bzw. irgendwer ist hier mit vollem Karacho in die Obere Havel rein. Das Schilf ist ganz niedergedrückt. Es muss etwas Schweres sein! Tiger fürchtet sich.

Oder-Havel-Kanal und Havel. Rein logisch ist diese Landschaft schwer zu knacken. Zwischen Oder-Havel und Havel liegt die Obere-Havel-Niederung. Auch dies eine schwer verdauliche coniuctio oppositorum. Aber warum ist der Tiger sonst in der Natur? Natur: das ist alles gleichzeitig.

Und im Gehen lösen sich dem Tiger schließlich alle Widersprüche auf: Die Vertikale ist hier eben eher horizontal. Und: wie oben, so unten.  Dies alles gibt dem Tiger nun nicht mehr zu denken. Die Welt ist flach.

Ein Schwan hat sich längst sanft ins Wasser gleiten lassen. Asphalt Tiger entdeckt ihn majestätisch wie ein Königskind zwischen Schilf.

Das Wasser der Havel ist tief, zumindest tief schwarz. Langsam, ohne Wellen, schwimmt der Strom dahin. Der Schwan lässt sich treiben und schaut sich manchmal um, ob der Tiger ihm folgt.

Der Tiger folgt dem Strom den Weg den Fluss entlang:

Hier, an der Havel, die majestätisch mäandrierend in die Niederung einschneidet, kriegt Asphalt Tiger einen Begriff, wie es zur Urzeit gewesen sein mag. Wo es noch keine Menschen hier gab (aber massig Tiger!). Wo immer, wenn es geregnet hat, hier alles unter Wasser stand! Wo noch nichts begradigt war, damit es schneller fließt und damit die Menschen mit ihren Schiffen darauf schnell dahin fahren können (Tiger schwimmen nur ungern).

Wo alles so war, wie David Blackbourn das in The Conquest of Nature beschrieben hat. Lest das mal, Leute!

(Wo im Sommer Säulen von Stechmücken schwirren, so dicht, dass die Säule in den Himmel schwarz ist, und so laut, dass es wie der Trommelwirbel des Preussischen Heeres klingt. Sagt wenigstens der Kutscher, der Theodor Fontane durch das Bad Freienwalde des 19. Jahrhunderts kutschiert hat, an den Urgroßvätern der Kameradschaft Märkisch Oderbruch vorbei).

Genug! Zurück zu den Sachen!

Kurzfristig rutscht Asphalt Tiger das Herz in die Hose! Denn am anderen Ufer sieht er einen Schatten! Ist es … Das Schattenreich!

Tiger bewegt sich keinen Schritt!

Es sieht so aus, als ob der Mann aus dem Schattenreich auch eine Kamera vor die Brust hält! Es scheint, er photographiert den Tiger! Hinter dem Mann aus dem Schattenreich steht der Mond. Hinter dem Tiger steht die Sonne.

Der Mann aus dem Schattenreich fotografiert eine schwarze Silhoutte. Der Tiger fotografiert einen grauen Schatten.

Als Tiger das gedacht hat, ist er beruhigt.

(Überall liest er jetzt, mitten in der Krise, Nachrichten, dass es tausende Welten gibt, die genauso sind wie unsere. Was soll besser werden, wenn die hier kaputt ist! Tiger sieht: Die andern sind genauso! „Also?“)

Und er geht weiter. Der Schwan, der auf ihn gewartet hat, schwimmt weiter.

Der Schwan schwimmt voran. Majestätisch. Ruhig.

Tiger atmet tief durch. Es ist so schön hier!

Seit Stunden hat er keinen Menschen mehr gesehen. Einige Kühe. Vier Rehe mindestens. Kraniche. Enten. Den Schwan. Die Obere Havel-Niederung ist, in ihrer Aufhebung aller Widersprüche, ein Paradies!

Nun, es soll nicht verschwiegen werden, dass unterirdische Wühlarbeiter auch hier ihre diversifizierende Tätigkeit ausüben. Aber es lockert den Boden ungemein auf! (Die Maulwürfe hier müssen groß wie die Riesen der Urzeit sein!)

Und nirgends haben die Biberpopulationen so gute Zähne wie in der Oberen Havel-Niederung! Sie vermehren sich hier wie die Karnickel!

Dafür erinnern die Wurzeln der Bäume hier, über dem ruhigen Wasser der Havel, den Asphalt Tiger an das schlechte Gebiss des irischen Folk-Punk Sängers Shane MacGowan von The Pogues. Kennt den noch wer?

Überall, wo hier Löcher sind, standen mal Bäume!

Aber das ist halt so, in der Urzeit. Und wenn da Löcher sind, fließt jedenfalls das Wasser ab!

Als wieder Land in Sicht ist, kriegt Asphalt Tiger mit, dass er in Neuholland gelandet ist!

Von hier geht, nachdem Asphalt Tiger eine halbe Stunde an der Landstraße gewartet hat, der Bus nach Oranienburg. Die Leute, die einsteigen, riechen nach Holz, das verbrannt ist.

In Oranienburg hat Louise Henriette von Oranien, als sie da nach ihrer Heirat mit dem Kurfürsten von Brandenburg hin kam, gesagt: „Hier sieht es aus wie in Holland! Hier gefällt es mir! (Deswegen: Oranienburg! Knicknack.)“ — „Stimmt!“ Sagt der Tiger. „Das kann ich Sie nur bestätigen, Gnä‘ Frau!“

In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kreuz und quer durch den Gemüsegarten, Mein Terrain abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s