Das Like-Kartell

„Wir haben jetzt ein Like-Kartell gegründet. Wir liken uns immer gegenseitig, um die Aufmerksamkeit zu steigern und um uns voranzubringen. Das bringt schon was!“ Die ehrgeizige junge Frau berät eine andere ehrgeizige junge Frau. Asphalt Tiger hört staunend zu. „Äh. Kann man da mitmachen?“

Die ehrgeizige junge Frau mustert ihn argwöhnisch. Asphalt Tiger erschrickt: ‚Man sieht mir meine niedrige Topic Engagement Rate also bereits auf den ersten Blick an? Und dass mein Key Performance Rater (KPI) scheiße ist. Ich falle bei der Sentiment Analyse auf Anhieb durch, und mir sind die Lücken, Knicks und Abwärtskurven meiner Vanity Metrics vermutlich so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass man mir ohne zu zögern die rote Scorecard zeigt.‘ Asphalt Tiger ist zutiefst verunsichert.

Was solls! Jeder Depp wird heute Influenza! Die Gesichtszüge der einen jungen Frau erhellen sich, und als die andere das sieht, erhellen sich auch ihre (danke, Spiegelneutronen!). Schnell hat sie den Business Plan für Asphalt Tiger festgelegt: Liken-Arbeitsbeginn punkt Acht in der Früh. In der Mittagspause weiter liken, Essen fotografieren nicht vergessen. Keine Kantine, schnell auswärts futtern, knipsen, nachbearbeiten, posten. Unbezahlte Überstunden selbstverständlich ebenfalls knipsen. Nachtschichten rundum liken, weil das Internet nie schläft. Graue Katzen auf dem Heimweg nachts (süß) nachkolorieren. Im Urlaub gegenseitig Liken, unter Palmen gesponsert von Tchibo.

Den Text hat Asphalt Tiger vor einem halben Jahr hingeschludert. Inzwischen ist die Sache irgendwie durch. Er stellt das hier eigentlich nur hin, um die Vergänglichkeit zu dokumentieren. Er liket die Vergänglichkeit sozusagen auf einer Metaebene. Draußen fallen schon die Blätter. Darauf schnell einen Jacno. Alles wird gut.

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