Der Dichterin

 

Vid.: It’s the System that makes you a Wanderer. Gute Musik!

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Asphalt Tiger würde nie eine Petition des „Verein deutsche Sprache“ unterzeichnen. Er hat mehrfach die Zeitung des Vereins gelesen – und fand sie unlesbar: eine deutschnationale Verhunzung und Verbürokratisierung von Sprache. Vielleicht hat man „früher“ so in den von Erika Steinbach (übrigens: Vereinsmitglied) repräsentierten östlichen Sprachinseln des Streu- und Sprengdeutschtums gesprochen, aber… Asphalt Tiger dagegen: „Free die Sprache!“

1. Bedeutende Schriftsteller*innen, Schriftsteller_innen, Schriftsteller/innen und SchriftstellerInnen unterzeichneten jüngst einen Aufruf des Verbands „gegen übertriebenes Gendern der Sprache“. Katja Lange-Müller begründet das für sich, indem sie unterscheidet zwischen Gender-Ungerechtigkeit in der Welt der Wirklichkeit und der gegen die Ungerechtigkeit gerichteten Repräsentation in der Welt der Sprache. Die sprachliche Repräsentation des andern Geschlechts würde das „herrschende Unrecht“ aber nicht beseitigen. Also unterschreiben.

2. Asphalt Tiger findet den Gedanken eigentlich nicht schlecht, dass sich die Frau, die in der Bäckerei arbeitet, „der Bäcker“ nennt, oder die Frau, die in der Amtsstube arbeitet, „der Buchhalter“, oder die Frau, die bei Amazon arbeitet, „der Picker“. Schließlich macht sie damit den geringen Grad ihrer Übereinstimmung mit dieser Wirklichkeit deutlich, und wie wenig sie diese bewohnt und wie wenig sie das, was sie da machen muss, um in der Wirklichkeit über die Runden zu kommen, „verkörpert“. Und wie sehr ihre Partizipation an dieser Welt durch den Gedanken an Feierabend, Urlaub, Pizza, Katzenbabys und andere Träume gefährdet wird.

Asphalt Tiger findet den Gedanken eigentlich ganz gut, Sprache, die ungeliebte Wirklichkeit beschreiben soll, lieblos zu gebrauchen (aber was wir mögen, sollten wir trotzdem schön sagen!!). Schlampig, pampig. So, wie das der „Verein Deutsche Sprache“ im Grunde genommen, wenn auch aus andern Gründen, verteidigt (Verein für deutsche Sprache? — Nein: Verein deutsche Sprache! Ich bin Alexanderplatz. Ich geh Aldi). Asphalt Tiger findet Ilse Aichingers „Schlechte Wörter“ gut (hat das Buch aber nie fertig gelesen), in dem die Autorin (auf den ersten Seiten zumindest, wenn Asphalt Tiger das richtig behalten hat) einen Wortgebrauch empfiehlt, der auf das passende Wort zugunsten einer nur einigermaßen schlecht sitzenden II. Wahl verzichtet. Sollten wir auf Gendern verzichten, um unseren begründeten Abstand zur Wirklichkeit zu wahren? Unsere Abneigung, unseren Unwillen. Vielleicht ist die (vom Verein Deutsche Sprache empfohlene) schlechte Sprache tatsächlich die dieser Welt angemessenere. Sozusagen Bartleby statt Diversity?

3. Aber Asphalt Tiger glaubt nach 1x kurz Nachdenken, dass mensch dazu erst 1x durch ein Bewusstseinszustand hindurchgegangen sein muss, der in dem Aufruf des Deutschsprechvereins gar nicht für möglich gehalten wurde. Denn da geht es ja nur um das „natürliche“ und um das „grammatikalische“ Geschlecht (der Mond, die Sonne, das Pony), nicht aber um das „2. natürliche“ (der Bäcker, der Beamte, der Picker), also, jetzt für die, die diesen Job macht, die zweite Natur, die Natur II. Klasse oder II. Wahl. Welche Bäckerin will schon Mond, Sonne oder Pony werden? Erika Steinbach? Ihr habt ja n kleinen Hütütü!

Aber das ganze ist ein weites Feld. Jedenfalls it’s the System that makes you ein Wanderer (A Wanderer).

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