Schneise

gänse und enten

Im Westen vom See lag immer das Futter. Gutmeinende Menschen haben es da ausgestreut im Winter, um den Schwänen und Enten auf dem Weißen See die Nahrungssuche zu erleichtern. Und um zu vermeiden, dass sie Menschen, Passanten, anfallen, wegelagerernd, mit scharfen, spitzzackigen Zahnreihen nach feisten Waden schnappend …

Tag für Tag sind die Schwäne und Enten (man sieht sie auf dem Beweisbild in trauter Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit, alte weiße und junge weißgraue Schwäne und allseits bekannte, buntgescheckte Enten zusammen, wie schon vom alten Kropotkin beschrieben, in einer Art ursprünglicher Versicherungskompagnie gen Westen schwimmend) gen Westen geschwommen, wo das Futter lag, und ham sichs geholt und stante pedem, stehenden Schwimmhautfußes, einverleibt, gakgakgak. Man kann auf dem Beweisfoto deutlich erkennen, wie diese Tendenz die Eisgestalt des Sees erst formte und dann nach und nach zum Schmelzen brachte, ein sich immer mehr verbreiternder und verallgemeinernder Prozess. Jetzt ist das Eis weg !!!

Wenn es nicht wärmer geworden wäre, durch einen weitreichenden Wirkungszusammenhang von Erdrotation und Sonnensystem und Universum, wäre es eindeutig wegen der Hilfsgemeinschaft von jungen und alten Schwänen, ubiquitären Enten und wohlmeinenden Menschen gewesen! Die Mitarbeiter des Umweltamts haben gleichzeitig mit dem Verschwinden des Eises einiges an Umwelt um den See entfernt – dicke Bäume, himmelhoch, dicke Baumstämme, wirre Äste, noch regennasse, grobporige Rinden, morsche Sägespäne und zum Schluss dann sämtliche Spuren klandestiner nächtlicher Tätigkeit !!!

frühling 2019 weißer see

Am nächsten Tag waren dann auch noch die alten, weißen Schwäne verschwunden. Die jungen, weißgrauen, ließen sich auf den Wegen um den See nieder und bewegten sich fortan nicht mehr, jeder in strategischem, publikumswirksamem Abstand von einhundert Metern voneinander entfernt. Da saßen sie auf dem Fußweg und rückten nicht von der Stelle. „So hab ich sie noch nie gesehen!“, sagte eine Passantin zum Asphalt Tiger. „Ich krieg‘ sie nicht aufgescheucht. Nicht mal mit Brot!“ Sie fuchtelt mit einem kompakten halben Kilo desselben in der Hand herum. Trauerten die Jungschwäne? Oder aber: Sit-in gegen — höhere Macht? Oder, mit Bourdieu (1968 ff.) — gegen strukturelle Gewalt?

Asphalt Tiger weiß zu wenig. Er kratzt sich am Kopf und wünscht der Schwanenaktivistin einen Schönen Tag. Die Mienen der Jungschwäne bleiben von höchster Opazität. Schließen sie vor Müdigkeit die Augen, sind sie entnervt, oder zwinkern sie ??? Kurz danach hat Asphalt Tiger ein Schneeglöckchen entdeckt, dann noch eins, im ansonsten kahlen Beet neben direkt dem See. „Die sanfte Macht der Natur!“ Asphalt Tiger hockt sich hin und spürt den Wortbedeutungen flüsternd nach. Silbe für Silbe, dann flüstert er nochmal: Silbe für Silbe. „Sanfte … na Natur.“ Ein Sonnenstrahl flirrt über den See, dann noch einer. Asphalt Tiger guckt lange hin. Dann hört er die Natur tief atmen.

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