Die Höhendominante

die höhendominante potsdam

Ein wichtiges Charakteristikum der „sozialistischen Stadt“ — heißt es bei Wikipedia — war die „städtebauliche Höhendominante, die von der ‚Sieghaftigkeit des Sozialismus‘ zeugen konnte“ — im Potsdamer Fall, nun ja, ein Hotelkomplex, im Hintergrund zu sehen.

„Die Übertragung der sozialistischen Idee auf ein Stadtmodell“, heißt es im gleichen Wikipedia-Artikel, „hatte zwei wichtige ideologische Grundlagen“, nämlich zum einen „die Abschaffung des privaten Grundeigentums und der sich daraus ergebenden Phänomene wie die Bodenpreisentwicklung nach Marktgesetzen, Grundstücksspekulation sowie einzelwirtschaftliche Investitionsentscheidungen, die durch Planung zugunsten des Allgemeinwohls ersetzt werden sollten“, sowie zum anderen „die Überwindung der sozialräumlichen Segregation, also beispielsweise der Existenz von ‚armen‘ und ‚reichen‘ Stadtteilen“.

So ersetzte im Fall Potsdams eine Fachhochschule für alle, die sich vormals Bildung nicht leisten konnten, die architektonische Allianz von Kirche und Krone. Vorbildlich, sollte man meinen! Die FH: ein Bau, der, in Sichtweite der Höhendominante, in die Breite ging. Die Reste der FH: im Vordergrund zu sehen.

Nun ja, Monumente sozialistischer Sieghaftigkeit können die gerade Herrschenden, als „die Erben aller, die je gesiegt haben“ (Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, VII), offenbar nicht gelten lassen: Unbedingt müssen diese Bauwerke geschliffen werden. Asphalt Tiger knipst schnell und sichert die Beweismittel. Die FH: Zerstört. Die Höhendominante: noch da. Wie lange noch.

Doch: Auch wenn man Gebäude als historischen (und damit prinzipiell auch fehlbaren), materiell-physischen Ausdruck einer sozialistischen Idee zerstört, so lässt sich die dauerhafte Aktualität der Idee selbst wohl nicht so leicht beseitigen: sie geistert herum. Die konservative Zeitung Die Welt meldete am 4. Juni 2018, dass laut Forsa-Umfrage 53 Prozent der Berliner Bürger_innen illegalisierte Hausbesetzungen für ein legitimes Mittel halten, um die Wohnungsnot — die ja schließlich verursacht wird durch, um die Wikipedia-Formulierungen von oben aufzugreifen, „Phänomene wie die Bodenpreisentwicklung nach Marktgesetzen, Grundstücksspekulation sowie einzelwirtschaftliche Investitionsentscheidungen“ — zu bekämpfen. Weiter so!

 

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