Anstand

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Wildschweinfütterung bei Breitenbuch, ganz einsam im höchsten Odenwald, nicht weit vom Hainhaus mit den steinernen Sitzen der Feme, von der ich nicht bezweifelte, es sei die gleiche, welche Adelheid von Weislingen verurteilte, eine meiner frühesten Geliebten aus Büchern.

Ich meinte, noch vor wenigen Jahren, die Wildschweine, viele Hunderte, würden um ihrer selbst willen gefüttert. So hatte ich in der Kindheit unter den Anständen, die man mir in den Amorbacher Wäldern zeigte, eine Einrichtung mir vorgestellt, die dem Wild zugute kommen sollte, das da, wenn es gar zu heftig gejagt wurde oder fror, über die Leitern hinaufkletterte, Schutz und Zuflucht finde. Das wäre doch Anstand gewesen, der dem Wild gegenüber.

… , schreibt Theodor W. Adorno in seiner kleinen Kindheitserinnerung „Amorbach“ (in: Ohne Leitbild, Frankfurt am Main 1967, S. 27 f.). „W.“ wie Wiesengrund, natürlich. Immer wieder denkt Asphalt Tiger dieser Tage an diesen Text, wünscht er sich doch heute — in Zeiten zunehmender Verrohung: Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus — mehr denn je „Mehr Anstand!“ Was das Ganze anbelangt, wird der heranwachsende Adorno zwar enttäuscht — sieht aber auch Hoffnung: im Grün.

Wie ich lernen musste, dass jene luftigen Baumhütten Jägern dienten, die auf dem Anstand lauern, um das Wild zu schießen, erklärte mir ein Kundiger, die Fütterung in Breitenbuch fände nicht der friedlichen Sauen zuliebe statt, nicht einmal bloß, um die Äcker vor angeblichen Verwüstungen zu behüten, sondern vorweg, um den Jägern ihre Beute am Leben zu erhalten, bis sie ihnen vor die Büchse liefe.

Solche bedrohliche Vernunft indessen konnte keineswegs den mächtigen Keiler beirren, der aus dem Farnkraut sich erhob und auf uns zukam, ungemütlich wie einst der Wildschweinduft im Forst von Preunschen und Mörschenhardt, bis wir bemerkten, dass er, offenbar aus der weiteren Umgegend erst nach der allgemeinen Fütterung eingetroffen, von uns eine individuelle erwartete. Vorweg gab er Zeichen des Dankes von sich und trottete enttäuscht davon, als wir nichts für ihn hatten. — Inschrift am Gehege: ‚Wir bitten um Sauberkeit und Ordnung.‘ Wer wen? (ebd.)

Seufz! Schön! Ermutigend. Asphalt Tiger ist sich gewiss: Das Glück ist auf der Seite der Nichtidentischen. Jedenfalls mit etwas Pfiffigkeit, Eigensinn … und einem gehörigen Maß Schlendrian (Das ist die Weisheit auch des heutigen Tages, der mit einer Dreiviertel Stunde Verspätung begann. Alerta!).

*

Asphalt Tiger bewundert die zartfühlende Empathie Adornos, der sich für ungeeignet erklärt, „einen Begriff wie den des Leitbilds zu übernehmen“, um es — im Sinne einer allgemeinen, invarianten Norm — „positiv anzuwenden“ (Ohne Leitbild, S. 7), in der Unberechenbarkeit und Ungehörigkeit des Wildschweins aber eine Kraft entdeckt, die es individuiert, es zum Subjekt werden lässt, und zwar gerade in der Weigerung, sich mit seinem vermeintlichen Schicksal zufrieden zu geben und mit sich selbst identisch zu bleiben — und damit etwas Vorbildliches. In Ernsttal, dem Leiningenschen Besitz, berichtet er,

erschien eine Respektsperson, die Gattin des Eisenbahnpräsidenten Stapf, im knallroten Sommerkleid. Die gezähmte Wildsau von Ernsttal vergaß ihre Zahmheit, nahm die laut schreiende Dame auf den Rücken und raste davon. Hätte ich ein Leitbild, so wäre es jenes Tier. (Ohne Leitbild, S. 27)

„Liebe Leserinnen und Leser“, empfiehlt der Asphalt Tiger, „denkt darüber nach!“

 

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