Die Documentapolizisten und ihr Campingwagen

documenta polizei

Eines der schönsten Ausstellungsstücke auf der diesjährigen Kasseler Documenta war die Documentapolizei. Ihr Wohnwagen am Rande des Friedrichsplatz, schräg gegenüber vom Friedericianum, war eines der meistbestaunten Kunstwerke. Die beiden Documentapolizisten gehörten dazu, natürlich!

Früh morgens schon versammelte sich die Publikumsmenge, um gemeinsam den Tagesanfang der Documentapolizisten zu besichtigen. Erst klingelte laut hörbar der Wecker, dann rumpelte und pumpelte es im Polizeiwohnwagen, wenn sich die erwachenden Documentapolizisten erst in, dann aus ihren Federbetten wälzten. Ein Schlürfen von Hausschlappen, dann öffnete sich die Wohnwagentür und die beiden standen – nacheinander, natürlich – im Wohnwagentürrahmen, blinzelten verschlafen in die Sonne, räkelten sich, nahmen verwundert die Zuschauermenge wahr, fuhren sich durch die vom Schlaf zerstrubbelten Haare und schlenderten dann, in ihren blauweißsilber gestreifen Polizeischlafanzügen, die Zahnbürste in der Linken, das Waschzeug in der Rechten, die Polizeifrotteehandtücher unterm Arm, zum Polizeiduschcontainer. Das warme Wasser prasselte. Die Polizisten gurgelten. Einer zog die Spülung.

Derweil die Kaffeemaschine im Polizeiwohnwagen gluckerte. Wenn die Documentapolizisten mit ihrer Morgentoilette fertig waren, deckten sie den Frühstückstisch auf dem Campingtisch (blauweißsilber gestreifte Deckchen) vor dem Wohnwagen, zogen die Campingstühle an den Tisch heran und ließen es sich – bei Filterkaffee, Butterhörnchen und Marmelade und hartgekochtem Frühstücksei – wohl ergehen. Die Documentazuschauer staunten nicht schlecht!

Dann legten sich die beiden Documentapolizisten auf ihre Sonnenliegen und cremten sich, in blauweißsilber gestreifte Badehosen gekleidet, am ganzen Körper gut ein. Wenn die Sonne zu kräftig schien (was im diesjährigen Documentasommer nur selten der Fall war), schoben sie den Sonnenschirm ein Stück weiter und sich in den Schatten. Mittags holte einer von den beiden eine Kilopackung Binnenländer Kartoffelsalat und eine große Dose Deutschländerwürstchen aus dem Campingwagenkühlschrank und die beiden Polizisten schlemmten genüßlich. Eingelegte Gurken gab es auch. Dazu ein Malzbier für jeden.

Das Documentapublikum zerstreute sich immer wieder, aber immer wieder kamen neue Leute dazu. Wenn es zu heiß war, hatten sich manche Papierhütchen aus den Documentawegweisern gebastelt, wenn es regnete, verteilte die Documentaaufsicht Regenschirme. Aber wenn es regnete, waren die beiden Documentapolizisten die meiste Zeit drinnen, lagen auf ihren Matratzen und lasen Romane und lösten Kreuzworträtsel.

Abends? Abends hatten die Documentapolizisten Feierabend! Wenn die Türen der heiligen Documentahallen offiziell bis zum nächsten Morgen geschlossen wurden, ließen auch sie den lieben Gott einen guten Mann sein und beendeten ihr Tagwerk. Dann waren die Documentapolizisten wieder das, was sie schon immer waren: ganz normale Polizisten!

Beim Blättern in irgendeinem der zahlreichen diesjährigen Documentabände und -zeitschriften hat Asphalt Tiger auch einen Artikel über die beiden Documentapolizisten und ihren Polizeicampingwagen gelesen. Asphalt Tiger fand, der Artikel war ziemlich schwierig, wegen der postkolonialen Theorie. Das Kunstwerk der Documentapolizei wurde, wenn Asphalt Tiger das richtig verstanden hat, scharf kritisiert und gelobt zugleich. Es zeige die ubiquitäre Präsenz des Anderen in seiner Irreduzibilität und Schlechthinnigkeit, sei aber zugleich unmittelbare Artikulation kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse — Verhältnisse, die, so der Kurator Adam Symzcyk (wenn Asphalt Tiger das richtig verstanden hat), schließlich auch den Kunstmarkt sowie jede Tätigkeit im kapitalistischen Kunst- und Kuratorensystem durchzögen, also auch die der Documentapolizisten. Nicht jedem Betrachter, nicht jeder Besucherin, sicherlich, wurde bewusst, das er_sie, eingespannt in ein museales, das heißt prinzipiell postkoloniales Blickregime, dazu beitrug, dass der Andere in seiner Verkunstung erst zum Anderen wurde!

Die Documentapolizisten jedenfalls, das war offensichtlich, genossen ihre Zeit auf der diesjährigen Documenta als Urlaub vom Alltag. Bereits in ihren Herbstferien waren sie wieder da und bockten ihren Wohnwagen auf dem Kasseler Friedrichsplatz auf. Dass man den verkunsteten oder alltäglichen Anderen anstarrt, nicht aber mit ihm spricht, das waren sie schließlich gewöhnt.

Asphalt Tiger war, als er sich in der Menge der Zuschauer untertauchte, das Kunstwerk der Documentapolizei aber ein Vorschein auf eine bessere Zukunft, ja eine Utopie: Mögen doch bald alle Menschen so friedlich, gut gelaunt und gelassen sein wie unsere beiden Documentapolizisten im diesjährigen Documentasommer, 2017!

Jippie!

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