Flüchtende Bilder

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Es ist klar, dass hierzulande, wenn etwas Neues kommt, dieses gleich in die Innovationsmaschine gestopft wird, um hinten als Wert + Mehrwert rauszukommen. Nachdem inzwischen bereits die Handwerks- und Gewerbebetriebe des deutschen Mittelstands die Geflüchteten als Chance begriffen haben, Arbeitskräfte für unterbezahlte Tätigkeiten zu finden, und die deutsche Immobilienwirtschaft das renditesteigernde Potential des Flüchtlings abklopft — auf dem „Berliner Immobilienkongress“ am 24. Mai 2016 vorerst vorsichtig, mit Gastredner Heinz Buschkowsky –, entdeckt nun auch die Wissenschaft, wie profitabel Flüchtlinge sind.

Die Kulturwissenschaft macht sich dabei die wissenschaftliche Wertschöpfung durch Flüchtlings-Innovation sicherlich am leichtesten: Am leichtesten ist die Metapher, die Flucht in Flüchtiges verwandelt. Am leichtesten und schnellsten verflüchtigt sich leider auch der Geist. Daher muss Kulturwissenschaft leichte Geistigkeit mit  Bedeutungsschwere koppeln: Die Fluchtbewegung als Warburg’sche Pathosformel von anthropologischer, überzeitlicher Bedeutung. Kulturwissenschaftler haben natürlich weniger Flüchtende, die schweren Fußes durch Wüsten, Strandbäder, Fußgängerzonen, über Landstraßen und Grenzzäune stapfen, im Blick, sondern ihre Bilder:

Die gegenwärtigen Fluchtbewegungen betreffen das Bildliche vielfältig. Die Präsenz in der medialen Berichterstattung, die diverse Perspektiven auf die Flucht, ihre Ursachen und Folgen abbildet oder ausblendet, verweist auf das Evokations- und Affektionsvermögen der Bilder. In einer drastischen Steigerung der Warburg’schen Bilderwanderungen flüchten auch die Bilder selbst, sei es, dass sie die Flüchtenden begleiten, sei es, dass sie transmediale Fluchtwege vor einem propagandistischen Bildersturm einschlagen. (Call for Papers: Flüchtige Bilder)

Die trans- und interdisziplinäre Veranstaltung „Flüchtige Bilder. Affekt // Repräsentation“ an der Universität Hamburg, die vom 1.bis 3. Dezember 2016 stattfinden wird, klinkt sich also weniger in aktuelle asylpolitische Debatten ein, um ein Bleiberecht für alle etwa. Ihr Projekt ist zeitloser, und das heißt heute: Es geht auch um Religion. Nämlich um die Auseinandersetzung zwischen Bilderverehrung und -zerstörung.

In allen Fällen spielen idolatrische wie ikonoklastische Bildpraktiken eine erhebliche Rolle, Praktiken, die auf eine starke affektive Beteiligung der Akteur/innen mit intersubjektiv durchaus verschiedenen Ausrichtungen hindeuten. […] Das außerordentliche Affekt- und Affizierungspotential der Bilder spielt unter anderem bei ihren Funktionen als Träger von Erinnerungen und Hoffnungen, bei Identitätskonstruktionen und bei ihrem strategischen bis manipulativen Einsatz in politischen Kommunikationsprozessen eine erhebliche Rolle.

Methodologisch bezieht man sich also auf Aby Warburg. Ein kulturwissenschaftlicher Klassiker! Kulturwissenschaft demonstriert hier, dass das Ganze mit den Flüchtlingen nicht vollkommen neu ist, sondern eine Entwicklung, die sich auf einem Terrain vollzieht, das von den Kulturwissenschaften bereits seit Generationen mit methodischer Sorgfalt beackert worden ist. Wenn die Sache so neu, so revolutionär wäre, dass die Flüchtlinge bestehende Arbeitsteilungen und territoriale Deutungshoheiten einfach so über den Haufen werfen könnten, wäre das ja brandgefährlich! Nur wenn sich Flüchtlinge in bereits existierende wissenschaftliche Apparate einfangen lassen, können sie profitabel verwertet werden. Also: Der Flüchtling ist an sich, rein thematisch, ein alter Hut.

Fluchtbewegungen sind ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte: Aeneas floh mit seinem Vater Anchises auf den Schultern und seinem Sohn Askanios an der Hand aus dem brennenden Troja, die Israeliten vor der Unterdrückung in Ägypten, die Heilige Familie floh, um dem Kindermord des Herodes zu entgehen. Die Beweggründe für eine Flucht, die das Herkunftsland zu einem unsicheren Ort werden lassen, reichen von der Auflehnung gegen ein politisches System über Krieg und Gewalt bis Vertreibung und Hunger.

Der Kulturhistoriker zuckt mit den Achseln: Was soll man tun? Fluchtbewegungen sind eine anthropologische Konstante, genauso wie Ungerechtigkeit, Jammer und Elend! Sagt das nicht auch der Historiker Jörg Baberowski in seinem Buch über die „Gewalträume“, die sich in von ihm inspirierten Forschungsprojekten jetzt überall verbreiten? Schmerzhaft ist das, sicherlich! … Aber: Was solls! Da Fluchtbewegungen Ergriffenheitsgesten und Pathosformeln sind, also etwas zutiefst Religiöses, können sie zugleich — einer altbekannten kulturwissenschaftlichen Gleichung ohne Unbekannte entsprechend — auch etwas anderes zutiefst Religiöses sein: nämlich eine Quelle der Fülle (vgl. Charles Taylor, A Secular Age), und so etwas tröstet ungemein!

Im Rahmen von Fluchtbewegungen entstand und entsteht zu allen Zeiten eine Fülle, eine schier unüberschaubare Masse an Bildern, die das Leid der Flüchtenden zu spiegeln suchen, die Fluchtwege nachzeichnen oder auf die Fluchtursachen verweisen wollen. Auf der Flucht begleiten und berühren Bilder der Heimat, der Zurückgebliebenen oder solche einer verheißungsvollen Zukunft.

Eine Bilder-Fülle, ein natürlicher Reichtum, eine unerschöpfliche Ressource, nur für die Kulturwissenschaft! Die Flüchtlinge verheißen eine Menge Arbeit, Aufträge, Einnahmequellen. Jungs, Mädels! Ran an den Schreibtisch, ins Forschungslabor, ins Auditorium! Es gibt für die nächsten Jahrzehnte was zu tun! Eine verheißungsvolle Zukunft bricht an …

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