Management durch Fehlentscheidungen

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Unglaublich, aber wahr: 1973, ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods, als alle Arbeiter fleißig Schraubenschlüssel in die Zahnräder warfen, hatte einer eine Idee, wie der ganze Schmonzes immer noch zu retten wäre:

Emil Kowalski!

Mit seinem Buch Management durch Fehlentscheidungen (Management by Errors) brachte er neuen Schwung in die Wirtschaft, und es ging wieder bergauf und bergab. Kühn behauptete sich der Autor gegen die langweiligen Management-Spießer:

Die lange Reihe der Bücher über Management-Theorien um ein weiteres zu vergrößern wäre nicht notwendig, wenn das Kapitel Management abgeschlossen und definitiv bereinigt wäre. Die Fülle der Literatur zu diesem Thema täuscht aber. Sie ist nichts anderes als Ausdruck der Ratlosigkeit, der auch die gelehrten Köpfe beim Betrachten des Phänomens Wirtschaft verfallen und der sie dadurch zu entfliehen versuchen, dass sie in sich geschlossene, kongruente Modelle einer bürokratisch erstarrten, nie funktionsfähigen Organisation ersinnen und an den Modellen ihrer Management-Theorien messen. (Kowalski 1973, S. 7)

Man sieht: Fluch der Bürokratie, das geht schon damals in Richtung Lean Management. Effizienz! Flexibilität! Schöpferische Zerstörung. Emil Kowalski, weitermachen!

Es mag zunächst überraschen, aber es zeigt sich mit kausalistischer Klarheit, dass die Wirtschaft nur deshalb funktioniert, weil das Management eine humane Komponente hat, die es befähigt, Fehlentscheidungen zu treffen, kreative Fehlentscheidungen, notabene. Dieser Tatsache ins Auge zu sehen, dem Manager die Scheu vor einer auf den ersten Blick fehlerhaft erscheinenden und in Wahrheit aber kreativen Entscheidung zu nehmen, dies ist das Ziel dieses Buches und gleichzeitig seine Rechtfertigung. Ich glaube fast, es ist das einzige Buch über das Management, das mit der notwendigen wissenschaftlichen Strenge geschrieben wurde. (Ebd.)

Asphalt Tiger wird warm ums Herz. Alles hat endlich einen Sinn! Wenn er grade nicht so zappelig wäre, würde er dem Autor bis ans Ende seines 219 Seiten langen Buchs folgen. So liest er noch das kurze Vorwort zu Ende

Dieses Buch unterscheidet sich noch in einer anderen Hinsicht wohltuend von den übrigen Schriften über das Management. Andere Bücher enthalten meistens einige tiefsinnige Gedanken und glänzende Ideen. Diese sind aber notgedrungen dünn gesät, und der Zwischenraum ist mit banalen Feststellungen gefüllt, um der Publikation den nötigen Umfang zu verleihen. An den Leser werden deshalb hohe Ansprüche gestellt – er muss eine Menge Sand sieben, um an die wenigen Perlen heranzukommen. Nachdem aber einmal die Relativität der Begriffe „richtig“ — „falsch“ in der Management-Theorie sowie die Kreativität des Zufalls erkannt wurde, kann man a priori keine unverrückbaren Wahrheiten mehr produzieren. Ich konnte es mir deshalb erlauben, ein Buch ganz ohne tiefsinnige Gedanken zu schreiben, was dem Leser das Lesen wesentlich erleichtert: Das Sieben von Sand fällt mangels vorhandener Perlen weg. (ebd., S. 7 f.)

Emil Kowalskis Werk war einst wegweisend! Das Fehlen von Perlen – wir haben uns an das, was einmal revolutionär und neu war, längst gewöhnt. Wenige Spuren nur hat der Autor und sein „Institute of Dadaeconomics“ im Sand der zeitgenössischen Belanglosigkeiten hinterlassen.

Ein Rezensent der FAZ erkannte früh, dass seiner Theorie des Managements by Errors eine großartige Karriere bevorstehe: „Was Northcote Parkinson für die öffentliche Verwaltung, das wird künftig dieser Emil Kowalski für das Industrieunternehmen sein.“ (FAZ vom 20.2.1973, S. 15) 1984 erlebte sein visionäres Buch eine Neuauflage. Beim Amazon-Versand und bei ZVAB kann man sie gegenwärtig für 1 Cent gebraucht erwerben. Unbedingt zuschlagen! (Oder? Amazon??).

Warum so billig? — Ist das, was Emil Kowalski 1973 geschrieben hat, heute wirklich derart selbstverständlich geworden, dass niemand mehr sein Buch zu lesen braucht? Sollten wir es nicht grade deswegen lesen, weil hier alles in aller Deutlichkeit zu entziffern ist, was uns heute in Fleisch und Blut eingegangen ist?

Hier ist alles noch neu, glänzend, einzigartig. Natürlich, auch damals schon stand Kowalski nicht vollkommen ohne Anhänger da, die fest an ihn geglaubt haben:

Zum Zustandekommen dieser Studie haben viele Freunde und Gönner in Spitzenpositionen der privaten Wirtschaft und der öffentlichen Dienste maßgeblich beigetragen, sei es durch ihre Ratschläge, sei es durch ihr Verhalten in typischen Management-Situationen. Aus unverständlichen Gründen haben sie es aber vorgezogen, an dieser Stelle nicht genannt zu werden. (S. 8)

Dass Emil Kowalskis besonderer Dank aber seinem Kater Mickey gilt, „der sich um dieses Werk dadurch verdient gemacht hat, dass er trotz mehrerer Versuche das Manuskript nicht aufgegessen hat“ (S. 8), sichert dem Autor Asphalt tigers ganze Sympathie.

Emil Kowalski: Guter Mann! Unbedingt lesen!

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