Drüben

„Du, koenntest du shwimmen,

wie Delphine / Dolphine es tuen?

Niemand gibt uns eine Chance

doch wir koennen siegen

fuer immer und immer

Und wir sind dann Helden

fuer einen Tag“ (David Bowie)

Erst Lemmy, jetzt Bowie. Lemmy, klar: hat immer auf den Tod hingelebt. Der Tod war immer auf seiner verspiegelten Sonnenbrille, von innen. Aber David Bowie war von Anfang an bis in die Gegenwart der Modernist. Und immer modern sein heißt: ewig leben.

Jetzt ist auch er tot. Kaum zu glauben.

David Bowie, da waren sich immer alle einig, hat Grenzen ausgelotet und überschritten. War ewig jung und altert nicht und war doch als Junger schon abgeklärt wie ein Alter. David Bowie, das war der Modernist: Fortschritt! Zukunft! Neu! Glaube an Innovation! Aber: kühl. Ein Wissenschaftler, ein Forscher, schaut unbewegten Auges. Und während die andern (Stones, Dylan) sich immer mehr zurückwenden, Traditional Blues, Schunkelmusik, oder sterben oder totgeschossen sind(Beatles), überschreitet Bowie eine Grenze nach der andern:

1973: Grenze zum Mädchen: Schminke, Haare!

Neue Kleider, enge Hosen: hat er immer wieder abgestreift. Man nannte ihn deswegen: „Das menschliche Chamäleon“! Das Chamäleon ist ein Tier, deswegen: Grenze zum Tier.

Dann, 1976, im Kino, „Der Mann, der vom Himmel fiel“: ein Außerirdischer. Die Grenze ‚Der Himmel‘ überschreiten! Marciontisch: Der Körper ist nur Hülle für das eingeschlossene Sternenlicht, ‚Holt mich hier bloß wieder ab‘. Ziggy Stardust, Star Man, Is there Life on Mars, Space Oddity. Immer wieder: Weltall! Transzendenz …

Dann, 1977: „Heroes“. Also Helden! Halbgötter. Wo geht die Grenze durch? Wagrecht am Bauchnabel oder vom Scheitel bis zur Sohle? Bowie entzog sich durch erneute Transformation und Steigerung der Komplexität einer voreiligen Beantwortung dieser Frage: Helden sind doch Dolphine (s.o.)! Also Halbgötter sind irgendwie auch Tiere, wodurch Asymmetrien in Körper und Verschiebungen und Schwankungen in die Grenze kommen. Unberechenbar.

Dann, 1990er: Futuristische Maschinenmusik. Ein eisiger Wind auf kalter Oberfläche — ein neuer Willen zur Überwindung : der Grenzen des Organischen. (Das Anorganische des Metalls war aber natürlich von Anfang an Bestandteil seiner Stimme und seines zweifarbigen Blicks. Kühl, drohend, reserviert.

Und ist der kompromisslose Gestus des Dezisionisten Bowie, der sich in seinen Entscheidungen frei macht von moralischen Urteilen, nicht verwandt mit dem Algorithmus des Computers, dessen Programmierbarkeit im Innern des Apparats den Ablauf endlos neuer Entscheidungen zwischen Null und Eins ermöglicht, um im Endergebnis etwas vollkommen Neues zu erzeugen, das, schaut man nur aufs lackierte Gehäuse, sich nicht erahnen lässt und sich nach herkömmlichen Maßstäben nicht beurteilen lässt?)

Schließlich, vor wenigen Tagen, hat David Bowie eine neue Grenze überwunden. Wie ein Dolphin sprang David Bowie über die letzte Grenze, mühelos, ohne Anstrengung, nach Drüben, ins Jenseits.

Der Tod ist die letzte Grenze des Lebens. Sie zu überwinden ist die riskanteste Sache der Welt: Der Tod kostet das Leben. Die Menschen, die noch leben, bewundern die Toten: Albert Einstein, Lemmy von Motörhead, Udo Jürgens — sie haben es geschafft. Darüber hinaus, eine weitere Hürde, die den Menschen den Mut nimmt, sie zu überwinden: Alle Toten, an die sie sich erinnern können, sind berühmt! Ein Star, das wird ein Stern: eine große, eine einmalige Persönlichkeit.

Die Menschen auf der anderen Seite, eine bunte Meute, winken ab: „Pah! Geht doch! Kommt auch rüber! Ist ganz leicht!“ Schließlich haben sie es auch geschafft. Und zwar alle, die drüben sind! Davor hatten sie ebenfalls unsägliche Angst davor, aber als sie erst einmal drüben waren, haben sie gelacht. Gemeinsam, das tut gut!

*

Wir Menschen leben hier weiter. Auf der Erde. Alleine. Ohne die lieben Toten. Und wir müssen uns, mit jedem Tod mehr, mit dem Schwinden vertrauter Gewissheiten vertraut machen. Mit dem Schwinden dessen, was bis jetzt den unhinterfragten Hintergrund unseres alltäglichen Lebens ausgemacht hat: dass sie da sind, dass sie da bleiben. David Bowie, der ewige Modernist, der uns mit seiner Popmusik unser ganzes bisheriges Leben begleitet hat, der, seit wir denken können und schon lange davor, im Radio gesungen und im Fernsehen getanzt hat, ist tot. Dass er immer wieder Grenzen überschritten hat, daran hatten wir uns gewöhnt. Das haben wir so von ihm erwartet. Dass er aber, gegen alles besseres Wissen, nicht ewig lebt, ist ein Schock, den wir erst einmal verarbeiten müssen.

Wir spüren plötzlich die Leere hier und in der tiefen Dunkelheit des Weltalls eine Fülle, die sich von uns weg ausdehnt.

*

Was soll man denn jetzt machen!? Wer erfindet denn hier jetzt noch was neu!? Man muss doch erst mal wieder das Erfinden neu erfinden!

 

 

 

 

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