Zauberwelt der Wissenschaft

Vid.: „Free the People – Now! Do it, do it, do it, do it – Now! / Stop the Killing – Now! Do it, do it, do it, do it – Now!“

*

Die Straßenbahn ist voll. Asphalt Tiger hangelt sich am Haltegriff hin und her, in der anderen Hand hält er ein oranges Buch. In seinem Fortschrittsoptimismus erwartet Condorcet im Jahr 1794, dass der Tod in Zukunft „nurmehr die Wirkung außergewöhnlicher Umstände“ sein werde.

Eine Frau mit Kinderwagen steigt ein, und Asphalt Tiger stellt sich woanders hin. Dass der Tod abgeschafft werden kann, dass „Kontingenzerfahrungen und Sinnprobleme, die bisher religiös gedeutet und kultisch abgearbeitet worden sind“, „[…] entweder in wissenschaftlich bearbeitbare Probleme umgesetzt und in diesem Sinne rational gelöst oder als Scheinprobleme durchschaut und objektiv zum Verschwinden gebracht werden können“ hält Habermas (1981: 215) für riskant. 25 Jahre später redet er mit dem Papst. Der hält das auch für riskant und wackelt mit der Hand.

Asphalt Tiger: Und was ist mit der Oma? Er klappt das orange, schon zerlesene Buch zu und kratzt sich hinten am Kopp. Er wird das Buch nie weiterlesen. Die Schulkinder mit den Zahnlücken sind längst mitten in der wissenschaftlichen Debatte drin:

„Ein Mensch kann hundert Jahre alt werden!“

„Kann er nicht! Mit hundert Jahren wird man tot!“

Sechs, sieben Kinder übertreffen sich gegenseitig. Und laut!

„Ich kenne eine Oma, die ist 99 Jahre alt!“

„Deine Oma!“

„Nein! In einem Pflegeheim!“

So kommen wir nicht weiter.

„Ein Mensch kann aber keine 900 Jahre alt werden.“

„Aber eine Schildkröte kann 400 Jahre alt werden.“

„Eine Schildkröte ist ein Dinosaurier, der noch lebt.“

„Aber Dinosaurier sind ausgestorben.“

„Schildkröten leben noch! Zum Beispiel in Australien.“

Man muss die Probleme von allen Seiten betrachten.

„Entzückend!“, sagt eine junge Frau und lächelt Asphalt Tiger an. Aber es ist auch sehr ernst.

„Adam und Eva waren die ersten Menschen!“

„Quatsch! Adam und Eva waren Babys.“

„Die ersten Menschen haben Fleisch gegessen!“

„Dinosaurier waren die ersten Lebewesen auf der Erde!“

„Erst kamen die Dinosaurier, dann kamen die Menschen.“

„Die Erde ist 2,4 Million Jahre alt.“

„Aber die Erde lebt nicht! Wenn die Erde leben würde, hätte sie ein Gesicht. Hat sie aber nicht!“

„Da! Ein Fenster voller Tiere!“

„Boah!“ Alle schauen aus dem Fenster raus. In dem Fenster hängen unzählige Stofftiere!!!

Weiter.

„Adam und Eva waren die ersten Menschen!“

„Quatsch! Adam und Eva waren die ersten Menschen von Rom!“

Wenn Wissenschaft eine Zauberkunst ist, die unlösbare Probleme der Menschheit löst: dann war und ist Wissenschaft doch erfolgreich! Sicher: Riskant! Aber wenn die Oma Spaß dran hat!

Die ersten Menschen von Rom starben noch jung! Kaum erwachsen, fielen ihnen die Zähne aus, und hungrig und müde wurden sie zum leichten Opfer der letzten Riesenechsen. Ein Happs – weg! Heute ist so etwas zum Glück, trotz Krokodilen und Riesenschildkröten, undenkbar.

Der modernen Wissenschaft gelingt es, Dinosaurierzähne aus dem Boden auszugraben, über den Ozean bis nach Australien zu fahren, alte Tiere zu entdecken – und eine Oma 99 Jahre alt werden zu lassen! Ein Hoch auf ihre Zauberei! Ein Hoch auch auf die Oma, die noch an die Wissenschaft glaubt!

Aber auch: Danke für die zarte Zuneigung des jungen Menschens, der die alte Oma im Heim besucht und ihre Kontingenzerfahrungen und Sinnprobleme wegzaubert! Oma freut sich!

Schön, oder?

Und Asphalt Tiger ist überzeugt: Bei der heranwachsenden Generation junger Wissenschaftler, die er heute in der Straßenbahn erlebt hat, haben religiöse Spinner und spinnerte Philosophen keine Chance! Ein Glück!

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