9. November am Stadtschloss

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Abb. 1: Das Stadtschloss Berlin. Asphalt Tiger liebt Beton!

Und wirklich sah es einen historischen Augenblick lang so aus, als ob die Revolution vom 9. November den Spartakus-Sieg besiegeln würde. Um 2 Uhr hatte Scheidemann die Republik ausgerufen; um 4 Uhr erschien Karl Liebknecht vor dem Schloss und erklärte: „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland. Wir grüßen unsere russischen Brüder, die vor vier Tagen schmählich davongejagt worden sind.“ Auf das Hauptportal des Schlosses weisend, sagte er: „Durch dieses Tor wird die neue sozialistische Freiheit der Arbeiter und Soldaten einziehen. Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen.“

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Bei einer weiteren Ansprache vom Altan des Schlosses sagte Liebknecht: „Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. […] Wenn auch das Alte niedergerissen ist, dürfen wir doch nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt. […]“ (Ossip K. Flechtheim, Die KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 1969)

Oh verloren! Kaum war die alte staatliche Ordnung endlich hin, will er schon wieder eine neue? Und warum bloß zuerst die „deutschen Brüder“?

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Das Portal IV vom Stadtschloss bildet seit 1964 den Eingang des Staatsratsgebäudes der untergegangenen DDR. Der Rest des Schlosses wurde ein paar Jahre vorher weggesprengt, so dass die Hohenzollern die ganze Zeit als Geister ohne Schloss weiterspuken mussten. Heute kriegen die Geister wieder ein Zuhause, feuerfest und unzerstörbar.

Unfassbar! Kaum zu glauben! Das Portal, von dem Liebknecht gesprochen hat, von einer lebenswerten Zukunft ohne Kapitalismus, ist das einzige Schlossteil hier am Platze, das ECHT ist! Der Rest: ATTRAPPE ! Die Attrappe des neuen Stadtschlosses ist nicht aus Autostahl wie ein Auto oder aus Plastik wie ein Kühlschrank, sondern aus massivem Beton.

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9. November 1938: „Reichskristallnacht“. 9. November 1989: Mauerfall. Slogan derer, die heute Flüchtlingsheime anzünden und Mauern um Europa fordern: „Wir sind das Volk“. Warum der 9. November nicht mit geschichtspolitischer Dreistigkeit zum Nationalfeiertag erklärt wurde?

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Zu den Fotos:

7. November 15: Die AfD versammelte sich in Sichtweite des neuen Stadtschlosses, um Unter den Linden entlang durchs Brandenburger Tor zu ziehen. Unter den (schätzt Tiger) etwa 2.000 Demonstranten sah man Mitglieder der NPD und Neonazis aus freien Kameradschaften. „Wir sind das Pack Volk“, konnte Asphalt Tiger auf den Schildern lesen. (Warum durchgestrichen? Zwei Begriffe für das gleiche!)

Damit niemand diesen rechtsradikalen Haufen auf seiner MArschroute aufhalten konnte – Gegendemonstrationen waren angekündigt -, hatten die Freunde und Helfer von der Polizei alle Seitenstraßen abgeriegelt. „Wie Viecher“, kommentierte ein Beobachter, seien die Nationalisten zwischen den Hamburger Gittern entlang der Strecke durch die Stadt getrabt.

„Halt dein Maul!“, sagt der Herr Polizist mit dem Knopf im Ohr und fixiert den Mann, der zum wiederholten Mal seinem Unmut über die Rassisten hörbaren Ausdruck verleiht, mit stechendem Blick. Und: „Du bist uns hier schon mehrmals aufgefallen! Pass gut auf! Du bist mit deinem Outfit gut erkennbar!“  Eine klare Drohung. Direkt hinter dem aufgebrachten Polizisten feixen Neonazis, und einer von ihnen, durch sein Outfit (weiß-karierte Thor Steinar-Jacke) gut erkennbar, hebt den Arm zum Hitler-Gruß. Muss später nicht aufpassen, weil er hier keinem Polizisten auffällt.

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