25 Jahre Deutsche Einheit

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einheit sparen

Deutschland feiert wieder Einheit. 25 Jahre schon! Ein Vierteljahrhundert. Ein Jubiläum heißt: sich an das Gründungsmoment erinnern. Die friedliche Revolution.

betreten verboten

Einheit ist schon lange Normalität. Weißensee feiert diesen Tag etwa ganz unprätentiös mit dem traditionellen Bierpaarlauf. Der/die Läufer/in darf bei einem Wechsel erst loslaufen, wenn sie/er 0,3 Liter Bier getrunken hat.

bierpaarlauf

Einen Zacken schärfer geht es am Brandenburger Tor zu. Coca Cola veranstaltet einen Großevent, eine Mega-Party, zu der u.a. Revolverheld spielt.

festival der einheit 2

Revolverheld!

So etwas hätte es in der DDR niemals gegeben! Die SED-Jugend- und Kulturpolitik hat nach Möglichkeiten zugesehen, „westlich-dekadentes Benehmen“ zu verhindern: dass sich junge Leute Kriminelle, Rauschgiftsüchtige, Banditen, amerikanischen Kuh-Boys und Waffennarren zu Vorbildern nehmen.

Na, mit Repression wird’s vermutlich genauso doll wie mit Laissez-faire!

1989/90

Kaum war die Mauer weg, der Staatssozialismus besiegt und das „Ende der Geschichte“ eingeläutet, gab es die ersten Brandanschläge auf Flüchtlingsheime. Eine klare Traditionslinie führt von den „Wir sind das Volk“-Rufen der Montagsdemonstrationen 1989 zu den „Wir sind das Volk“-Rufen der Pegida, von Hoyerswerda nach Heidenau: Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit haben 1989 zu den konstitutiven Kräften der „Friedlichen Revolution“ gehört, wie sie auch heute noch fester Bestandteil der Volkskultur sind.

2015 jedoch hat sich plötzlich etwas geändert: Deutschland hat die Flüchtlinge und nach der Wellnesskultur auch die Willkommenskultur entdeckt.

brandstifter

Willkommenskultur und Brandstiftung: Wie passt das aber zusammen?

Die Überraschung über die deutsche „Willkommenskultur“ legte sich schnell, nicht zuletzt durch die rasch folgende Verschärfung der Gesetzgebung. Dieser Gefühlsausbruch war von vornherein eingehegt – nicht nur durch Grenzzäune, Frontex und die Bundespolizei – und gesetzlich umfangreich reguliert. Dass die Deutschen sich diesen Gefühlen angstfrei und ungehemmt hingeben können, gelingt ihnen, da sie sich, mit massenmedialer und administrativer Unterstützung, vorstellen können, dass es Mächte gibt, die diesen Gefühlen entgegentreten und sie zerstören wollen. Die böse Macht ist, wie immer schon, außen, außerhalb und heißt gegenwärtig: Ungarn.

Nachdem mehr als 20 Jahre die Aufrüstung der EU-Außengrenzen o.k. war, ist mit Victor Orban jetzt, da Ungarn das macht, was die EU die ganze Zeit gemacht hat, endlich das Gesicht eines EU-„Fremden“ gefunden, der das Böse EU-Europas verkörpern kann.

revolverheld

Wo Orban-Ungarn das Böse ist, erscheinen alle andern Andern in Europa als Unterlegene: Sie kommen nicht klar mit den Flüchtlingen! Ist das vielleicht das Ziel dieser Welle aus Mitleid, die in der deutschen Heimat wogt, aber partout nicht von innen gegen die Mauern Europas branden will?

Denn, darauf weist der sog. Anti-Humanist Nietzsche hin, das christliche Mitleid ist nicht darauf aus, den andern aus seinem Elend emporzuheben, sondern eher, ihm und den andern die eigene Überlegenheit zu demonstrieren und auf unangreifbare Weise in Szene zu setzen. So wird der Exportweltmeister nun nicht nur ökonomisch, sondern auch gefühlsmäßig, durch die Aktivierung, Motivierung und Beteiligung ihrer BürgerInnen, die dominierende Macht in Europa – unter der Schirmherrschaft einer „moralischen Führerin“, die den Namen eines Engels trägt.

festival der einheit 3

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Das Kind ist tot. Die schönste Art und Weise, sich im Jahr 2015 einen Flüchtling vorzustellen, ist, ihn in einem Bild zu betrachten: dem Bild eines toten Kindes im Alter von drei Jahren. Ist das nicht pervers? Ein Kind, unschuldig wie ein Engel, gestorben vor dem Erreichen eines vernunftfähigen Alters.

In dem Bild wird, qua Standort der Fotografin, der hilflose Blick der liebenden Eltern für immer festgehalten und zum Dispositiv verfestigt (niemand, der ein Herz hat, kann sich dem entziehen), das diese christliche Machtassymmetrie, auf die Nietzsche aufmerksam gemacht hat, reproduzieren hilft: Hier das Opfer, dem nicht mehr geholfen werden kann und das nie im vollen Sinne Subjekt (erwachsen, sozialisiert, klassifiziert, ethnifiziert, …) werden konnte, da der Mitleidige, der in der kontemplativen Compassio seine Gefühlskultur pflegen kann.

Das Kind, auf dem glatten weißen Sand liegend, angeschwemmt vom Wasser, das alle Spuren seiner Geschichte ausgelöscht hat. In diesem Bild sind alle Spuren einer Geschichte ausgelöscht, deren Komplexität, Kälte und Bosheit sich gegen die einfache Gefühlskultur des Betrachters sträubt: Wer über Jahrzehnte die ganzen Waffen geliefert hat, wer die Strukturanpassungsprogramme erfunden hat (durch die Deutschland zum Exportweltmeister werden konnte), wer für die europäische Grenzsicherung gesorgt hat und damit verantwortlich war, dass das Kind ein schwankendes Boot betreten musste etc.

vegan revolution

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Ein anderes Bild, gemalt von einem offensichtlich älteren Kind, diesmal einem Mädchen, das es lebend nach Deutschland geschafft hat, schockiert und entzückt wenig später die Herzen der Deutschen. Gemalt war es als Dankesgabe an die Deutsche Bundespolizei. Die kleine Zeichnerin konnte nicht mehr ausfindig gemacht werden: kein Foto, sie blieb anonym.

Das Bild, mit Filzstiften gemalt, zeigt auf der linken Seite die Gewalt, die das Kind dort erfahren hatte, wo es bislang lebte. Zerstörte Häuser, Verwundete, Sterbende, Schießereien mit Maschinengewehren. Darüber die syrische Flagge. Die Bevölkerung war erschrocken: Was musste das Kind erlebt haben! Und auch dem Verfasser gings ans Herz. Auf der rechten Seite des Bildes dagegen: Deutschland! Die Malerin umgibt die deutsche Flagge mit einem Herz, darunter hängen Friedenszweige, und auch die „Polizi“ kriegt ein Herz gemalt. Bepackte Flüchtlinge gehen auf ein Haus zu, alles ist friedlich, aber auch leer. Dazwischen, von den Kommentatoren im Netz weitgehend unbemerkt: Die Grenze, die diese beiden Welten scharf und abrupt trennt. Nicht zuletzt dank der Bundespolizei, die gut aufpasst.

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Wie diese Grenze überwinden? Mit Waffenlieferungen der deutschen Verantwortung für die Welt gerecht werden? Vielleicht ist das ein Projekt, das Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft noch fester zusammenschweißt, um das Letzte, was die Deutschen im Innern noch trennt, zu überwinden, und die letzten Grenzen, die Deutschland von der Umarmung der Bevölkerung der Flüchtlingsstaaten abhalten, endgültig zu überschreiten?

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