Die Pforten vom Paradies

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Asphalt Tiger ist schwer am Grübeln: „Irgendwas stimmt hier nicht!“

Ihn irritiert die wieder und wieder wiederholte Bezeichnung Deutschlands als Paradies. Journalisten, die Flüchtlingen wohlgesonnen sind, und hasserfüllte Rassisten legen sie gleichermaßen den Flüchtlingen in den Mund, ohne sie groß zu fragen. Andere sagen, etwas irdischer, Deutschland sei das Gelobte Land der Flüchtlinge! Diese Stilisierung Deutschlands zum Retter der Welt, zum Erlöser aus einer apokalyptischen Geschichte, kommt Asphalt Tiger unangenehm bekannt vor.

„Deutschland – das Paradies!?“

Irgendwas wird hier unausgesprochen vorausgesetzt: Die Unterscheidung zwischen Guten und Bösen an der Pforte des Paradieses, die, so impliziert die Rede, für die Flüchtlinge eine zwischen Himmel und Hölle sein MUSS.

Einerseits, top down, Politik: Die Unterscheidung zwischen Asylant und Wirtschaftsflüchtling: Die von Parteipolitikern mit Wohlwollen, aber Hartnäckigkeit vorgebrachte Forderung nach individueller Prüfung der Wirtschaftlichkeit von Flüchtlingen, von der allein der dauerhafte Zugang ins Paradies abhängt.

Andererseits, volkstümlich bzw. zivilgesellschaftlich, bottom up: Die Unterscheidung zwischen Auserwähltem VOLK und Fremden: Der Hass der Rassisten auf das unverschämte Glück derer, die es schaffen könnten, sich eine Aufenthaltserlaubnis im Paradies zu erwirken, ohne dort geboren zu sein und schon immer da zu sein wie Steine und Bäume, und der Argwohn, dass sie in der Absicht kämen, für ihre paradiesischen Genüsse nicht arbeiten zu wollen. Der Hass und Argwohn derer, die selbst kein Glück haben und das Glück anderer nicht ertragen können.

Beide Seiten entsprechen sich: Die Forderung nach Prüfung der wirtschaftlichen Verwendbarkeit wie der Vorwurf des schmarotzenden „Wirtschaftsflüchtlings“. Beide sind seit langem mainstream. Mittelstrom im völkischen Dünnschiss.

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Asphalt Tiger wälzt die alten Bücher, um mehr zu erfahren. Wissen bildet! Er findet schnell, was er sucht:

In beiden Fällen MUSS wohl an der Schwelle zum Paradies jemand stehen, der sich zum Souverän aufspielt, indem er über den „Fremden“ Entscheidungen fällt: Der Grenzer heißt Erzengel Michael. Der Schutzheilige der Deutschen, Anführer der Himmlischen Heerscharen und Seelenwäger des Jüngsten Gerichts, ist es, der mit dem Schwert an der Pforte aufpasst, dass keiner unbemerkt reinschlüpft. (Übrigens: Angela heißt auch Engel !!!)

(Der Erzengel Gabriel, nach gut katholischem, abendländischem Glauben seit der mittelalterlichen translatio imperii Beschützer nicht mehr Israels, sondern der Deutschen und ihres Heiligen Reichs, hilft ihm dabei:

„Hast du erkannt, warum ich zu dir gekommen bin? Nun aber kehre ich zurück, um gegen den Fürsten von Persien zu kämpfen. Und wenn ich mit ihm fertig bin, siehe, dann wird der König von Griechenland kommen.“ (Daniel, 10,20)

Die Prophezeiungen sind wie immer kryptisch.)

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Jedenfalls: Die Rede vom Paradies ist unvollständig, solange man dessen TORWÄCHTER nicht erwähnt, der über Einlass und Abschiebung entscheidet und das Paradies gegen vermeintliche Feinde verteidigt. Und solange man die ARBEIT nicht erwähnt, bis das Paradies endlich gestanden hat, stolz und fest mit Paradiesmauern.

Wer ist FEIND? Nach Carl Schmitt jeder, der als existentiell anders erlebt wird. Dass das so schnell gehen kann, dass das VOLK im Handumdrehen jetzt gerade andere als Feinde erlebt, ist jedoch nicht unmittelbarer Affekt im Angesicht der „Fluten“ und „Ströme“, die, glaubt man den „Betroffenen“, wie Naturgewalten – Dresden liegt an der Elbe und hat Erfahrung – ganz plötzlich über die Ufer schwappen.

Es bedarf längerer Vorarbeiten: Etw der Einrichtung von Grenzzäunen, Stacheldraht und Überwachungsanlagen an den Außengrenzen der EU, die dazu führen, dass sich Flüchtlingsströme aufstauen, weil sie nicht mehr weiter können (die Bilder der Flüchtlinge, die an den Zäunen von Ceuta und Melilla hochkletterten, waren frühe Inszenierungen dieser „Ströme“); der Einrichtung von Sammellagern am Rand und abseits der großen Städte, in denen Flüchtlinge erst als bedrohliche Masse sichtbar gemacht werden können, weil sie als Individuen nicht mehr erkennbar sind, die sie wären, würde man sie etwa menschenwürdig in kommunalen Wohnungen unterbringen.

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Wie anders als durch Grenzziehung kann sich eine strahlende Gestalt vor einem dunklen Hintergrund abheben? Das Paradies Deutschland braucht die Hölle anderswo.

HÖLLE HÖLLE HÖLLE !!!

MITTELALTER MITTELALTER MITTELALTER !!!

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