Ein Besuch in der Gitarrenhändler-Höhle

Asphalt Tiger traut sich in die Höhle des Löwen. Er braucht ein Gitarrenkabel und neue Saiten. Die Höhle des Löwen trägt den Namen „Gerechte Musik“ und liegt in Kreuzberg. Wer den Laden besucht, tritt ein in eine archaische Welt mit strengen Gesetzen.

Asphalt Tiger geht da rein, weil es auf dem Weg liegt, aber er sollt nicht kriegen, was er will. Warum? Jeder Besuch dort ist ein Abenteuer, auf das man sich gründlich vorbereiten muss. Abhärten! Stählen! Asphalt Tiger hat das versäumt und ist da einfach so reingeschlurft …

„Achtung, Asphalt Tiger! Pass auf!“

Im dritten Obergeschoss des größten Musikgeschäfts, das Asphalt Tiger je gesehen hat, befindet sich die Gitarrenabteilung. Die tiefste Höhle in der Höhle des Löwen. Ein Reservat für eine anderweitig längst ausgestorbene Spezies: die Gitarrenverkäufer. Ein wesentliches Gestaltungselements ihres Geheges ist der Tresen, unübersehbar für jeden, der den Raum betritt. Hinterm Tresen lauern drei Gitarrenhändler und spielen mit ihren Schätzen. Wenn ein Neukunde sich in den Raum wagt, der auf den ersten Blick leer erscheint (nur an den Wänden und von der Decke hängen Gitarren wie Schlingpflanzen im Dschungel), sieht er sie sofort.

Drei Gitarrenverkäufer bleiben hinterm Tresen. Noch niemals hat Asphalt Tiger beobachtet, dass einer seinen Ort hinterm sicheren Tresen verlassen hätte. Dennoch haben sie ihre Höhle unaufhaltsam im Blick und bewachen ihre Schätze, die im ganzen Raum verteilt sind. Wenn sich jemand diesen nähern würde oder gar versuchen würde, diese zu berühren, würden sie sofort auf ihn losstürzen! Doch niemand wagt das.

*

Wie genau nehmen die Gitarrenverkäufer die Menschen wahr, die diese Höhle betreten? Darüber weiß man wenig. Niemals schauen sie die Besucher direkt an. Deren freundliches „Hallo“ verhallt in den Tiefen der Höhle. Nur verstohlen fixieren sie die Fremden aus den Augenwinkeln. Stets wirken sie reizbar und müde zugleich. Sie warten, bis das Opfer an den Gitarrenhändler-Tresen getreten ist, und ihre Spannung steigt.

Den Besucher, der nun am Tresen steht, aber im Umgang mit dieser Spezies unerfahren ist, stellen sie vor ein Rätsel: Wie die Gitarrenhändler anreden? Keiner von den Dreien blickt auf, während sie mit Schätzen spielen, die sie hinterm Tresen verstecken. Hebt der Besucher hörbar an, sein Anliegen zu äußern, oder räuspert er sich gar, werden sie etwas nervös und beginnen – offensichtlich eine Übersprungshandlung – ein Gespräch untereinander.

*

Nachdem sich der Besucher aufgrund seiner hartnäckigen und unnachgiebigen Art, die drei Gitarrenverkäufer mit Blicken zu fixieren, ein wenig Respekt verschafft hat, blickt einer von ihnen auf. Asphalt Tiger ergreift die seltene Gelegenheit, ihn anzusprechen: „Ich hätte gern Dreimetergitarrenkabel!“ – „Da drüben!“, faucht der Händler und wendet sich wieder seinen Schätzen zu.

Als Asphalt Tiger kein Dreimeterkabel findet, gibt er auf und verlangt einen Satz Gitarrensaiten: „Ham wer nicht. Müssen Se andere nehmen.“ Es ist schwierig, den Vertretern dieser Spezies ihre Schätze abzulocken. Asphalt Tiger gibt nicht auf. „Dann halt nur eine einzelne Saiten, .010er, bitte!“ – „Ham wa nicht!“ Als Asphalt Tiger dennoch gespannt am Tresen verharrt, kramt der Gitarrenhändler schließlich doch noch einige offensichtlich recht wertlose Saiten heraus. Aber es tut ihm augenscheinlich weh, diese unscheinbaren, minderwertigen Schätze ans Tageslicht zu zerren.

Als Asphalt Tiger überzeugt ist, durch seine Beharrlichkeit einen Teilsieg errungen zu haben – endlich soll er bekommen, was er will, wenn auch nur einen winzigen Bruchteil davon! -, versucht er, seinen Triumph voll auszukosten:

„Ach, dann geh ich halt woanders hin!“, dreht sich Asphalt Tiger auf dem Absatz um und schreitet erhobenen Kopfes aus der Höhle.

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Dass sein vermeintlicher Sieg jedoch eine Niederlage darstellt, merkt er bereits nach wenigen Schritten.

Schließlich herrschen in der Welt der Gerechten Musik andere Gesetze als draußen im Kapitalismus. Geht es hier doch nicht darum, durch den Verkauf von Waren Gewinne einzustreichen, um davon neue und vor allem: mehr Waren einzukaufen, mit denen sich weitere Gewinne erzielen lassen!

Nein, in dieser archaischen Welt dreht sich alles darum, Reichtümer zu horten, sie zu polieren, zu pflegen, sie zu streicheln und mit zarten Finger zu liebkosen. Doch NIEMALS: seine Schätze herzugeben!

Als Asphalt Tiger seinen Schrecken überwunden hat und, wieder draußen von der frischen Luft umweht, das erste Mal wieder tief durchatmet, entwickelt er gar eine sanfte Sympathie für die vormoderne Spezies der Gitarrenverkäufer. Stehen sie nicht in einer Reihe mit den Antiquitätenhändlern Balzacs oder dem Kramladenbesitzer in Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“? Diese Relikte einer vergangenen Epoche, von der hektischen Welt des Internet-Kapitalismus in ihrer Existenz bedroht: Müsste man sie nicht per Gesetz unter Denkmalschutz stellen?

Asphalt Tiger ist stark dafür.

Trotzdem beschließt er, fortan nur noch zu seinem Lieblings-Gitarrenhändler um die Ecke zu gehen. Der macht aber immer erst nachmittags auf. „Dann muss ich halt mal wieder spät aufstehen!“, beschließt der Tiger und freut sich still.

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