Ausflug in die Natur

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„Hey Tiger!“ Der Asphalt Tiger fährt mit seinem Fahrrad hin, wo es herruft.

„Wo fährst du denn hin?“, fragen seine Oma- und Opa-Buddies auf der Parkbank. Auf seinen Gepäckträger hat der Tiger große Packtaschen geschnallt.

„Ich fahr raus zu meinem kostenlosen Dienstleister! Da gibt es alles umsonst!“

Aha, lohnt sich das denn, fragen da die Oma- und Opa-Buddies, und woher weißt du denn, wo?

Natürlich hat Asphalt Tiger vorher auf die Landkarte geschaut. „Wo Grau ist, ist Stadt: wenig umsonst. Wo Gelb ist, Feld: mittel umsonst. Wo Dunkelgrün ist, Wald, hat die Wissenschaft jetzt festgestellt: mittlere Naturproduktivität, hohe Artenvielfalt! Nur hier erbringt Natur die höchste Leistung und kann Dienstleistungen umsonst anbieten!“

„Wie bitte? Wir wollten uns in der Natur immer nur entspannen.“ Sagen die. „Na eben!“ Sagt Tiger: „Kostenlose Dienstleistung: Reproduktion der Leistungsfähigkeit! Da fahr ich hin!“

„Na denn man Tao!“ Sagen die Oma- und Opa-Buddies ihr esoterisches Abschiedswort und winken dem Asphalt Tiger hinterher. Als der sein Fahrrad auf der staubigen Piste beschleunigt. Asphalt Tiger winkt auch hinterher, als er sich kurz umdreht und in der Staubwolke verschwindet.

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Ökosysteme. Größter Artenschutz bei mittlerer Produktivität

So heißt der Artikel, den die Uni Bayreuth auf den Seiten von Entwicklungspolitik Online veröffentlicht hat. Eine multinationale Forschergruppe, heißt es, sei zu dem Ergebnis gekommen, „[d]er größte Artenreichtum [sei] dort zu beobachten, wo die Produktion von Biomasse weder sehr niedrig noch signifikant hoch ist, sondern sich auf einem mittleren Niveau bewegt.“

Um zu dem Ergebnis zu kommen, mussten sie die Natur weltweit erstmal auf den gleichen Nenner bringen: Auf 30 Versuchsflächen in 19 Ländern auf sechs Kontinenten wurde überall, so der Artikel, „die gleiche Methodik auf standardisierten Untersuchungsflächen angewendet – und zwar so, dass an jedem Standort nährstoffarme, mittlere und nährstoffreiche Flächen erforscht wurden.“

Was bedeutet „Leistungsfähigkeit von Ökosystemen“?

Weltweit hängt das Leben und Überleben von Menschen davon ab, dass Ökosysteme grundlegende Serviceleistungen erbringen, wie beispielsweise die Neubildung von Grundwasser, die Speicherung wertvoller Nährstoffe, die Filterung von Schadstoffen oder die Bereitstellung von Grünfutter. Diese Vielfalt natürlicher Serviceleistungen ist in der Regel umso eher gewährleistet, je größer die Artenvielfalt in einem Ökosystem ist. (ebd.)

Es bedeutet also was für DEN MENSCH!

Die größte Artenvielfalt gedeihe dort, wo die Biomasseproduktion ein mittleres Niveau erreiche. Unproduktivität von Ökosystemen ist also regelrecht schädlich für die vielen Arten! „Denn hier sind die Arten zahlreichen Stressfaktoren ausgesetzt […].“ Und auch hochproduktive Ökosysteme sind nicht so gut. Denn hier, „also an nährstoffreichen und gut wasserversorgten Standorten, erobern einige wenige Arten eine dominierende Stellung, weil sie besonders leistungsfähig sind. Für die Produktivität dieser Ökosysteme hat die Artenvielfalt nur eine geringe Bedeutung.“

Fordistische Natur! Ausschaltung der Konkurrenz. Monopolbildung! Zerschlagen! Förderung des Klein und Mittelständischen Pflanzenwuchses!

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Asphalt Tiger ist weniger über die Forschungsergebnisse als über die Fragestellung erstaunt. Schön, dass die Konsequenzen der Zerstörung von Natur benannt werden: Erhöhung der Reproduktionskosten.

„Wenn wir Arten verlieren, verlieren wir kostenlose Leistungen der Natur und müssen diesen Verlust dann über Düngung oder Maschineneinsatz kompensieren. Dies wiederum hätte Umweltbelastungen und einen erhöhten Energieverbrauch zur Folge. Die natürlichen Leistungen sind jedoch ohne Risiken und kostenfrei“, erklärt Prof. Beierkuhnlein , der an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Biogeografie innehat.

Schön scheiße, dass mit keinem Wort die Ursache der Naturzerstörung benannt wird: ein Kapitalismus, in dem die Schöpfung von Mehrwert (immer noch weitgehend) davon abhängt, dass abstrakter Wert zur Repräsentation eine sinnlich-stoffliche Form braucht, die der Natur entrissen wird, und dass mehr Mehrwert = immer weniger natürliche, weil verbrauchte Ressourcen bedeutet …

Lösung? Wenn die Natur in immer größeren Umfang zerstört wird, muss sie leistungsfähiger werden! (?)

Oder aber, aber das ist noch nicht so weit: Statt Industriekapitalismus der Zerstörung –> Finanzmarktkapitalismus des Schutzes und der Bewahrung von „Naturerbe“, das nunmehr als Quelle fiktiver Wertschöpfung im inversiven Kapitalismus dient: CO² Senken in Regenwäldern im Rahmen von REDD, die Wald quadratkilometerweise in eine Ware verwandeln, aus der die INDIANER als wertmindernde Schädlinge gewaltsam vertrieben werden !!!

BEIM ZEUS! Wird es notwendig werden, mit dem Scheiß System zugleich die Kooptierung der Ökosysteme zu bekämpfen !?

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Und wie so oft, laufen die Empfehlungen der Forschergruppe auf eine Ökologische Landwirtschaft hinaus: Auf „Forschungsflächen“ in den Ötztaler Alpen werde bereits seit Jahrhunderten die best practice praktiziert:

„Diese Region ist vor allem deshalb besonders interessant, weil es sich um besonders artenreiche Bergwiesen handelt, die mit erheblichem Arbeitsaufwand auf traditionelle Weise bewirtschaftet werden“ (ebd.)

Natur hat immer was mit Kühen zu tun! Vielleicht weil man sich dabei gut fühlt!

Doch offenbart sich hier nicht ein Widerspruch: Mit arbeitsintensiven Produktionsmethoden kostenlose Dienstleistungen herstellen? Heißt nicht Fertigungskosten reduzieren = Arbeitsprozesse rationalisieren? Würde nicht der schlichte, über Jahre wartungsfreie Bergroboter auf Dauer billigere Arbeit als der verschleißanfällige Bergbauer leisten (Knie! Arthrose! Rücken! Zipperlein!)?

Heißt das nicht auch, dass das Modell „Ötztaler Alpen“ möglichst flächendeckend verallgemeinert werden muss, bevor sich das auszahlt? 1000 Ötztaler Alpen bauen? Scheint im Sinne der kostengünstigen Bereitstellung natürlicher Dienstleistung unbedingt notwendig!

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Und! Was ist mit der Lausitz oder Ruanda? Viele sagen: Bergbau, seltene Erden, Eisenerz, Kohle; Straßenbau, Hochbau, Tiefbau: DAS IST DOCH KEINE NATUR! 

Wie unsinnig dieses Vorurteil ist, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, wie viel Arbeitsaufwand notwendig ist, bis der Bergbauer die Artenvielfalt der Ötztaler Alpen auf dem Parkplatz vor ALDI wiederhergestellt hat!

Im Schweiße seines Angesichts steht er auf der schattenlosen, hochverdichteten versiegelten Teerfläche vor ALDI und weiß nicht, wo anfangen mit seiner Hacke und seinen anderen traditionellen Arbeitsinstrumenten!

(Der Buckel des stark verschleißanfälligen Bergbauern ächzt bereits jetzt besorgniserregend unter der schweren Last, die ihm aufgebürdet wird. Und nachts die Albträume: Schon wieder eine Ötztaler Alpe von Heidelberger Beton und Bilfinger und/oder Berger aufgebaut! Eine Ötztaler Alpe jagt die andere. Kaum hat der Bauer die eine Alpe hinter sich, taucht die nächste auf. Der Bergbauer rennt und rennt. Der verschleißanfällige Bauer will nur noch in die Stadt. Banker werden oder so.)

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