Die letzte Waschlücke Berlins

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Abb. 1: Waschpark, Berlin Friedrichshain. Inzwischen wundert man sich über sichtbare Brandwände und sieht überall verschenkte Möglichkeiten, den Grad der baulichen Nutzung von Grundstücken zu optimieren.

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Jetzt hat Asphalt Tiger erfahren, dass eine seine Lieblingsbars in Friedrichshain in absehbarer Zeit dichtmachen wird. Seit ihrer Eröffnung 2002 war er immer wieder gern dort.

Das erste, was er über die Schließung gehört hat, war, dass die Miete nach einer Sanierung oder einem Eigentümerwechsel oder beidem in schwer bezahlbare Höhe schießen würde. Zudem habe der Betreiber keine Lust, sich nach der Sanierung mit einer ganzen Horde neuer Wohnungseigentümer auseinanderzusetzen, statt wie zuvor mit einer einzigen, wohl umgänglichen Hausverwaltung. Es sei ja zu erwarten, dass sich die stolzen Neubesitzer über Lärm beschweren werden …

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Abb. 2: Asphalt liebt es, spazieren zu gehen. Erst in der Bewegung verändern sich die Blickwinkel. Die Geschossfläche setzt sich aus der Grundflächezahl (GRZ), der Geschossflächenzahl (GFZ) und der Baumassenzahl (BMZ) zusammen. Sie wird im Bebauungsplan festgelegt und gibt den maximalen Grad der baulichen Nutzung an (wikipedia). Und damit natürlich, wie viel Zaster man da rausholen kann.

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Ein Bekannter des Asphalt Tigers, der den Betreiber ebenfalls seit langem kennt und einige Jahre in der Bar hinterm Tresen gestanden hat, erzählt allerdings, als Asphalt Tiger ihn auf dem Flohmarkt trifft (früher war Asphalt Tiger oft auf dem Boxi), der Betreiber habe andere Gründe aufgeführt – Argumente, die man im weiteren Sinne als „kulturell“ auffassen könnte.

Eine gewisse Müdigkeit und Frustration erkläre der Betreiber mit der Veränderung des Barpublikums: Früher habe man gefragt, welcher Gin im Gin Tonic sei, heute frage man, welches Tonic Water drin sei.

Ihm selbst, so der Ex-Barkeeper, sei es öfters passiert, dass er nach der Frage, mit welchen Marken Bio-Orangensaft er denn dienen könne, ausfällig geworden sei und den Neukunden die Tür habe weisen müssen. Asphalt Tiger nickt verständnisvoll.

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Abb. 3: Erst in der Bewegung versteht man die Richtung der Veränderung. Asphalt Tiger hat gelernt: Inzwischen weiß Asphalt Tiger, dass Entwicklung Zerstörung und Verbesserung Verlust heißt. Überall, wo er mal Freiflächen sah, sieht er heute Entwicklungs-, das heißt: Zerstörungs- und Verlustmöglichkeiten. Die Werbeflächen weisen die Richtung der Veränderung, sie zeigen schon jetzt, was die Zukunft bringt.

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Asphalt Tiger erschrickt auf dem Heimweg vom Flohmarkt auf dem Boxi über die Nachrichten, die er auf den Werbeflächen neben der letzten Waschlücke Friedrichshain liest. Zusammen betrachtet, ergeben sie nämlich einen üblen Sinn.

Am Bauprojekt: „Friede. Freude. Friedrichshain“

Auf der Werbefläche: „Rotkäppchen Alkoholfrei“

Auf der Litfaßsäule, zentral: „Am Ende ist alles erst am Schluss“

Kann man deutlicher werden?

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