Gedanken beim Anhören von Maladie d’Amour

Asphalt Tiger zieht die grüne Strickjacke höher über die Nase. Atem dampft aus seinen Nüstern und vermischt sich mit den Frühnebel und dem Dampf aus den Nüstern von den weißen und den grauen Pferden. Asphalt Tiger ist draußen auf der Weide. An den Außenwänden seiner grauen Gummistiefel perlt der Tau herab, der vorher auf den Grashalmen ganz oben in durchsichtiger Tropfenform hing. In der Tropfenform spiegelte sich der erste Glanz der Morgensonne, die über den Bäumen aufging, auf denen noch die Krähen, Raben und Dohlen schliefen.

Wenn Asphalt Tiger genau hinhört, hört er die Krähen, Raben und Dohlen hinter dem Rauschen der Gräser und Bäume sanft in ihr Gefieder atmen, denn sie haben ihre Schnäbel ( = Nasen) im Schlaf unter der Achsel stecken. Sie riechen nur sich selbst und nicht die Beute, um die sie sich mit den anderen Krähen, Raben und Dohlen tagsüber streiten: die Vogelbeeren, Holunderbeeren, Schlehen, Walnüsse, Haselnüsse, Apfelgripse, die anderen roten, schwarzen und dunkelblauen Beeren und die Brotkrumen von dem Brot, das der Asphalt Tiger gekaut hat, auf dem Weg zur Weide, wo ihn die grauen und die weißen Pferde schon neugierig anschauen.

Als sie ihn anschauen, ist es dem Asphalt Tiger, als seien die Pferde früher schon einmal dagewesen, und als sei auch er früher schon einmal dagewesen, bei den Pferden, früher in dieser Geschichte. In die grauen Stiefel hat er warme Socken angezogen, und aus der Tasche von seiner grünen Jacke zieht er jetzt einen Schal und legt ihn sich um den Hals. Als ihn das weiße Pferd erbost anschaut, legt er ihn dem weißen Pferd um den Hals. Als das graue Pferd das weiße Pferd erbost anschaut, legt der den Schal dem grauen Pferd um den Hals. Als dann das weiße Pferd erst das graue Pferd und dann den Asphalt Tiger erbost anschaut, steckt Asphalt Tiger den Schal halt wieder ein.

Da besinnt er sich und tut das, was er eigentlich tun wollte, an diesem frühen Morgen, als er über die Wiesen stapft und sich wundert, dass das Licht, das sich in den Tautropfen in der Morgensonne spiegelt, das Licht der Morgensonne nämlich, immer intensiver wird. Es wird Tag und Asphalt Tiger zieht zwei Äpfel aus den Jackentaschen und reicht sie den beiden Pferden.

Jeder, der Pferde kennt, weiß, dass das eine gefährliche Angelegenheit ist. Die Pferde verziehen ihre Lippen wie Mick Jagger und entblößen ihre scharfen, weißen Zähne und das rosig gesunde Zahnfleisch. Dann beißen sie wie wild in die Äpfel hinein, dass es nur so kracht. Dankbar schauen sie den Asphalt Tiger an: Bio! Es ist für die Wildpferde ein wenig schwierig, ein Balanceakt, gleichzeitig dem Asphalt Tiger aus der Hand zu fressen und dabei gleichzeitig immer wieder die lange, wilde Lockenmähne aus dem Gesicht zu schütteln, aber es sieht auch wildromantisch aus.

Asphalt Tiger kann sich kaum von den weißen und grauen Pferden lösen. Immer wieder schaut er sich um, wenn er von der Weide wegläuft, und winkt den Pferden, und immer wieder winken die Pferde ihm hinterher. Sie können nicht weg, die verwitterten Holzlatten und der wirre Stacheldraht sorgen dafür. Egal, dafür sind sie morgen noch da. Asphalt Tiger hat noch Äpfel zuhause.

Asphalt Tiger freut sich jetzt erst mal auf eine Tasse heißen Tee und Weihnachtsplätzchen und die Plüschdecke mit den Bommeln und die Weihnachtsplatte. Was solls, es ist halt jetzt Herbst.

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