Berlin, Leipziger Straße

 

 

leipziger 0Neu! Leipziger Straße

Als Asphalt Tiger in die große Stadt gezogen ist, hat er hier begriffen, dass er in der Großstadt ist: in der Leipziger Straße.

Nirgends fuhren die Autos schneller als hier (schön breite Straße), nirgends pfiff der Winder lauter, nirgends waren die Betonkolosse erhabener. Hier konnte man noch den Osten fühlen. Osten hieß damals: Der Wind bläst von Westen.

Es war November. Es war ungefähr so kalt wie heute. Brr! Asphalt Tiger bläst der Wind direkt ins Gesicht. Er läuft die Leipziger Straße lang. Endlich hat Asphalt Tiger eine Tür gesehen und ist da rein.

leipziger 2Innen war ein Schallplattenladen!

Heute gibt es keine Schallplattenläden auf der Leipziger Straße mehr. Im Plattenladen gab es damals schon fast nur noch CDs. Es war Mitte der 90er! Die Regale waren voll mit Plastikhüllen, und wenn man sie aufgemacht hat (Andi Borg stand drauf oder Gigi Anderson), dann hat es silbern gefunkelt. In den Grabbelkisten aus braun lackiertem Metall waren viele ältere CDs (von Eric Burdon oder Nana Mouskouri) zum Sonderpreis. An der Decke hingen zahlreiche Halogen-Spots und haben ein strahlendes Licht verbreitet.

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Ein Heiligtum für Musikfreunde. Heute waren sie alle zuhause und haben ihre neuen CDs gehört. Der Verkäufer hat über sein Heiligtum gewacht, neben der Kasse mit dem grünen LED-Display und dem Schallplattenkatalog. „Ich wünsche Ihnen einen Guten Tag!“ Als der Verkäufer auf den Gruß vom Asphalt Tiger nicht geantwortet und nur kurz unwirsch von seinem Schallplattenkatalog aufgeblickt hat, wusste der Tiger, dass hier Schätze versteckt waren.

Vorsichtig sah er sich um.

Da! Jetzt hatte er gefunden, was er suchte!

Gut versteckt, direkt neben dem Eingang, standen eine ganze Menge Platten in Papphüllen, auf einem Stahltisch aus braun lackierten Metall in einem silbern funkelndem Gittergestell. Dass Asphalt Tiger nahezu keine Schallplatte persönlich kannte, sprach für diese Raritätensammlung. Die meisten kamen aus einem anderen, vor etwa sieben Jahren untergegangenen Land.

Dann stockte Asphalt Tiger der Atem: Was für eine Überraschung! Das hätte er nie für möglich gehalten.

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Es war eine Kylie-Minogue Single aus einem untergegangenen Land!

„AMIGA Quartett“ stand rechts unten auf der Platte, deren Cover noch bei VEB Gotha-Druck hergestellt worden war. Sämtliche Stücke darauf waren Hits: „The Loco-Motion“, „I Should Be So Lucky“, „Got To Be Certain“. Vorsichtig begann Asphalt Tiger eine Melodie nach der anderen zu summen und mitten im kalten November zeichnete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht ab. Den vierten Titel (Quartett!), „It’s No Secret“, kannte Asphalt Tiger noch nicht, aber dieses Abstreiten Kylies machte das Geheimnis des vierten Songs umso spannender.

Das Preisetikett klebte nur lose auf der Singlehülle: -,50. Er musste es nicht abfummeln und durch ein billigeres Preisschild ersetzen. Asphalt Tiger schlug das Herz bis zum Hals, als er zum Wärter des Heiligtums eierte und die Ware über den Verkaufstresen reichte.

leipziger 4Doch es war kein Irrtum! Asphalt Tiger hatte den Vogel abgeschossen. Als er dem Verkäufer das 50-Pfennigstück auf die Plastikschale gelegt hatte, mit zitternder Hand und Angst, dass der Verkäufer seinen Irrtum in letzter Sekunde doch noch entdeckte, händigte ihm dieser die erworbene Ware anstandslos aus und zog sich brummend in das massive Gehäuse seiner Jeansjacke zurück.

Hastig eilte Asphalt Tiger nach draußen, den erworbenen Schatz unter seine Achsel geklemmt. Den konnte ihm keiner mehr nehmen!

Draußen umwehte Asphalt Tiger wieder der raue Wind der Großstadt, ein rauer Wind (Wind of Change!). Doch die steife Brise machte Asphalt Tiger nichts mehr aus.

Denn er hatte etwas gelernt:

Inmitten dieser riesig großen, rauen und unwirtlichen Stadt waren, wie funkelnde Perlen in braungrauen, häßlichen, scharfkantigen Muscheln, Orte und Gelegenheiten eingelassen, die die Tristesse des häßlichen Alltags urplötzlich mit überirdischer Schönheit aufbrachen und überfluteten! Die Melodie von „I Should Be So Lucky!“ sollte Asphalt Tiger von nun an jeden Tag begleiten.

*

Als er allerdings wenige Wochen darauf nochmals das Schallplattengeschäft in der Leipziger Straße aufsuchen wollte, war es verschwunden. Doch das alles war kein Traum! Der Beweis, die Amiga-Single von Kylie Minogue, befindet sich bis heute in der Plattensammlung vom Tiger.

*

Heute ist das Verhältnis von Schönheit und Häßlichkeit, von Offensichtlichkeit und Geheimnis in der Stadt anders verteilt. Man muss nicht mehr so lange suchen, und die Schönheit ist anders ausgepreist. Die Fotos zeigen die Leipziger Straße zwischen Friedrichstraße und Wilhelmstraße, wie sie heute noch aussieht. Ein paar Meter weiter wird in den nächsten Tagen die große Ladenpassage eröffnet. Die Fassade ändert sich dort alle paar Meter, mal Sandsteinplatten, mal Backstein, mal Schiefer. Das massive Betongehäuse dahinter ist überall gleich.

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