Das neue Stadtschloss

stadtschloss

Noch gefällt Asphalt Tiger das neue Berliner Stadtschloss. Es ist bei weitem nicht so klotzig wie das alte Stadtschloss, das sie deswegen sprengen mussten: viel zu hohe Decken, viel zu viel zu heizen, überall Staubmäuse, und der große Hof, der große Hof erst in der Mitte des Stadtschlosses!

Die Pferde des Königs standen im Hof des alten Stadtschlosses und ließen ihre Pferdeäpfel überall fallen, wo sie gerade standen (schreibt Franz Hessel, der bekannteste Spaziergänger von ganz Berlin). Weil die Tore des alten Stadtschlosses zu eng waren, kamen die neuen, orangen Reinigungsmaschinen von der BSR da nicht durch, und der Hof des Stadtschlosses war bald bedeckt mit den Äpfeln der Gäuler und Mähren des Königs und der Königin.

Sicher, es sah schon apart aus, wie sich die vielen Pferdeäpfel im Laufe der Zeit übereinander stapelten, fein säuberlich, jeder für sich kugelrund und glänzend vor Dunkelheit. (Wie die Lottozahlen, nur mehr.) Irgendwann ragten die Pferdeäpfel der Pferde des Königs aus dem Innenhof bis hoch über die Dächer des alten Stadtschlosses. Sie bildeten eine exakt geometrische Pyramide, in etwa so hoch wie die Kuppel über dem Reichstag, nur eben nicht rund, sondern eckig, und nicht durchsichtig und hell, sondern düster.

Düster wie eine vergangene Epoche. Das passte natürlich nach dem letzten Krieg nicht in das Bild des neuen, fortschrittsoptimistischen Staates, und Walter Ulbricht ließ das alte Stadtschloss im Jahr 1956 endlich abreißen. Zu Recht!

Puh! Das Stadtvolk von Berlin atmete erleichtert auf! Der Dung von Tausend Jahren, endlich war er weg!

*

Dann kam eine Zeit, von der es keine Überlieferung gibt.

*

Das neue Stadtschloss, das Asphalt Tiger vor einigen Tagen nachts zum ersten Mal besichtigt hat, seine ungeschminkte Fassade aus dem ehrlichen Werkstoff Beton zeugt vom Streben nach einer besseren Zukunft! Sauberkeit, Umweltbewusstsein, Modernität.

Wollen wir hoffen, dass die Berliner Stadtväter, die dieses neue Stadtschloss für ihre hoffnungsfrohe Bevölkerung, für arm und reich, alt und jung, errichtet haben, dass die Stadtväter bleiben wie sie sind: ehrlich, bescheiden, realistisch, genügsam. Und der Zukunft zugewandt.

Fragen wir noch einmal, bevor sie aussterben, die alten hundertjährigen Mädchen mit den tief zerfurchten Gesichtern und verschatteten Augen unter der großen Haube, die heute noch um den Schlossplatz herum ihre Maiglöckchensträußchen feilbieten wie anno dunnemals, Sträußchen, die zu pflücken sie heute immer weiter aus der Stadt hinausfahren müssen, bis hinter Bernau, bis weit hinter Nauen, Trebbin, Spreeschleuse oder Eichfangwerder, in ihren schweren schwarzen Röcken und den Wolltüchern über die Schultern mit bunten Fransen.

Fragen wir sie, wie es damals war, in heißen Sommern, als die Dungschwaden vom alten Schloss über ganz Berlin lagen und die Sonne verschatten haben wie heute der Smog in Beijing oder Hong Kong.

Sie sind froh, dass die alten Zeiten vorbei sind!

Wir auch.

stadtschloss 2Größenverhältnisse: Im Vergleich zur abgrundhäßlichen Humboldt-Box endlich mal vernünftige Architektur: Ordentliche Fenster mit Geometrie, nicht zu hoch. Oben wird noch ein Walmdach mit roten Dachziegeln draufgesetzt. In den Vorgarten kommen Geranien.

stadtschloss 1Entfernungen. In Sichtweite vom neuen Stadtschloss: Der Fernsehturm. Die Bewohner des neuen, fast fertigen Schlosses sitzen schon auf gepackten Koffern, einzugsbereit. Noch ist der Vorgarten des Stadtschlosses von einem hohen Bauzaun umgeben (rechts). Was wird die Berliner Bevölkerung für Augen machen, wenn Eröffnung gefeiert wird und die Leute sich zwischen gepflegten Blumenrabatten ergehen können!

(Aber wo sind die Pferde!?)

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