Das öffentliche Interesse an Humankapital oder Integration oder

Die drohende Abschiebung der Integrationslotsin Simran Sodhi, von der die Berliner Zeitung vom 11.5.2014 berichtete, zeigt vielleicht mehr als die irrationale Willkür der Berliner Rassisten an der Macht. Integration ja, Integration nein, Integration vielleicht? Sie wissen es manchmal nicht! Der Fall zeigt, dass das Schlagwort der „Festung Europa“, die Innen und Außen durch stabile Mauern trennt, nicht mehr ganz angemessen ist.

Die Grenze scheint vielmehr heute mitten durch die Migrant_innen selbst zu laufen (aua). Wie das? Nachdem gesiebt wurde (keine Ausbildung – keine Chance), werden die Qualifizierten und Hochqualifizierten angerufen, den Grenzverlauf zwischen eigenem Leben und Kapital immer wieder neu zugunsten des letzteren zu verschieben,  im Sinne einer „selbstregierten“ optimalen Verwertung ihres in den ideologischen Staatsapparaten (Universität und so) akkumulierten Humankapitals. Ob sie das richtig machen, wissen sie erst, wenn es von den repressiven Staatsapparaten überprüft wird (?).

Zum Beispiel in diesem Fall.

Simran Sodhi hilft als Integrationslotsin Migranten und Asylsuchenden in Berlin. Nun soll sie aus Deutschland ausgewiesen werden. Ihr Job ist wichtig, der Bezirk Treptow-Köpenick möchte sie nicht gehen lassen. (hier)

Der Zeitungsartikel zählt zahlreiche Projekte auf, die Frau Sodhi angeleiert hat, und die ihre große intrinsische Motivation belegen. Die zeigen, dass sie nicht nur Dienst nach Vorschrift macht, sondern ihr Tätigkeitsfeld geradezu unternehmerisch selbst absteckt:

Gerade habe sie einige Projekte angeschoben. Sie will eine Frauengruppe im Asylbewerberheim in Grünau gründen und Schulen bei der Gründung von „Willkommensklassen“ für Flüchtlingskinder helfen. Täglich ist sie im Bezirk unterwegs, um Flüchtlinge bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche zu unterstützen.

Das gefällt manchen Behörden, manchen anderen nicht. Widersprüche tun sich zwischen verschiedenen Ebenen auf: Während sich der Bezirk Treptow-Köpenick für die junge Frau einsetzt, stellt sich die Ausländerbehörde der Stadt gegen die junge Frau:

Die Ausländerbehörde teilte ihr Anfang Mai mit, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wird. Es bestehe kein öffentliches Interesse an ihrem Job, für den sie überdies überqualifiziert sei.

Überqualifiziert: Simran Sodhi ist Akademikerin, sie hat einen Master-Abschluss an der Humboldt-Uni erworben. Folgt man der Argumentation der Behörde, ging es dabei nicht darum, dass sie sich selbst, dem Humboldtschen Bildungsideal gemäß, als autonomes Individuum oder Weltbürgerin bildete. Humboldt, das ist lange her: Bologna heißt die Stadt. Jede_r Migrant_in ist aufgefordert, ihre Qualifikation im „öffentlichen Interesse“ möglichst gewinnbringend zu verwerten. Was ist zuviel, was zuwenig? Die Aufgabe heißt: Die Rechnung mit vielen Unbekannten selbständig lösen.

Und wessen öffentliches Interesse überhaupt?! Der Stadt, des Bezirks, oder, das sollte der Titel „Integrationslotsin“ eigentlich nahelegen, gilt es nicht auch das Interesse der Migrant_innen, die doch jetzt dazugehören sollen, zu berücksichtigen!

Der Verwertungslogik folgt auch (sicherlich notgedrungen) die Argumentation der Vertreter_innen des Bezirksamts, die sich gegen die Abschiebung von Simran Sodhi wehren. Sie heben die Übereinstimmung von Qualifikation und dem Anforderungsprofil der Stelle hervor:

Die amtierende Bürgermeisterin Ines Feierabend (Linke) sagt, Simran Sodhi leiste Pionierarbeit: „Immerhin haben wir im Bezirk bereits gut 600 Flüchtlinge. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe für gut qualifizierte Menschen.“

Die aktuelle Petition für Simran Sodhi auf Change.org (bitte unterschreiben!) eignet sich diese ökonomische Argumentationsweise an, um sie gegen ihre Verfechter zu wenden: Sie beklagt die unverhältnismäßig niedrige Entlohnung der Integrationslotsin, die der anspruchsvollen Tätigkeit unangemessen sei, und betont damit die Widersprüche zwischen glänzenden Diskursen und düsterem Alltag der Berliner Integrationspolitik.

Wir halten das Vorgehen der Behörden in Simrans Fall für widersprüchlich! Auf der einen Seite wird immer wieder beteuert, wie wichtig „Integration“ für Deutschland ist, auf der anderen Seite stellt der Berliner Senat aber nur begrenzt finanzielle Mittel für diese Arbeit zur Verfügung. Simrans Arbeitgeber kann sie daher nicht höher bezahlen. Dass Simran nun aus diesem Grund Deutschland verlassen soll, ist unserer Ansicht nach absurd. Wir sind überzeugt, dass ein großes öffentliches Interesse an Simrans Arbeit als Integrationslotsin besteht und dass ihr Weggang eine große Lücke in der Berliner Zivilgesellschaft hinterlassen würde. Daher fordern wir die Verlängerung von Simrans Aufenthaltstitel! (hier)

Was ist „öffentliches Interesse“!? Das ökonomische Interesse des „Unternehmens Stadt“? Oder der Wunsch der Leute, die da wohnen und da hinkommen, nach einem guten, gemeinsamen Leben? Wenn staatliche Behörden bestimmen, ob und wann und überhaupt „Integration“ im Interesse der „Zivilgesellschaft“ sei, muss man dann nicht fragen, ob der Begriff „Zivilgesellschaft“ als „Gesellschaft, die nicht Auswuchs staatlichen Handelns ist, sondern sich dem Handeln und der Kooperation einzelner Menschen oder gesellschaftlicher Gruppen verdankt“ der Zustandsbeschreibung angemessen ist?

Asphalt Tiger meint jedenfalls, und alle andern auch:

In und um Europa keine Mauern,

Bleiberecht für alle und auf Dauer!

 

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