Eine Weihnachtsgeschichte

I

Zu dieser Jahreszeit war es draußen in der Wildnis unerträglich kalt. Schnee zerstob vor lauter Kälte in kleinste Kristalle und die Eiszapfen fielen nur so von den Bäumen, die zitterten wie Espenlaub im Sommer. Wenn man vor die Tür trat, waren innert zwei Minuten Hände und Ohren knallrot und der Rotz gefror in der Nase und manchmal sogar im Rachen. Die Jungs guckten durch eisbeschlagene Scheiben nach draußen. Ein Glück hatten sie schon Weihnachtsurlaub.

Die riesigen Lastwagen drückten tiefe Spuren in den festgefrorenen Matsch, der im Sommer Piste hieß. Die Lastwagen waren die einzige Verbindung des Camps zur Außenwelt. Wenn sie sich mit tiefem Brummen näherten, atmeten die Holzarbeiter auf.

Vor jeder Holzhütte hielten nun die Lastwagen, und die Lastwagenfahrer hievten mit dem Kran einen schweren Holzbalken vor jede Holzhütte runter. Zwei Lastwagenfahrer waren nötig, die Holzbalken neben die Holztüren der Holzhütten zu stellen. Weihnachtsgeschenk von der Betriebsleitung. Dann fuhren sie weiter zur nächsten Hütte.

II

Natürlich hätten sich die Jungs vom Holzarbeiterlager etwas anderes gewünscht. Schließlich sägten sie jeden Tag zu Tausenden solche Balken zurecht. Stunde um Stunde wurden diese Balken auf Lastwagen verladen und in die Stadt transportiert.

„Wofür?“, hatten die Jungs immer wieder ihre Vorgesetzten gefragt. Doch die gaben sich wortkarg: „Für die Produktion. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. An die Arbeit!“ Die Jungs waren es gewohnt, im Ungewissen zu bleiben. Wortkarg und schlicht gingen sie ihrem Tagwerk nach: Bäume fällen, Bäume aus dem Wald ziehen, Bäume ins Sägewerk rein, Rinde ab, Rechteck machen, raus aus der Säge und rauf auf den Laster. Stundenlang hätten sie dem Laster nachschauen können, auf seinem Weg in die Stadt.

Ein Holzbalken zu Weihnachten für jeden Holzarbeiter. Wenn es doch kein besonders originelles Geschenk von der Betriebsleitung war, so war es wenigstens praktisch: Sie konnten es im Holzofen verheizen und hatten es über die Weihnachtstage mollig warm. Schnell hatten die Holzarbeiter ihre Holzbalken kleingemacht und in den Ofen geschoben, und bereits nach kurzer Zeit stieg gerader Rauch in den eisig blauen Himmel auf.

III

Das Leben in der Holzarbeitersiedlung war einfach, und jede Abwechslung war willkommen. Nachdem die Holzarbeiter ihre Holzhütten, die Werkstätte, die Lagerhalle, das Bürogebäude, die Kantine, den Betriebsklub und den Wassertank aus Holz gebaut hatten, fingen sie an, die Bäume im Wald zu fällen. Wofür? Für die Produktion in der Stadt.

Nach getaner Arbeit gingen sie nach Hause in ihre Holzhütten, feuerten den Herd mit Holz und köchelten sich ein schmales Mahl. Dann schaufelten sie das Essen auf die Holzteller, rückten ihren Holzstuhl an den Holztisch und begannen mit Holzgabel und Holzmesser zu essen (meistens Schwarzwurzeln). Abends ging es in den Betriebsklub. Manche lasen dort die Betriebszeitung, die natürlich nicht aus völlig holzfreiem Papier gedruckt werden konnte. Manche musizierten im Betriebsorchester, das nur aus Holzblasinstrumenten bestand. Der Betriebleiter hatte auch eine Kegelbahn eingerichtet, und allabendlich schaute ein Betriebsingenieur im Betriebsklub vorbei und wünschte seinen Arbeitern „Gut Holz!“

Manche allerdings setzten sich einfach in den Kneipenraum und versuchten, den Tag bei dem ein oder anderen Schluck zu vergessen. Lautstark stießen sie mit ihren Holzbechern an.

IV

Den meisten wurde das allabendliche Trinkritual bald zu langweilig, der Wein schmeckte den einen zu holzig, den anderen bot selbst der in Holzfässern herangereifte Whisky keine Abwechslung mehr, und so zogen sich die Holzarbeiter einer nach dem anderen in ihre Holzhütten zurück, um Familie zu gründen. An den langen Abenden schnitzten sie sich ihre Frau, und da sie jung und unerfahren waren, schnitzten sie sie nach ihrem Bilde.

Nach einiger Zeit fingen sie dann an, sich Kinder zu schnitzen. Mit Kindern hat man immer eine Menge Arbeit, doch die meisten Holzarbeiter schnitzten nicht nur eins, sondern zwei, manche sogar drei. Familie begriffen sie als eine gute und sichere Altersvorsorge. Manche allerdings ängstigten sich vor Arbeitslosigkeit. Was wird aus den Kindern, wenn kein Holz mehr da ist?

V

Je länger die Holzfäller Holz fällten, desto kleiner wurde der Wald. Holzfäller mit scharfen Augen verkündeten, sie könnten bereits jetzt Licht vom anderen Ende des Waldes durchscheinen sehen.

Alle Jahre wieder jedoch stand ein dicker Holzbalken pünktlich zum Weihnachtsfest vor der Haustür. Jedes Jahr erneut stieg der Rauch gerade zum Himmel empor. Bis der Wald eines Tages völlig verschwunden war. „Wie ist es in der Stadt?“, hatten sie, ängstlich und besorgt, die Lastwagenfahrer ausgeforscht. „Ach!“, winkte einer mit nachlässiger Handbewegung ab: „Da ist alles aus Blech!“ Aus seiner Jackentasche holte er eine Blechbierdose und ließ sie unter den Jungs kreisen. Der Geschmack war leicht metallisch und etwas angewidert schüttelten die Holzarbeiter ihre Köpfe.

VI

Kurz vor Weihnachten erhielten die Holzarbeiter ihre betriebsbedingten Kündigungen, einen Tag später bereits hatten sie Stellenangebote für die Stadt im Briefkasten. Zum letzten Weihnachtsfest in der Holzarbeitersiedlung stand kein Holzbalken mehr neben der Tür, sondern ein riesiger Kasten aus Blech.

„Was ist denn das?“, fragten die erstaunten Holzarbeiter die Lastwagenfahrer. „Das ist ein Auto!“, sagten die: „Direkt aus der Produktion! Aus der Stadt!“

Jetzt erst erfuhren die Holzfäller, wofür sie all die Jahre Holz gefällt hatten und wofür das ganze Holz in der Stadt gebraucht worden war: Heizkraft, Turbinen. Verbrennung, Maschinen. Aber jetzt war es zu spät.

*

Das war die Geschichte unserer Vorfahren. Wie die Geschichte weiter geht, wenn auch das Blech alle ist, müssen wir selbst entscheiden.

(Inspired by Greg Grandin, Fordlandia. The Rise and Fall of Henry Ford’s Forgotten Jungle City. New York, 2009)

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