Rund um den Alexanderplatz

Asphalt Tiger ist sehr zufrieden: Es gibt ihn noch, den echten, unverhüllten Beton, am Alexanderplatz. Überall sonst haben sie Beton versteckt hinter irgendwelchen bunten Scheiß-Fassaden, Fassaden, die die wunderschöne Feingliedrigkeit der Betonbauten zukleistern. Hier, nordwestlich des Alexanderplatzes gibt es dagegen noch so richtig viel Beton aufs Auge.

fernsehturm 2Sicher, auch Beton hatte seine Auf und Ups. Kurz vor dem Untergang der DDR haben die staatssozialistischen Architekten die Postmoderne entdeckt und ihre Betonbauten mit lustigen Erkern und Dächlein versehen. Diese Spielereien haben das Ende einer Ära des Fortschritts eingeleitet. Kurze Zeit später war die DDR k.o. Auch die Postmoderne hatte sich damit überlebt, sie hatte ihren Dienst getan und das Ende der Geschichte herbeigeführt.

Die Architekten, die danach kamen, haben auf jeglichen Schnickschnack verzichtet und in Berlin einen klobigen Klotz nach dem andern hochgezogen, für grobschlächtige Menschen, die Ytong-Steine mit dem bloßen Kiefer zermalmen.

hof 2aAsphalt Tiger läuft durch die angrenzenden Straßen und sucht. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man ihn noch: den Hinterhof aus purem Beton. Man muss durch finstere Tordurchfahrten durchgucken, hinter dem Alexanderplatz. Ehrfürchtig starrt Asphalt Tiger in die betönerne Tiefe, ganz aus Beton!

Vorne, auf der Straße, tobt wieder ein Leben, das altmodischer nicht sein könnte. Nachdem die alten Handwerksbetriebe mühsam in PGHs, Produktionsgenossenschaften des Handwerks, verschwunden worden waren, erleben sie heute eine Renaissance. Doch nicht mehr in dunklen Werkstätten, Höhlen gleich, üben die neuen Handwerksburschen und -mägde ihr Handwerk aus, nein, sie sitzen im hellen Licht der Butiken.

Mit ihren Waren bieten die Handwerker und Handwerkerinnen sich selbst in ihrer hochspezialisierten Leiblichkeit und Lebendigkeit gewissermaßen als ästhetischen Mehrwert den Blicken der Käufer und Kaufinteressierten dar: Der würdig-ernste Polsterer, wie er das grüne Sofakissen polstert, die elegante Konditorin, wie sie ihr Schokokonfekt schokoliert, der nachdenkliche Schreibwarenhändler, wie er seine edlen Füllfederhalter poliert, die unter einem Gedicht von Rilke keine Tinte spucken werden. Wohlgezirkelt sind alle ihre Bewegungen, ausgesucht ihre Dienstuniform; Asphalt Tiger schaut auf gepflegte Hände und staunt.

hof 1Und wie anders laufen die Menschen doch heute durch die angrenzenden Straßen, die Rosa-Luxemburg-, die Münz-, die Alte und Neue Schönhauser Straße, als zu Zeiten, als titanengroße Krane Plattenbauten Betonplatte für Betonplatte in die Höhe zogen. Wie anders blicken sie heute, betrachten sie.

Flaneure, wie zu den goldenen Zeiten Franz Hessels, Walter Benjamins, Georg Simmels? Nein! Sicherlich bewegt sie nicht das interesselose Wohlgefallen derer, die sich ziellos durch die Straßen treiben lassen. Zu sehr sind sie mit Tüten behängt, zu zielstrebig ist ihr Schritt. „Um richtig zu flanieren“, schreibt Franz Hessel, „darf man nichts allzu Bestimmtes vorhaben.“

Flanieren ist, erhebt er den Finger, „eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines neuen Buches ergeben“ (Hessel 1979 [1929]: Spazieren in Berlin, S. 130). Eines Buches, das mit Neugier gelesen, weggelegt, aber keinesfalls aufgegessen wird! Eines Kunstwerks, das verstanden, aber nicht besessen werden will.

[Hegel schreibt in diesem Sinne: „Böttigers Herumtatscheln an den weichen Marmorpartien der weiblichen Göttinnen gehört nicht zur Kunstbeschauung und zum Kunstgenuss.“ (zit. nach Hoffmann-Axthelm 1974: Theorie der künstlerischen Arbeit, S. 24)]

hof 3Wie anders ist doch die Welt, in die Asphalt Tiger heute seinen Blick schweifen lässt. Die abweisende Welt eigenartiger Hinterhofschluchten. Vielleicht ist es eine besondere, selten gewordene Art des Lektüregenusses, die Asphalt Tiger hier und heute sucht, eine Lektüre, die nicht Wohlgefallen erregt, sondern die den Atem stocken und die Haare zu Berge stehen lässt: die erschütternde, grauenerregende Begegnung mit dem mysterium tremendum et fascinans einer verlorenen Welt aus Beton.

Die biedermeierliche Staffage der neuen Handwerksbetriebe, der helle Glanz und das leichtfüßige Divertimento der bunten Waren in den kleinen Läden und Werkstätten, diese ganze pusselige Schönheit bedeutet Asphalt Tiger nichts. Nein, ihn verlangt es nach dem Schaudern und Zittern, welches nur majestätische Betonmassen auslösen können. Ein kalter Wind bläst durch diese schrecklich erhabene Welt.

„Aber es ist ein ehrlicher Wind!“ Asphalt Tigers Hosenbeine und Ärmel flattern in dem Wind. Tiger freut sich.

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