Geheimtipp Berlin: Szenetreff im Szenekiez

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Bierbar

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Die Welt ist flach wie eine Scheibe!

Berlin. Große Stadt, lange Nacht. Die Leute wollen ausgehen. Die Leute schalten ihren Computer auf dem tragbaren Telefon an und starren auf die Scheibe. Wenn sich die Leute durch die Straßen bewegen, schauen die Leute immer wieder hinunter auf die Scheibe. Mit den Computern auf den Telefonen hat sich eingebürgert, dass die Leute von oben herab auf die Welt schauen.

Dass die Welt flach wie eine Scheibe ist, wird für die Menschen zur sinnlichen Erfahrung, wenn sie mit ihren Fingerspitzen über die flache Scheibe ihres tragbaren Telefons fahren (von „Begreifen“ kann da keine Rede sein. Die Welt ist eine rutschig glatte Scheibe, die sich unter den Fingerspitzen weiterdreht (google maps).

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Merke: Die Scheibe ist keine Wählscheibe! Und dennoch: Wie vielfältig ist die Welt! Wie vielfältig sind die Angebote dieser Welt! Manche Menschen, die erst durch ihre Computer dazu animiert werden, sich die Welt anzuschauen, sich die Angebote in ihrer Einbettung in räumliche Strukturen anzuschauen, sind erstaunt und schier begeistert.

Wenn Leute von oben herab auf die Scheibe schauen, sehen sie die Welt mit anderen Augen: Straßen, Bars, Clubs, Geheimtipps. Vor allem nachts. Wenn sich die Leute gegenseitig informieren wollen, müssen sie die Welt mit ihren Fingerspitzen erst mal in Text konvertieren. Dadurch können Leute anderen Leuten sagen, wie die Welt hier und da ausschaut. Und Verabredungen treffen: Fingertipps – Lesen – Wischen – Straße: schauen – Fingertipps – Lesen (Begreifen!).

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Die Welt ist transparent und realisiert sich materiell

Mitternacht. Die Leute sind jetzt alle vor Ort, in Neukölln oder Moabit. Wenn die Leute dann vor Ort sind („Hallloo! Du auch hier?“), werden aus Texten plötzlich Stühle, Sofas, Zapfhähne und Livebands. Leute setzen sich mit ihrem echten Arsch wohin. Wenn die Leute dann vor Ort wieder auf die Scheibe herunter gucken, sind da sofort wieder andere Welten aus Texten und Flächen: Kreuzberg, Kreuzkölln, Oberschweineöde. Scheibe und Welt nähern sich mal an, mal treten sie auseinander.

Leute zwischen Scheibe und Welt sind immer auf der Suche. Neue Angebote locken! Vielfalt, Qual der Wahl! Geheimtipps: Sofort entdecken!

Seit die Welt (dank Computer und tragbarem Telefon) wieder eine Scheibe ist, ist der Markt vollkommen transparent (wie früher das flache Land bei Vollmond). Angebot und Nachfrage finden schnellstmöglich zueinander, indem Leute erst auf die Scheibe schauen und dann ganz schnell durch die Straßen zu dem Ort laufen, wo sie ihren Bedarf befriedigen.

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Die Welt ist ein Club, wo Angebot und Nachfrage zusammenkommen

Gute Angebote werden erst auf der Scheibe, dann auf der Welt auf diese Weise immer größer, schlechte Angebote verschwinden im Handumdrehen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Leute nicken, und ohne Vertragstext, ohne Spuren auf der Scheibe, werden Geld und Ware gewechselt: Bier, Cognac, Kakao. Gute Ware: mehr Geld (G – W – G‘). Geheimtipps: brechend voll. Weserstraße.

Schlechte Ware? Im Nachtleben heißt das: „Wer nichts Wirt, wird virtuell.“ Bars, Clubs machen dicht. Sofas, Stühle, Livebands verschwinden aus der Welt und bleiben eine Weile noch als Sperrmüll auf der Straße und als Text auf der Scheibe. Straßen bleiben, Häuser meistens auch. Neue Verträge: „Vertragsänderungen bedürfen der Textform.“

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Das Geheimnis in Reinform

Asphalt Tiger geht in seinen Lieblingsclub. Seine Finger ritzen ein Herz in den aufgeschwemmten Tresen zwischen dem Bierfleck. Unter seinen Nägeln ist Schwarz. Die Leute rauchen und kriegen keine Luft mehr. Er liebt diesen Club. Sein persönlicher Geheimtipp. Die Band spielt Boogie Woogie. Asphalt Tiger klappert mit seinen Fingerkuppen den Takt auf den Tresen. Sein Blick gleitet liebevoll über das dunkle Interieur: „Alles voll authentisch hier!“

„Wo denn?“ Wird der ein oder andere wissen wollen, wenn er diesen Text auf seiner flachen Scheibe liest.

Genervt oder gelangweilt dreht sich Asphalt Tiger um (wohin? Lederjacke quietscht unter Jeansweste) und schnauzt im Szene-Jargon: „Eigentlich sollten Geheimtipps ja geheim bleiben!“

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