Zur Belohnung

(eine traurige Geschichte)

*

Asphalt Tiger steht am Kopierer im Kopierladen und kopiert eine Seite nach der andern. Ganz in weiß. Sst. Da kommt eine Frau mit Kinderwagen in den Kopierladen und fängt an zu kopieren. Das Kind im Kinderwagen quengelt.

„Sei still, du siehst doch, dass Mama zu tun hat!“ Die Frau, lang und staksig, Mitte dreißig, steht am Kopierer.

Das Kind, vielleicht drei Jahre alt, sieht nicht sehr glücklich aus, ungepflegte, halblange Haare und braune Ringe unter den Augen. Asphalt Tiger kniept mit Augen und macht alberne Grimassen (Mama guckt nicht hin, puh), aber das Kind reagiert nicht und schaut nur glasig und windet sich wortlos in der Enge des Kinderwagens.

„Johanna! Mama muss die Bewerbung noch fertig kopieren, stör sie nicht dabei!“ Die Mutter sächselt mit Stentorstimme.

Als das Kind weiter quengelt, befreit es die Mutter endlich aus dem Kinderwagen. „Lauf aber nicht herum, Johanna! Bleib stehen!“ Das Kind, hager wie die Mutter, jedoch blasser, mit der gleichen lieblosen Frisur, klammert sich an das Bein der Mutter, die am Kopierer steht, und bleibt so stehen.

„Nichts anfassen, Johanna! Sonst kommt der Mann vom Kopierladen und schimpft!“ Der Mann vom Kopierladen ist klein und leise und schimpft nie.

Kaum bewegt sich das kleine Mädchen wenige Meter, mit müden Bewegungen, ertönen neue Befehle.

Asphalt Tiger ist erstaunt, da er nicht wusste, dass sich lieblose, freudlose, durch und durch repressive Milieus auch in der ehemaligen DDR von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart hinein reproduzieren konnten. Wie wo? Freikirche, Pfarrhaus? Hinterste Ecke finsterste Provinz? Und jetzt sind sie in der Hauptstadt gelandet … Das kann doch nicht gut gehen!

hase 2Abb.: Was zum Freuen zwischendurch. Ein Hase, kurz vor Hohensaaten

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Ein Kind, gesund, lebendig, im gleichen Alter wie das Mädchen, und ihr Öko-Vater mit knallblauer Hose (macht jünger!) kommen herein. „Stop! Johanna, nicht weiter gehen!“, befiehlt die Frau angesichts ihres freundlichen Hundes, der, die Augen unter struppiger Frisur versteckt, unbeholfen in den Laden rein stapft. Das andere Kind kommt lächelnd mit Hund auf Johanna zu und deeskaliert.

„Ach! Blablabla! Gar nicht wiedererkannt! Dass ich Ihre Namen auch immer vergesse!“, heuchelt die sächselnde Mutter dem knallblauen Vater was vor und ist wie ausgewechselt: freundlich. Ob dem Vater auch auffällt, dass das Mädchen müde und krank aussieht?

Kurzer Smalltalk: mit vielen Worten bloß nichts sagen. Kind, Hund, Vater verschwinden, hinaus in eine Welt, in der die Sonne scheint.

Schnell kümmert sich das Jugendamt um sog. Unterschicht-Kinder, deren Erziehung den bürgerlichen Anforderungen nicht genügt: Vernachlässigung, Gewalt. Die Dressur der Bürgerlichen dagegen, die gepflegte Umgangsformen und ausgesuchte Höflichkeit in der gnadenlosen Konsequenz geduldiger Wiederholungen einübt, bleibt stets vom Hauch des Legitimen und der Elternliebe duftig umgeben: kein Grund zur Sorge, aus DER soll was werden! Hier hat Asphalt Tiger eine rätselhafte Mischform vor sich.

hase 3aAbb.: Asphalt Tiger pirscht sich ganz nah ran. Dann kriegt er es mit der Angst zu tun. Nein, nicht der Hase!

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„Komm zu mir, Johanna! Stell dich da hin, Johanna! Mach nichts kaputt, Johanna! Lenk die Mama nicht ab, sonst macht sie einen Fehler, und das kostet Geld, und das wird teuer, Johanna!“ Die Mama hat nämlich nur zwei Euro bei sich, sagt sie dem Mann vom Kopierladen. (Geiz?)

Das Kind sagt kein Wort, hin und her dirigiert von der namenlosen Mutter. Auf was bewirbt diese sich wohl mit ihrer Bewerbung, die am grauen Kopiergerät langsam Gestalt annimmt? Gouvernante? Aufpasserin im Zuchthaus? Christliche Lebensschützerin (mit Waffenschein)? ‚Irgendwas mit Menschen‘ sicherlich …

„Stell dich auf den Stuhl, Johanna! Jetzt darfst du die Start-Taste am Kopierer drücken. Hahaha, das ist lustig, gell!“, lacht sie gequält. Das Kind lacht eher nicht.

„Und jetzt guck, wie die Kopien unten raus kommen! ABER aufpassen! Nicht, dass eine Seite fehlt!!“

hase 1Abb.: Gleich passiert was! Asphalt Tiger ist aber dann doch relativ heile wieder zuhause angekommen.

*

Endlos endlos endlos. Endlich ist die Mutter fertig am Kopierer. Auf dem Tisch stehen Klammeraffe, Locher, Schneidegerät, Scheren und Kleber. „Jetzt macht Mama ihre Bewerbung noch fertig, und dann können wir gehen!“

Das Kind schiebt müde einen Hocker zum Tisch und hockt sich darauf.

„So, Johanna!“ Sie drückt ihr einen gusseisernen Locher in die Hand. „Hier nimm!

Und JETZT darfst du dir ein Loch machen!“

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