Leopold von Dessau, starr vor Entsetzen

wächst

Erneut müssen wir über den Zustand des Nervengerüsts vom alten Generalfeldmarschall Leopold von Dessau berichten. Er macht uns Sorgen. Starr vor Entsetzen, doch klapprig steht der Alte und sieht das Unheil wachsen, das sich vor ihm, direkt vor seinen Augen, auftürmt, höher und höher. Seine Augen, schreckgeweitet, können sich nicht mehr schließen, können nicht aufhören, das haushoche Anwachsen der materiellen Gewalt zu registrieren, die er, verlustig seiner Armeen, nicht mehr aufhalten kann.

„Wo sind die Bäume! Wo die Wiesen! Wo das Gras!“, hatte er bei unserem letzten Besuch noch geklagt. Alles verschwunden!

Die Niederlage im heißen Schlachtgetümmel, umtost von Kriegslärm, wäre ihm tausendmal lieber als diese Ohnmacht, dem rationalen Rattern der Baumaschinen ohne Waffen gegenüberzustehen und nicht das Schwert zücken zu können gegen dieses geometrisch geordnete Heer blitzenden Metalls, nicht die Kanone feuern zu können gegen diese massive Bastion! Vom Schlag getroffen, muss er das stete, brüllend laute Rotationsgeräusch der Betonmischmaschinen über sich ergehen lassen, muss er ertragen, wie immer wieder die dunklen Schatten der langsam und geräuschlos sich bewegenden Kranarme auf ihn fallen – über ihm schwebend wie ein Damoklesschwert, dessen unausgesetztes Schweben allein den Gegner entkräftet.

*

Armer Feldmarschall! Werden die weißgekleideten Pfleger ihn, den unnütz gewordenen alten Alten, bald abholen, ihn in einen Rollstuhl setzen und wegkarren, ins nahe Seniorenheim? Was werden die Sieger dieser Geschichte auf dem frei gewordenen Platz hochziehen? Asphalt Tiger ist sich sicher: Man wird es nicht sehen können! Weil man keinen Platz hat, es anzuschauen.

Wo Luft war, steht dann Beton. „Alles Ständische und Stehende verdampft“ in der Mischmaschine, und Beton trocknet schnell und wird fest und hart, und die wenige Luft zum Atmen in der Stadt ist dann fest eingeschlossen in Beton. Dessen winzig kleine Luftporen „stellen einen Ausweichsraum für gefrierendes Wasser dar und erhöhen somit die Frostbeständigkeit des Betons.“ Beton übersteht die kältesten Winter (anders als Napoleon). Asphalt Tiger fröstelt. Zum Glück ist von Dessau im gut geheizten Heim. Er steht am Heizkörper, am Fenster. Draußen sieht er die Krähen in den Bäumen hocken.

Asphalt Tiger stutzt: Gibt es wirklich in der Gegenwart, wie Foucault behauptet, kein Außen des Betons !!? Er wird sich mit Generalfeldmarschall Leopold von Dessau unterhalten müssen, in der freundlichen Cafeteria des Seniorenheims, am glänzenden Tisch aus hellem Holz.

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