Niebel, Neumann, Landraub in Uganda

*

Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel stellt sich mit breitem Kreuz vor den weltweit führenden Rohkaffeedienstleister: Er tut nur seinen Dienst! Es kann keiner sagen, dass der Staat im Neoliberalismus untätig sei. Jedenfalls nicht außerhalb vom Staat. Jedenfalls nicht in den Kolonien. Jedenfalls nicht, wenn es um leckeren Kaffeegenuss geht.

Wenn der köstliche Kaffeegenuss der Neumann Kaffeegruppe gestört wird, kann es schon mal sein, dass Dirk Niebel droht, NGOs wie FIAN die Gelder zu streichen. Er droht im Staatsfunk, im Deutschlandfunk.

FIAN ist eine Nicht-Regierungsorganisation, die wegen ihrer wichtigen Arbeit von Deutschland aus meinem Etat gefördert wird, sogar in der politischen Bildung hier in Deutschland eine der ganz wenigen Organisationen, deren Anträge ungekürzt bewilligt worden sind, und ich glaube, dass diese Arbeit vernünftig und sinnvoll ist, wenn man Maß und Mitte einhält. Nicht mehr fordere ich ein.

Was? Niebel findet, es ist zu viel, wenn FIAN für die Rechte der Kleinbauern eintritt, die von den Feldern vertrieben wurden, wo jetzt die Neumanns ihren Kaffee hochziehen.

„Wer sind diese Neumanns!??“

Asphalt Tiger rastet fast aus vor Neugierde.

Hamburg. Die Neumann Kaffee Gruppe sitzt um den Kaffeetisch im Wohnzimmer herum, rührt das köstlich schwarze Nass in der Tasse um. Der Duft zieht angenehm in die Nase, und das Aroma entfaltet sich, wenn das Kaffeekränzchen ihren Lieblingskaffee schlürft: „Uganda Washed Robusta“. Im Garten zwitschern die Vögel. Amseln.

Täglich um 16 Uhr trifft sich das Kaffeekränzchen bei Neumanns. Zum Kaffeetrinken, zum Kuchenessen, zum Plaudern. Zum Pläne schmieden! Manchmal reden sie auch über die armen Menschen in Afrika. Wie ihnen helfen?

Die Kuchenkrümel rollen über das weiße Tischtuch. Die Kerze flackert. Die Leute lachen. Bei Neumanns im Wohnzimmer. Die Neumann Kaffee Gruppe ist eine liebenswerte Gesellschaft, und sie freut sich auf neue Gesichter, die Spass an einem guten Schnack haben:

Wir suchen Menschen, die unsere Begeisterung für Kaffee teilen und ihre Energie und Inspiration dazu nutzen, die Botschaft von dem Genuss dieses modernen und anregenden Produktes in alle Welt zu tragen.

Bis nach Afrika! Au ja! Die alten Schachteln kichern, und nachher gibts Likörchen.

Doch was?

„Was sollen die gemacht haben???“ Asphalt Tiger kreischt fassungslos. Eklat!

Vater Neumann steht auf vom Kaffeetisch und zieht den Strick-Westover stramm über sein Bauch. Mutter Neumann wirbelt brüsk ihre sahneweiße Schneehaubenfrisur herum, dass es nur so staubt vor Gardinensteif.

„Ruf den Niebel!“, zischt sie zu Vater Neumann.

Niebel kommt schnell. Es ist sein Wahlkreis, und er wohnt nebenan. Mit dem Auto fährt er die Garageneinfahrt hoch. Er wuchtet sich aus dem Auto und japst.

Jetzt knallts. Asphalt Tiger hält den Atem an. Die Tür knallt und Niebel steht beim Kaffeekränzchen.

Niebel verteidigt die Neumann Kaffeegruppe. Er drückt die Landserkappe tiefer in die Stirn und schnallt den Gürtel enger.

„Vertreibung von 400 Kleinbauern-Familien?“ Bellt er. „Ja, aber doch nur für deutsche Wirtschaftsinteressen!!“ Als ob irgendwer von den Leutchen hier auf sein Tässchen Kaffee, ökologisch korrekt, verzichten könnte. Also! Niebel nickt in die Runde.

Fragen bleiben, stumm. Tiger fragt sich: Wer hat die Leute vertrieben? Die vielen Familien, die 2000 Menschen? Kleinbauern, die da lebten und arbeiteten, wo sich heute die Kaweri Coffee Plantation auf 2512 Hektar erstreckt? Existenzen zerstört. Für ein paar Kännchen … ökologisch korrekten Kaffee …

Die Neumann Kaffee Gruppe war es bestimmt nicht! Mutti Neumann zetert: „Das Feld war schon leer!“ Die Armee von Uganda hatte den Job schon gemacht. Die Tabula war rasa gewesen, als sie da angefangen haben, Zeile um Zeile ihre zarten Kaffeepflänzchen in die noch fruchtbare Erde zu stecken. Mutter Neumann hat noch richtig schwarze Fingernägel davon! Schamvoll versteckt sie ihre schmutzigen Finger unter der weißen Tischdecke.

*

Und alles zum Besten der Menschen in Uganda! Die Kleinbauern können sich ja jetzt als Tagelöhner verdingen. Saisonal. Von Tag zu Tag. Wenn es nicht regnet. Oder oder …

Jedenfalls: selbständig. Niebel rühmt die Neumanns, die Kleinbauern mit ihrer primitiven Akkumulation endlich aus ihrem vertierten Zustand erlöst zu haben:

Unser entwicklungspolitisches Konzept hat das Ziel, nicht Menschen zu füttern, sondern in die Selbstständigkeit zu führen, und dazu braucht man Qualifikation, und dieses Investment in Uganda wird dazu beitragen, oder trägt schon seit Langem dazu bei, dass Tausende von Kleinbauern qualifiziert werden – nicht mit Steuergeld, sondern mit privatem Geld – und durch diese Qualifikation in der Lage sind, endlich mal nicht nur schlecht und recht ihre Familie ernähren zu können, sondern auch Geld zu verdienen und dadurch auch regionale Märkte zu erreichen.

(Der regionale Supermarkt auf dem Werksgelände wird vermutlich von der Neumanngruppe bestückt.) (Kaweri Coffee Plantation ltd on facebook: 4 Personen gefällt das…)

Vater Neumann lobt sich selbst:

Today Kaweri employs 250 local people full-time, almost 50 percent of which are women. There are 400–800 employees who carry out various jobs on the farm on a daily basis (or under the task system). Kaweri has thus created an average of around 800 permanent jobs. During harvest up to 2,500 coffee pickers are employed. These jobs reduce poverty in the region.

Reduce poverty? Was ist Armut?

Wenn man kein Geld (aber Produktionsmittel und genug zum Leben) hat ODER wenn man kein Land, keine Hütte, keine Pflanze, keine Hacke, keine Produktionsmittel, keine Nachbarn, keine Kumpelzzz hat?

Wenn man keine Produktionsmittel und nix zum Leben hat? Dann müssen sich die Leute als Tagelöhner verdingen. Dann kriegen sie Geld dafür, das Gesicht des Patrons glänzt, weil er Mittellose vor der Armut gerettet hat. Dann rennen die Tagelöhner in die Läden, und das Geld ist wieder weg …

Der Patron ist gut, er organisiert alles für die Peoplez, er organisiert er die „Community“: „free housing, electricity, clean water and medical facilities“ — die ganze Reproduktion der Arbeitskraft. Die Leute müssen sich gar nicht mehr anstrengen, das macht alles der Scheff. Der Vater Neumann. (Das macht er alles ohne viel Gewese, in seinem Hobbyraum, wenn Mutter Neumann mit Nachbars plaudert oder bügelt).

Die Leute schreien: „Yeah!“

*

Vater Neumann seufzt erleichtert. Nachmittags um vier, West Germany, Old Europe: Die Leute sitzen am Esszimmertisch und trinken eine Tasse Bohnenkaffee. Niebel erzählt irgendwelche Stories aus dem Dschungel und schwitzt.

„Noch ein Tässchen Ökokaffee?“

Das Neumann Kaffeekränzchen schwört auf Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Naturschutz. Der „Highest Quality Uganda Washed Robusta“ Kaffee ist durch und durch korrekt! Ausgezeichnete Uganda Greenwashing-Produkte!

Vater Neumann erläutert: „Kein wilder, unkontrollierter Raubbau an der Natur! Alles geplant!“

„Verantwortung“ ist ein Wort, das aus dem Munde der Neumann Kaffee Gruppe schwer wiegt!

Leise klingelt der Kaffeelöffel ans weiße Porzellan. „Noch ein Stückchen Kuchen gefällig? Noch ein Tässchen?“ — „Yeah!“

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