Warenfetischismus – am Ende?

warenfetisch

Noch nie hat Asphalt Tiger eine Werbung gesehen, die, statt die Ware anzupreisen, die Praxis des Warenfetischismus so unverblümt bewirbt.

„So! Muss einem der Warenfetischismus jetzt extra eingeschärft werden?“

Offensichtlich.

Die jungen Frauen würden angesichts der unverschämten Direktheit dieser Werbung für den Warenfetischismus am liebsten von der Bildfläche verschwinden. Beide vermeiden den Blickkontakt mit den Betrachtenden. Die eine schaut forciert und dümmlich zur Seite, als sei sie gerade der Lüge oder der Vorspiegelung falscher Tatsachen überführt worden – dabei ist es die Lüge der Werbefuzzis. Die andere senkt die Augen schamerfüllt nach unten: Fremdschämen. Einfach gute Miene zum bösen Spiel zu machen bringen die beiden nicht übers Herz – das spricht für sie!

Vom Gebrauchswert der Dinge ist in dieser Werbung keine Rede! Es geht nicht darum, die Klamotten zu tragen! Die Machart, Farben, Schnitt und Stoffqualität der Produkte treten auffallend in den Hintergrund. Nicht die bunten Kleider werden der Anbetung anempfohlen, sondern allein der Preis. Schließlich hat „die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen.“ (MEW 23: 86)

Asphalt Tiger steht vor einem Rätsel. Ein älterer Herr mit Stock und weißem Bart bleibt jetzt auch vor dem Plakat stehen und schüttelt den Kopf:

„Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Eine Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr […]“ (MEW 23: 85)

Was der Herr dann aber über den Warenfetischismus erzählt, ist so ungeheuerlich, dass es Asphalt Tiger sich die Ohren zuhalten möchte (mehr hier dazu).

Wie unheimlich! Aber: Als Asphalt Tiger über die Scheiß Werbung nachdenkt, fühlt er sich irgendwie erleichtert.

Denn offensichtlich ist es für die Menschen nicht mehr selbstverständlich, Marken zu verehren und Preise anzubeten!

Warum müsste man sonst für den Warenfetischismus werben?

Die Menschen wiederholen Warenfetischismus nicht mehr automatisch, wie ein Fernseher, der Programm liefert, oder die Waschmaschine, die sich dreht. Die Menschen wollen wieder Dinge gebrauchen, ohne dafür einen Preis zu entrichten!

Die Menschen sagen, sie haben ein Recht, Dinge zu nutzen, die sie selbst gemacht haben und die zum guten Leben dazu gehören: die Stadt, Wasser, Energie, BVG, ein Dach über dem Kopf. Asphalt Tiger nickt sehr zufrieden.

Nachdem Asphalt Tiger das blöde Plakat lange genug angestarrt hat, weiß er ganz gewiss:

Der Kult des Warenfetischismus ist ernsthaft bedroht. KRISE! Es bedarf bewusstseinsbildender Maßnahmen, um den Schutz und den Erhalt dieses seltsamen Brauchtums zu gewährleisten.

Warum sonst müsste diese Werbung denn den Leuten eine religiöse Praxis ausdrücklich einschärfen!

Fehlt nur noch, dass die Werbefuzzis den Leuten religiöse Vorschriften machen und Gebote erlassen!

Verkündet der Kapitalismus, der bis dato purer Kult, reine Praxis war (W. Benjamin), am Ende noch seine theologische Dogmatik?

(Vielleicht würde es helfen, die Praxis des Warenfetischismus zum UNESCO Intangible Heritage, zum Weltkulturerbe zu erklären? Ein Museumswärter würde dann daneben stehen: „Nicht berühren! Nur anschaun!“)

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