Heimatkunde Brandenburg: Der Storch ist ein Ägypter!

Storch Ladeburg 1

Asphalt Tiger sitzt in der Sonne, mitten in der Pampa, mitten in Brandenburg, und liest in einem Buch:

Von oben sieht solch ein Dorf gewiss aus wie Seligenfeld. Also wie eine Straße, an die man Häuser gebaut hat, dahinter dann Scheunen und, wie um ein Gehöft oder Anwesen vom nächsten zu trennen, im rechten Winkel zu Haus oder Scheune, das ist ganz egal, Ställe für Pferde und Kühe, Speicher für Getreide, Keller für Kartoffeln, Holzschauer und sogenannte Kleten, niedrige, aber hübsch verzierte Häuschen, in denen e sich sogar recht angenehm wohnt, wenn man das will. alle diese Speicher, Schauer, Kleten in dem Maße und Ausmaße, wie man zum Hineintun hat.

Storch Ladeburg 3

Und dann gibt es die Gärten — Gemüse, Obst, Blumen — und auf dem Hof den Brunnen und auf dem Scheunendach jedesmal ein Storchennest; das muss man ausdrücklich sagen, denn eine Gegend ohne Störche ist, denke ich, ein unbewohnter Ort. Es muss einen nicht stören, dass er so geraden Schrittes und so schwarz-weiß-rot daherkommt, in diesen angeblich deutschen Farben, ein Deutscher ist er nicht, eher ein alter Ägypter, dort fliegt er ja auch immer hin,

storch fliegt

zu den Ägyptern, ein friedlicher Vogel, obwohl eigentlich streitbar genug, für seinen eigenen Bedarf, der sich vor Kriegsläuften immer gleich wer weiß wohin verzieht. Und dann eben steht an einem Ende des Dorfes oder in seiner Mitte die Kirche, jedenfalls auf einem guten Platz. Weil dahinter der Friedhof liegt und daneben der Friedhof oder das Pastorat.

(Johannes Bobrowski (1966): Litauische Claviere. Roman. Berlin: Union Verlag, S. 151f.)

Asphalt Tiger klappt das Buch zu und ist bedrückt. Es spielt in Litauen, und nicht in Brandenburg, aber egal!

Welch ein Kontrast:

Wie froh sind die Brandenburger, wie jubeln sie den Störchen zu, wenn sie Ende März, Anfang April endlich zurück kommen aus dem heißen Ägypten, heiß erwartet wie der nächste Sommer. Alle staunen, wenn die Störche wieder Platz nehmen auf dem hohen Schornstein, hoch über den Dächern des Dorfes, und gleichzeitig mitten drin im Geschehen. Alle gucken hoch, neugierig, immer wenn sie vorbeikommen: Was die Störche machen? Haben sie schon Junge? Alle nehmen teil am Leben der Störche.

storch liepe 1

Und jeder Brandenburger folgt mit dem Augen dem Flug des Storches, wenn er durch die Luft gleitet: Wie schön! Und jeder beobachtet fasziniert, wie er über die Felder stakst, auf der Suche nach Freßbarem. Und alle hoffen, dass sie gut gedeiht, und dass ihre Kinder schön groß und kräftig werden.

Da sucht der Storch, auf einem frisch gemähtem Feld in Liepe, am Niederoderbruch, sein Essen. Wenn er was findet, packt er es mit seinem langen Schnabel, legt der Kopf schnell in den Nacken und schluckt: „Nicht viel schnacken / Kopp in’n Nacken!“

störche bei liepe 3

Die Tourismusbranche des Landes Brandenburg wirbt mit den Störchen aus dem fernen Ägypten, weil sie so beliebt sind, und das Brandenburger Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz stellt auf seiner Sonderseite „Tierwelt: Der Weißstorch“ fest, dass der fremdländische Weißstorch, der „[a]ls Adebar (Fabelwelt) in der Bevölkerung sehr beliebt“ sei, sogar „durchaus das Zeug zum brandenburgischen Wappenvogel“ hat.

storch liepe

Das Land Brandenburg ist stolz auf die Vögel aus dem fernen Afrika! Der Storch aus dem fernen Afrika ist das Totemtier Brandenburgs! Unter ihrem afrikanischen Wappentier versammelt, versichern sich die Brandenburger ihrer gemeinsamen Identität! Allein die Anerkennung der Autorität des afrikanischen Urvaters Storch garantiert die Fortexistenz der Gemeinschaft. Schließlich ist der afrikanische Gevatter Storch als Kinderbringer unabdingbar für die biologische Reproduktion des Brandenburger Volks. Und er warnt vor dem Rückfall in die Endogamie, in den Inzest. „Marrying out, not breeding in!“

Das Wappentier ist daher heilig, es darf nicht verspeist werden (vgl. Sigmund Freud, Totem und Tabu)! Der afrikanische Storch erinnert das Land Brandenburg daran, dass es den Kannibalismus der Vorzeit überwunden hat. Haben sollte.

*

Nachdem er begriffen hat, wie sehr die Brandenburger die Tiere aus dem fernen Afrika verehren, wundert es den Asphalt Tiger umso mehr, wie das Land Brandenburg mit den Menschen aus dem fernen Afrika umgeht.

Warum, fragt er sich, freut sich das Land Brandenburg nicht ebenso über diese Menschen, die hierher kommen? Warum lässt das Land Brandenburg diese Menschen nicht inmitten der Dörfer und Städte wohnen, damit Menschen unter Menschen sind, wie es für Menschen selbstverständlich sein sollte?

storch an der oder

Das Land Brandenburg sperrt diese Menschen ein und macht sie unsichtbar, steckt sie entweder in Baracken mitten im Wald, abseits der Städte, Dörfer und Weiler, oder in einen zentralen Knast mit Zäunen, Gittern, Stacheldraht. Asphalt Tiger hat greuliche Bilder gesehen von diesem Abschiebeknast im brandenburgischen Eisenhüttenstadt, die gehen ihm nicht aus dem Kopf.

Der Knast heißt ZAST und heißt Zentrale Erstaufnahmestelle. Und „Aufnahme“ heißt hier nicht Willkommen, sondern: Goodbye!

Wie hält man den Druck und die Unsicherheit aus, hier jederzeit abgeschoben werden zu können, zurück in die andere Verfolgung, dort im anderen Unrechtsstaat?

Djamaa Isu, ein 21jähriger Mann aus dem Tschad, hat sich am 28. Mai, einen Tag vor seiner geplanten Abschiebung, das Leben genommen. R.I.P.

Asphalt Tiger sieht den ägyptischen Störchen zu, die in den blauen Lüften schweben, hoch über den üppigen Feldern Brandenburgs – ein tröstliches Bild.

Das Symbol der Deportations-Fluggesellschaft Lufthansa ist übrigens der Kranich.

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