Glinka nachträglich alles Gute zum Geburtstag!

Michail Iwanowitsch Glinka hatte am 1. Juni Geburtstag! Geboren 1804: also der 209te. Herzlichen Glückwunsch!

*

Die Glinkastraße: eine der Lieblingsstraßen vom Asphalt Tiger, in Berlins verlassener Mitte.

Immer schon dachte Asphalt Tiger: klar, Glinka: der russische Komponist! So heißt die Straße zu Ehren der russischen Nation! Der Sowjetunion, die hier um die Ecke ihre Botschaft hat.

Und die Geschichte einer schon etwas älteren Nation, die man ehren will, etwa in der Verleihung von Straßennamen, sollte doch mehr durch hervorragende Kultur als durch staatliche, militärische, ökonomische Gewalt ausgezeichnet sein. Eine kontinuierliche Geschichte von Unterdrückung und Ausbeutung kann man ja nach der Glorreichen Revolution nicht mehr schreiben. Was soll man machen, den Zarismus in den Eimer, aber die Nation war vorher schon da. Also Kultur.

Aber nein!

glinka tafelAbb.: „In dem durch Kriegseinwirkungen zerstörten Wohnhaus an dieser Stelle wohnte und wirkte die letzten Monate seines Lebens der große russische Komponist Michail Glinka.“ –In der „historische[n] Darstellung der russischen Gedenktafel an dem ehemaligen ‚Glinkahaus‘ an dieser Stelle“ spiegeln sich die Baukräne. Direkt gegenüber wurde vor kurzem ein historischer Parkplatz zerstört, eine Freifläche, in deren Pfützen sich Asphalt Tiger gern spiegelte, um Gewissensschau zu betreiben. Asphalt Tiger ist entsetzt!

Glinka wohnte hier! In der Französischen Straße Nr. 8, Ecke Glinkastraße. Heute ein unscheinbarer Neubau. Kasten. Marmorfassade, glatt. Wo früher der berühmte russische Komponist lebte, residiert heute etwa, wie die Klingelschilder verraten, die „Wirtschaftsvereinigung Stahl“, die „DAA Job Plus“ und die „Debeka“. Ob sich Glinka in Gesellschaft solcher Mieter wohlgefühlt hätte? Wer weiß …

Verehrer*innen haben Blumen hinterlassen, um den Komponisten zu ehren. Wie lieb!

glinkastraße 4Abb.: Gegenüber. Sie haben wieder einmal einen historischen Parkplatz vernichtet! Asphalt Tiger trauert. Alles wird zugeschissen mit gesichtslosen Verwaltungsbunkern. Das Bruttoinlandsprodukt der BRD bemisst sich in Megatonnen verbautem Beton. Kein Licht, nirgends.

*

Asphalt Tiger liest Glinkas Biographie bei Wikipedia, weil er so wenig über ihn weiß. Und er ist entzückt von dieser Art Geschichtsschreibung, die sich von der trockenen Wirtschaftsgeschichte, der grausigen Geschichte der Kriege und Eroberungen und der faden Geschichte der Regierung und der Diplomatie so angenehm unterscheidet:

Michail Glinka wurde in dem Dorf Nowospasskoje bei Smolensk als Sohn eines Adligen geboren. Seine ersten sechs Lebensjahre verbrachte er im überheizten Raum seiner Großmutter väterlicherseits, die ihn von allen äußerlichen Eindrücken abzuschirmen versuchte. So beschränkten sich seine ersten musikalischen Eindrücke auf den Vogelgesang im Garten seiner Familie, die Lieder seines Kindermädchens und die durchdringend lauten Kirchenglocken, für welche die Region Smolensk berühmt war.

Eine sinnliche Geschichte: die Geschichte eines Künstlers! Die Geschichte eines Komponisten, der von den „Naturschönheiten und lokalen Gebräuche[n]“ (ebd.) des Kaukausus fasziniert ist, der aber auch, wie viele Künstler, leicht zu verwirren ist.

Glinkas Verbindungen zu dem bekannten Poeten und die politischen Wirren der Zeit beeinflussten das Denken und Handeln des späteren Komponisten. (ebd.)

Nun, auch wir gewöhnlichen Menschen kennen diese Phasen. Hin und her gerissen, folgt man dem Wind, Wind! Wird geschüttelt, zerzauselt, dreht sich um sich selbst. Das Herbstlaub wirbelt um einen herum, wird empor gerissen, in die Lüfte, immer höher, höher! Irgendwann fällt es wieder und kommt sanft wieder auf. Das Herbstlaub ist bunt.

Anders Berlin!

glinka denkmal 1Abb.: Ein weiteres Denkmal für Glinka, Glinkastraße Ecke Mohrenstraße, in unmittelbarer Nähe der nordkoreanischen Botschaft. „Es ist das Volk, das die Musik schafft. Wir Musiker arrangieren sie nur.“ Auch hier hat ein*e Verehrer*in Rosen hinterlassen. Wie lieb!

Glinka weilte in Petersburg, drei Jahre in Italien, in Berlin, wieder in Petersburg, wo er die erste in russischer Sprache gesungene Oper aufführte (Bauern spielten die Hauptrolle! Das einfache Volk! Gut. Der Adel war anderer Meinung.). Dann war er in Spanien, in Frankreich (Paris!) – und wieder in Berlin. Seine „letzte Reise“ (ebd.) …

Nach einem Konzert im Januar 1857, an dem Meyerbeer einen Ausschnitt aus „Ein Leben für den Zaren“ dirigierte, erkältete sich Glinka und verstarb drei Wochen später am 15. Februar 1857 in der preußischen Hauptstadt. (ebd.)

Das war ein Leben. Nicht lang, aber intensiv! Ein Leben, dem man ein Denkmal setzen muss!

glinka denkmal 2Abb.: Asphalt Tiger mag die Nase von Michail Glinka besonders gern.

1857! Schon 156 Jahre also ist Glinka tot. Eine lange Zeit … aber: Wie modern war diese Zeit schon!

1857 war die erste Weltwirtschaftskrise! Die Spekulation mit Weizen und mit Land, das Versagen der Banken – wie vertraut das uns Heutigen vorkommt! Marx verfasste seine Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie – kann man heute auch noch lesen!

glinkastraße 1

Abb.: Das Lieblingshaus vom Asphalt Tiger in der Glinkastraße. Grad wird es von einem Makler an den Meistbietenden verkloppt. Schade. Es könnte ruhig so bleiben.

Nur die Musik ist heute anders.

MUSIK??

Nachdem die ganzen Klubs, die hier im Viertel nach dem Mauerfall entstanden sind, vor Jahren, Jahren schon dichtmachen mussten, der Blumenladen, der Friseur, der Brasilianer, das WMF, der Tresor und wie sie alle hießen, und mit ihr die bunten, jungen Menschen die Gegend verlassen haben, herrscht heute in den Straßen hier

STILLE.

Der Sound of Silence.

Asphalt Tiger läuft durch die Straßen und pfeift ein Ständchen auf den alten Glinka!

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