Philrose Liplers Willkommenskultur-Ökonomie

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„Wir brauchen eine neue Willkommenskultur!“, sinnierte Philrose Lipler.

Gerade hatte er eine bewegende Rede vor international begehrten High Potentials gehalten, um sie als hoch qualifizierte Fachkräfte in seine Wirtschaft zu locken, eine Rede, die leider nicht den von ihm erwünschten Anklang gefunden hatte. Warum?

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Vielleicht war dies einfach der falsche Ort, um eine solche Rede zu halten. Ein schöner Park, Bäume, im Westen lag der See. Die Sonne schien. Alle waren sehr entspannt. Philrose kannte sich hier nicht so recht aus, hatte dieses Territorium überhaupt bislang nur flüchtig kennengelernt. Doch wirtschaftliche Interessen ließen es ihm angeraten zu sein, hier die Leute zu bearbeiten.

Die High-Potentials aber ließen sich davon nicht weiter stören, beachteten ihn gar nicht und gingen weiter ihrer gewohnten Beschäftigung nach. Was tut man auf einer Bank den lieben langen Tag? Spekulieren!

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Und je schneller die Warenströme flossen, desto stärker spekulierten sie. Und je mehr Cash Crops sie auf den umliegenden Märkten aufkauften – Weizen, Gerste, Hopfen, Malz – , desto wilder wurden ihre Spekulationen. Ab und zu stand mal einer auf und schritt ein wenig abseits, um, ungesehen von den anderen, eilige Termingeschäfte zu erledigen und damit Platz zu schaffen für neue Warenströme.

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Wie sollte Philrose Lipler diese hochqualifizierten Fachkräfte in seine Wirtschaft bewegen? Wie sie von ihrem angestammten Platz in neue Gefilde locken, sie auf unbekannte grüne Weiden führen und ihnen neue Felder der ökonomischen Betätigung aufweisen? Lange überlegte er, vor den High Potentials mit dem Fuß im feuchten Sand scharrend, bevor er zu einer zweiten Rede anhob.

Er musste das Alleinstellungsmerkmal seiner Wirtschaft hervorheben! Der weiche Standortfaktor hieß: Kultur! Willkommenskultur! Jeder wusste bereits, dass sich die hiesige Wirtschaft durch alte Kultur auszeichnete. Aber Willkommenskultur?

Willkommenskultur war neu und musste im internationalen Wettbewerb betont werden!

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Die hiesige Wirtschaft sie nicht allzu verschieden vom der, die sie kannten!, predigte Philrose Lipler des High Potentials. Hüben wie drüben – gehupft wie gedupft! Aber die Willkommenskultur sei ganz besonders! Die sollten sie unbedingt mal austesten!

Wie leicht werde ihnen, den hochqualifizierten Fachkräften, eine Integration in die neue Wirtschaft gelingen, befördert durch die enorme Hilfsbereitschaft der Aufnahmewirtschaft!

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Und einen Brain Drain, ein Austrocknen ihres Gehirns, bräuchten sie keinesfalls zu befürchten, würden ihnen doch in der Willkommenswirtschaft stets neue geistige Genüsse vorgesetzt, kaum sie erst einmal an den Quellen und Zapfhähnen des verheißenen Reichtums Platz genommen hätten. It’s the Welcome Culture, Stupid! Bereits ein kurzer Blick über die in der hiesigen Wirtschaft versammelten Akteure lasse erkennen, versprach Philrose Lipler, dass Willkommenskultur hier heiße, jederzeit an jedem Tisch eingeladen zu sein, Platz zu nehmen und mehr noch: für immer zu bleiben!

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Abb.: Deutsche Willkommenskultur: ‚Hell‘ is in Hello!

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Seine weiteren Ausführungen erregten jedoch den Argwohn der Ökonomen. Vielleicht war es aber auch nur ein rein akustisches Missverständnis. Wer oder was bitte war das „doppelte Schnapswürgerschaf“?

Wohl wüssten sie, was ein „doppelter Schnaps“ sei, nicht jedoch, was mit einem „Würgerschaf“ gemeint sei. Ersteres begrüßten sie ausdrücklich als nachhaltige Maßnahme gegen den gefürchteten Braindrain. Ob sich jedoch im letzteren nicht der bekannte „Wolf im Schafspelz“ verstecke, der an die ungute einheimische Tradition des „Werwolfs“ anknüpfe, sei ihnen unklar und wecke arge Befürchtungen. Das Konzept eines „doppelten Schnapswürgerschafs“ wäre ihnen in Anbetracht all dessen, was sie über die konkrete historische Praxis dieser Volkswirtschaft, die ja durchaus auch dunkle Jahre hinter sich hatte, bereits wüssten, überaus suspekt.

Bahnhof Lichtenberg

Philrose Lipler besänftigte die Gemüter und nahm ihnen ihre unbegründeten Ängste: „Sachte, sachte!“ Lipler versicherte den High Potentials, dass auch die hiesige Wirtschaft Banken hatte! Hier wie da könnten sie auf der Bank spekulieren: doppelt also! Und dass in der hiesigen Wirtschaft noch jede Bad Bank gerettet worden sei.

Schließlich nahm er den Fachkräften ihre größte, intimste Sorge: alleine zu bleiben in der Nacht. Nein! Die nächtlichen Straßen würden hier von Lichterketten geschmückt, und jeder Schutzpolizisten noch würde ihnen, nach einem raschen Profiling, bereitwillig erklären, wie sie auf schnellstem Wege nach Hause kämen!

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Die High Potentials reicherten ihr Humankapital, von den Ausführungen wieder mehr und mehr ungerührt, nun verstärkt mit hochkonzentrierten flüssigen Ressourcen an und betrieben den Extraktionismus ihrer Gesundheit zugunsten der Verdichtung höchster spiritueller Werte. Deren befürchtete Überakkumulation deutete sich allmählich in einem Ausdruck von Leere in den Gesichtern an.

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Philrose Lipler ahnte: Zufrieden wie sie waren, würden sie auf absehbare Zeit ihre Bank nicht verlassen und, je weiter der Prozess der Kapitalkonzentration in den wenigen, immer müderen Körpern fortschritt, in eine zunehmende Lock-In Situation verfallen, die es ihnen unmöglich machen würde, aus den einmal etablierten Kreisläufen auszubrechen und in die neue Wirtschaft überzuwechseln.

Lipler riss sich noch einmal zusammen und gab sich die größte Mühe, die High Potentials, die dem Abbau ihrer Überproduktionskapazitäten immer weniger Aufmerksamkeit widmeten, schließlich doch noch von den den enormen endogenen Potentialen der Willkommenskultur zu überzeugen:

Es sei sogar schon vorgekommen, dass sich Menschenmengen vor den Häusern neu angekommener ökonomischer Fachkräfte versammelt hätten, mit großen, hell leuchtenden Kerzen in der Hand, und, unter den wohlwollenden Blicken der Schutzpolizisten, begeisterte Willkommenshymnen gesungen hätten! Ja, nur mühsam und nicht immer ließen sie sich dazu auffordern, mit ihren freundschaftlichen Umarmungen die Neuankömmlinge nicht gleich zu ersticken! War ja lieb gemeint, aber …!

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Nun, diese unwillkürlichen Ausbrüche von Willkommensfreude, vor zwanzig Jahren an der Tagesordnung, hätten sich seitdem gemäßigt und in feste kulturelle Bahnen gelenkt. Diese Gefühlsausbrüche, erklärte Philrose Lipler feierlich, seien schließlich ausschlaggebend dafür gewesen, die Willkommenskultur im Jahre 1993 gesetzlich zu verankern und ihr damit einen festen Platz im Gefühlshaushalt der Aufnahmegesellschaft zu sichern.

„Diese Willkommenskultur ist tatsächlich einzigartig!“ Bedächtig nickten die High Potentials und dankten Philrose Lipler für seine Ausführungen: „Junge, nix für ungut! Wir lassen uns die Sache noch einmal durch den Kopf gehen!“

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Lob der Parkbank Teil II. Lob dem Müßiggang. Lob der Lebensqualität

Wie ein grinsender Schutzengel, dessen Flügel immer kürzer werden, je länger seine Beine werden, steht Asphalt Tiger hinter den Potentials auf der Parkbank. Er ist stolz auf sie. Er ist stolz, dass sie den Einflüsterungen dieses Wirtschaftskerls nicht verfallen und brav auf der Parkbank sitzen bleiben. Ein Prosit!

Auf der Parkbank ist es schön! Hier lässt sich trefflich philosophisch spekulieren. Hier kann man die Lebenskräfte mit einem kräftigen Schluck anregen und stärken.

Parks und Grünanlagen unserer Städte dienen unserer Erholung! Unserer Reproduktion! Der sozialen Reproduktion.

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Hier wuchert das Leben in einer enormen Wildheit. Einer natürlichen Wildheit, die sich der Rationalisierung der industriellen Betriebsabläufe entzieht.

Und tatsächlich: Heute erst kann man erkennen, wie Planer sozialistischer Städte – bei Ernst May in der Sowjetunion angefangen – Wildheit und Eigenwuchs der Pflanzenwelt förderten, einen Wuchs, der erst jetzt in den Plattenbauvierteln Ostberlins sichtbar mit ausholenden, immer dickeren Zweigen, übersät mit Blütenbüscheln, die Monotonie der Platte verdeckt! Nie hat Asphalt Tiger so viele wilde Trampelpfade quer über Grünflächen entdeckt, nie sich so sehr aktiv um seine Orientierung bemühen müssen wie in den Plattenbauvierteln Ostberlins!

Das wuchernde Grün der Freiräume der Reproduktion lädt ein zum Dérive, zum Abschweifen … Welch ein Kontrast zur Enge und Finsternis der kapitalistischen Stadt!

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In der Nähe der Spekulationsspezialisten spielen Kinder im Sand, daneben stehen die Mütter. Alle hier stellen sie ihre Lebenskraft und ihre Lebensqualität aktiv her, geben Liebe weiter, machen Spässchen. Ohne viel Geld, und vor allem: ohne Lohn!

Asphalt Tiger begreift: Es gibt ein Leben ohne Lohnarbeit! Auch Fachkräfte für Spekulation haben dies inzwischen erkannt.

Asphalt Tiger begreift auch die Art, wie Kardinal Meisner in den kapitalistischen Massenmedien, Bild, etc. populistisch verrissen wird und warum der antikapitalistische Impetus des ollen Kardinals, sein altmodischer Widerwille gegen den kapitalistischen Betrieb, in den Massenmedien unter den Tisch gekehrt wird:

„Am liebsten will man auch noch die Frauen aus den Familien heraus haben, damit die Produktion weiterläuft.“, schimpft er im Interview mit der Stuttgarter Zeitung.

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Meisner streut Sand ins Getriebe und ruft zur Sabotage auf! Wildcat Meisner, yeah! Ein Antikapitalismus, der explizit den autoritären Etatismus der BRD und seine Produktivitäts-Ideologie mit dem autoritären Staatssozialismus vergleicht, deren wissenschaftlich-technische Elite erst in der BRD an die Macht kam:

Ich habe ja die ganze einseitige Tragik schon mal mitgemacht in der DDR. Dort hat man den Frauen eingeredet, wer wegen der Familie zu Hause bleibe, sei dement. Weil man Produktionskräfte brauchte, wurde die Kinderkrippe erfunden.

Noch hat der Kardinal hier den Frauen nicht ihren Eigenwillen abgesprochen, wohl aber den Druck des Kapitals auf diese bislang nur unzureichend der Maschine zugeführte Bevölkerungsgruppe angesprochen. Und der Kardinal ist als künftiger Rentner vom kapitalistischen Pushen und Pullen selbst betroffen! Inzwischen sollen alle Rentner bis ins mosaische Alter in Arbeit bleiben oder ehrenamtlich kostenlos rangezogen werden.

„Im Prinzip würde der Kardinal gut zu den High Potentials auf der Parkbank passen!“, denkt Asphalt Tiger.

Natürlich fragt sich Asphalt Tiger, warum dem ollen Kardinal keine Reproduktionssphäre außerhalb der Familie einfällt, wo man Lebendigkeit und Lebensqualität abseits des kapitalistischen Betriebs produzieren kann. Setzt sich der Kardinal denn nie mit einem guten  Fläschchen auf die Parkbank und spekuliert mit seinen Kumpelz über den Lauf der Welt? Und warum sollen nur die Frauen sich der Fabrikdisziplin entziehen? Warum dürfen nicht auch die Männer und die andern alle zuhause bleiben?

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Und wenn Kardinal Meisner auch derbe in die populistische, nationalistische Zuwanderungskerbe haut, so prangert er doch nebenbei auch die BRD-Hegemonie in der EU an, und wie sie in der eigens produzierten Krise vom Zustrom junger High Potentials profitiert:

Wir können doch den Portugiesen und Spaniern nicht die Jugend und damit die Zukunft ihres Landes wegnehmen, nur aus Egoismus. Wir sollten diese Arbeitslosen zwar ausbilden und ihnen so eine Perspektive geben, aber sie dann auch wieder in ihre Heimat gehen lassen, wo sie gebraucht werden.

Damit prangert Meisner genau die imperiale Brain Drain Politik an, die Philipp Rösler und in kleinerem Maßstab Philrose Lipler im Konkurrenzkampf um die besten Köpfe der Wissensgesellschaft einschlägt! Eine Politik, die inzwischen weit über die EU-Außengrenzen hinaus gedacht wird. Denn, so unterstützt Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, den EU-imperialen Zugriff auf fremde Wissensgebiete:

Europa steht zunehmend vor dem Problem, seinen wachsenden Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften zu decken. Zwar ist die EU bestrebt Hochqualifizierte anzuwerben, um so die drohende demographische Krise und den damit verbundenen Fachkräftemangel abzuwenden. Aber die bisherigen Bemühungen zur Attraktion von „High Potentials“ aus aller Welt waren eher halbherzig und nicht sehr erfolgreich.

„Nu!?“ Denkt Tiger. „Glauben die Damen und Herren Staatskapitalisten etwa, Länder wie Mali, Ägypten, Marokko, Niger oder Sudan bräuchten ihre High Potentials nicht? Und sollen die andern wohl drüben bleiben?“

Bei den Damen und Herren piept’s wohl!

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