Bewahrenswerte Vernachlässigung

.

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 1

Mitten in Berlins Mitte verschwindet die Geschichte langsamer. Vielleicht ist es diese ungeheure Ballung an Geschichte hier, die die Modernisierer und Immobilienheinis ins Zaudern kommen lässt, vielleicht nur ungeklärte historische Besitzverhältnisse und entsprechende Aneignungsprobleme. Man weiß manchmal gar nicht wohin mit so viel Geschichte!

In unmittelbarer Nachbarschaft des grauen, graubraunen Altbaus in der Geschwister-Scholl-Straße, von dem die Geschichte abblättert, steht schon die hochmoderne Schießbude des Grimm-Zentrums, der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität. Ein massiver Klotz, durch deren Schießscharten die Klassenherrschaft der feinen Wissensgesellschaft verteidigt wird.

Und direkt gegenüber haben sie gerade einen weiteren massiven Klotz, einen Bunker, protzig und abweisend, doch verziert mit schmalen, braunen Riemchen, hingestellt: das Archäologische Zentrum der Stiftung Preussischer Kulturbesitz.

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 5

Und dennoch weht hier, im Karree zwischen Friedrichstraße im Westen, Weidendamm im Norden, Kupfergraben im Osten und der S-Bahntrasse im Süden, der staubige Wind der Vergangenheit. Hier stehen noch die flachen Gebäude der einstigen Friedrich-Engels-Kaserne, und im katholischen Militärbischofsamt am Weidendamm beugen sich die katholischen Kerls wie eh und je über die Schlachtpläne der Obersten Heeresleitung, um im Einsatzgebiet, fern der Heimat, „die Menschen da ab[zu]holen, wo sie stehen“ oder fallen.

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 4

Geht man an dem alten, grauen Gebäude in der Geschwister-Scholl-Straße vorbei, steht man im Schatten der Geschichte. Man hört den preußischen Sand unter den Schuhsohlen knirschen, man meint, jederzeit den beißenden Geruch der Kohle wieder riechen zu können, der bis vor wenigen Jahren in der feuchten, kalten Luft hing, den behördlichen Geruch des Lysol-Reinigungsmittels aus dem Hauseingang, oder des krebserregenden Holzschutzmittels aus den von der Sonne erhitzten Holzbalken.

Zum Glück hat man diese Geschichte hier konserviert!

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 6

Das alte Hofbeamtenhaus Wilhelm II. wurde, liest man auf der Glastafel, die auf der Außenfassade angebracht ist, „mit den Zuschüssen des Landes Berlin und des Bundes […] so saniert und konserviert, dass alle Spuren der wechselvollen Geschichte im Original erhalten geblieben sind.“ Was bis vor wenigen Jahren allerorten stand und nach und nach verschwand, wird solcherart zum „Unikat in ganz Berlin“ geadelt. Und erst die Konservierung verleiht dem Haus „die heute einzigartige Optik“.

Erst durch die Konservierung der Vernachlässigung wird die Unique Selling Position dieses „kulturellen Erbes“ produziert.

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 7

So wurde der „originale Putz“ nicht, wie bei den sonstigen kommunal geförderten Sanierungen, abgekloppt, sondern „original“ erhalten. Und mit ihm ein „Königliches Wappen Wilhelm II.“, die „Spuren des 2. Weltkrieges“, „Notdürftige Reparaturen nach dem 2. Weltkrieg“ und schließlich gar: die „Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz in der ehemaligen DDR (1949 bis 1990)“.

Vernachlässigung historisch wertvoller Bausubstanz 2

Vermutlich wird dies einer der wenigen Orte in Berlin sein, an dem die 40 Jahre Baugeschichte der DDR ihre Würdigung erfahren: jedoch ausschließlich im Negativ ihrer sündhaften Vernachlässigung der Geschichte. Eine städtebauliche und architektonische Moderne aber wird es nie gegeben haben! Nach der Entsorgung des Volkspalastes und dem Abriss des Ahornblatts wird die gesamte stadtplanerische Konzeption des Berliner Zentrums dem Mülleimer der Geschichte übergeben.

Der großzügige Plan verschwindet in der hingehuddelten Aneinanderreihung von pusseligen historischen Rekonstruktionen und riesigen Bauklötzen. Die städtebaulichen Höhendominanten des Fernsehturms und des Parkhotels, repräsentative Mittelpunkte der ehem. Hauptstadt der DDR, werden bald durch gesichtslose Hochhäuser unkenntlich gemacht. Deren bis zur Fernsehturmkugel reichende Blankheit spiegelt nichts wider als die leere kapitalistische Verwertungslogik.

grimm zentrum

Geldanlage statt Grünanlage! Die großzügige Geste, mit der sozialistische Planer ihr Volk verschwenderisch mit städtischem Raum zum Abhängen und Zeitverbummeln versorgten, ist heute angesichts des finanzkapitalistischen Verwertungsdrucks undenkbar.

Die Freiflächen rund um den Fernsehturm werden zugebaut mit mittelalterlicher Enge, und weil die Leute diese Enge nicht ertragen werden, werden sie sich in die Geschäfte stürzen, um sich mit prall gefüllten Tüten auszustatten, mit denen sie sich gegen ihre Konkurrenten in den engen Gassen polstern und wehren können.

fernsehturm

Wenn Kapitalismus als Religion mit Walter Benjamin ein Kult der Verschuldung ist, purer Kult, der ohne Theologie auskommt, und zudem die einzige Religion, die keine Erlösung verspricht, so ist es nur folgerichtig, dass freier Raum zugebaut werden muss.

Freier Raum ist der Angsttraum des Kapitalismus, ist der zerstörerische Antichrist der kapitalistischen Raum-Zeit-Kompression (David Harvey), der leise „Erlösung“ in die Ohren flüstert. Diese Angst vor dem, was anders kommen könnte, bewältigt man nur durch die Flucht zum Warenfetisch im Dunkel der engen Geschäftsgassen, in die immer tiefere Verschuldung.

Der kapitalistische Engel der Geschichte dreht sich nicht um und sieht keine Berge von Einkaufstüten sich hinter ihm auftürmen.

Freier Raum ist eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung! Denn freier Raum eröffnet einen Denkraum der Besonnenheit und damit die Möglichkeit der Theologie und unweigerlich daran anschließend der Religionskritik und nach deren Beendigung … undenkbar!

Kein Wunder, dass mit den Grünflächen die zahlreichen Parkbänke rund um Fernsehturm und Neptunbrunnen verschwinden! Da sitzen Leute drauf, mitten im Zentrum Berlins, in der Sonne, die kostenlos für alle da ist, und hören im Brunnen das plätschernde Wasser, das für alle kostenlos fließt, und faulenzen und denken nach und unterhalten sich und sagen „Früher war alles besser“ und machen und tun. Weg damit!

parkbank

Die Parkbank ist das Denkmal der Besonnenheit und der Kritik!

Aber es wäre brandgefährlich, der letzten Parkbank in Berlin eine Glastafel zu verpassen und damit ihre Einzigartigkeit als „kulturelles Erbe“ im Berlin-Marketing zu verwerten! Denn durch das Patina der Historisierung schimmert die revolutionäre Sprengkraft der Parkbank, ihre Ermöglichung revolutionärer Praxis. Die Parkbank ist das Symbol der Revolution!

Vielleicht wird eine spätere Generation das gesichtslose, geschichtslose Berlin der Gegenwart, diese unglaubliche lebensfeindliche Monotonie der Banken, Büros und Geschäfte, niederlegen, und in der frei gewordenen Mitte ein einziges dieser Ungetüme stehen lassen, umgeben von Wiesen und hohem Gras und Parkbänken, und mit einem Schild versehen, für die Besucher, die staunend, sprachlos und entsetzt vor dem hässlichen Scheißgebäude stehen bleiben und, in der hellen Sonne, die für alle scheint, lesen:

„Federal German Neglect (1990 – ?) Vernachlässigung elementarer ästhetischer und sonstiger Grundbedürfnisse … “

Asphalt Tiger setzt sich auf die letzte Parkbank von Berlin und träumt …

Dieser Beitrag wurde unter Mein Terrain, Populärer Taste abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s