Berlin Buch: Wir wurden verkauft!

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1000 kleine Dinge bleiben noch zu tun, bis die Abrissbirne zuschlägt. Der DDR-Typenbau muss weichen. Komplexer Selbstbedienungsladen, adé! Es ist Nacht in Berlin-Buch, die junge Frau kommt mit leeren Händen aus dem Kaufhaus, das jetzt geschlossen hat. Der Junge zerrt unzufrieden an ihrer Hand, doch sie harrt hier noch aus, still, geduldig.

Warum? Der Junge kann es nicht verstehen.

Die junge Dame mit dem gesunden Bronze-Teint, wird sie hier weiter stehen bleiben, auch nach dem Abriss der Kaufhalle? Wird sie ihren Jungen hier großziehen, in den Kindergarten schicken, dann auf die Grundschule, auf die Oberschule? Wird er mit seinen guten Schulnoten später im renommierten Max Delbrück Centrum, hier um die Ecke, einen Ausbildungsplatz finden, erst im unscheinbar grauen, bald im strahlend weißen Kittel, mit einer funkelnden Plasteschutzbrille auf den Augen?

Wird er später, hoch geschätzt im betrieblichen Kollektiv, mit immer komplizierteren Molekülen hantieren und höher auf der Karriereleiter steigen? Wird er bald eine eigene Familie ernähren können? Er, der kleine Junge aus einfachen Bucher Verhältnissen?

Wird so, von Generation zu Generation immer breiter und kräftiger, der Bucher Baum der Generationen in die Lüfte wachsen und seine Wurzeln vertrauensvoll in den trockenen, sandigen Boden strecken, wie seine Mutter, als sie noch jung war, ihre bronzenen Zehen in den heißen Sand des Badestrands am nahen See, an einem dösigen Spätsommernachmittag?

Die Wassertropfen trockneten rasch auf ihrem nackten Körper, ihr kleiner Junge zog sich hoch an ihrem Arm und  flehte: „Mami, ich will ein Eis!“ Doch die Kaufhalle war schon zu. Trotzdem: Schön war das damals! Die Tage gingen im Flug vorbei, und plötzlich war es Nacht.

Der Techniker stutzt. Die Grillen zirpen in seiner Erinnerung. Die bunten Moleküle entgleiten ihm und hüpfen wie Tischtennisbälle über den Boden des Labors. „Kein Eis mehr!“ Er wischt sich mit der Hand den Schweiß von der heißen Stirn. Wo wird seine Familie später einkaufen gehen? Die Konserven, das Tiefkühlgemüse, das Eis? Werden sie hier in der Nähe eine neue Kaufhalle aufsuchen können, eine bessere, schönere womöglich?

Wie wird die Zukunft weitergehen? Die Leute von Berlin-Buch wissen es noch nicht. Die Experten brüten noch über den Plänen.

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