Generalfeldmarschall Jakob von Keith

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Generalfeldmarschall Jakob von Keith 1

Ein stechender Schmerz schießt dem Generalfeldmarschall Jakob von Keith durch den Kopf. Erschrocken fasst er sich mit seiner feingliedrigen, von blassen blauen Adern überzogenen Hand an die Stirne. Seine Wahrnehmung ist plötzlich überscharf, von geradezu schmerzhafter Deutlichkeit.

„Wo bin ich?“

Er ist allein. Alles Schlachtgetümmel um ihn herum ist verstummt. „Wie lange schon?“, fragt er sich und weiß sich keine Antwort. Die Pauken, die Trompeten und Fanfaren der Landsknechte schweigen und ziehen noch nicht einmal ein leises Echo hinter sich her.

„Welch seltsames Licht … !“ Der Vollmond scheint durch eine entfernte Pappelreihe auf seine hohe, adlige Stirn. Die nordkoreanische Botschaft schläft im Dunkeln, im linken Bildrand.

Generalfeldmarschall Jakob von Keith 1a

Ein magisches Licht verbindet den Feldmarschall mit der Ewigkeit. Das Rauschen der Pappeln, es schweigt längst. Auf unbestimmte Weise ist Jakob von Keith, als sei er schon ewig allein. Die Staubmäuse der Jahrhunderte wirbeln über den leeren Platz, der ihn umgibt. Am U-Bahnhof Mohrenstraße.

Ihm ist, als seien Rosse und Reiter seines Heeres seit Ewigkeiten schon vermodert, vertrocknet zu klapprigen Gerippen, angelehnt an hohe Eichen, Feldkreuze oder Steinhügel. Als seien ihre wildledernen Proviantbeutel schon Jahr und Tag geplündert von Ratzen oder Katzen. Als sei der Wein in ihren Schläuchen schon lange, lange petrifiziert zu rotem, funkelndem Weinstein.

Jakob von Keith seufzt. Das hätte er sich nicht träumen lassen: Rund um ihn herum ist die Welt erstarrt, zum Bild, zum Panorama, menschenleer, versteinert. Er ist der einzige, dem hier noch ein warmes Herz in der Brust schlägt.

Generalfeldmarschall Jakob von Keith 3

Generalfeldmarschall weiß, dass er das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann. Aber er wünscht sich, es würde nicht länger stille stehen! „O wann dreht es sich endlich weiter!!“

Exklamiert er.

* * *

Dann steigt er von seinem Sockel runter und holt sich eine Tüte Chipse im Ulrich Supermarkt, der bis 22 Uhr geöffnet hat, und steigt dann wieder rauf und schaut weiter, was alles nicht passiert.

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