Diese Weite!

Berliner Dom

Das erste Mal, dass Asphalt Tiger von der ungeheuren Größe und Weite von Raum geflasht war, war in einem Buch.

Asphalt Tiger war noch klein und las in einem Buch. Eine Biographie von Albert Schweitzer. Es war Sommer und Asphalt Tiger saß im Schatten einer großen Kiefer auf einem Gartenstuhl. Albert Schweitzer besucht das Marsfeld in Colmar. Asphalt Tiger hält den Atem an, als Asphalt Schweitzer auf dem Marsfeld steht. Albert Schweitzer hat den berühmten Tropenhelm auf und schirmt seine Augen zusätzlich mit der Hand gegen die stechenden Sonnenstrahlen ab. Er trägt ein beiges Kurzarmhemd.

Jetzt lässt Asphalt Schweitzer seinen Blick über die endlose Weite des Marsfeldes schweifen. Vor ihm hat noch nie ein Mensch den Mars betreten, und Albert ist schier überwältigt von der riesigen Fläche, die sich vor ihm erstreckt. Er steht auf einem ungeheuer großen Kraterfeld, rotgrau und erhaben und unheimlich still. Eine leichte Bö fegt über die Ebene und weht Albert Schweitzer eine weiße Haarsträhne ins Gesicht.

Erschrecken vor der Endlosigkeit des Raums und Entzücken, hier endlich mal eine Vorstellung von Unendlichkeit kriegen zu können, wechseln sich im Gesicht des Arztes rasch ab, und Asphalt Tiger liest diese rasch wechselnden Regungen gebannt von Schweitzers markanten Gesichtszügen ab.

Jetzt löst sich Asphalt Tigers Blick von den schwarzen Buchstaben, die in der Sommerhitze auf den vergilbten, warm und staubig riechenden Buchseiten der Schweitzer-Biographie aus der Leihbibliothek wimmeln, und schaut in die Weite. Tief atmet er die würzige Luft des frühen Nachmittags ein. Die blauen Lupinen knacken und knistern. Die Blätter des Apfelbaums wellen sich in der Trockenheit des Hochsommers. Dann beschließt Albert Schweitzer, nach Afrika zu gehen.

„Beim Oganga von Lambarene!“ Jetzt fällt es Asphalt Tiger wieder ein. So hieß das Buch!

Asphalt Tiger war noch nie in Colmar. Etwas enttäuscht lässt er die neue Touri-Broschüre sinken. Das Marsfeld war ein Exerzierplatz. Und als Albert Schweitzer es besuchte, war es schon ein Vergnügungspark. Ein Brunnen stand im Vergnügungspark. Darauf die Statue eines Afrikaners war es, die Albert Schweitzers weiteren Lebenslauf bestimmt hat: Nach Afrika!

Der erste Präfekt der Stadt, Harmand, soll 1800 „die originelle Idee gehabt haben, die Baumreihen und Blumenbeete in Form eines Kreuzes der Ehrenlegion zu arrangieren“, verkündet die Touristeninformation. Ach, wie viele junge Nichtsnutze und Tunichtgute werden beim Spaziergang durch den Park, mit staubigen, ungeputzten, verlöchterten Schuhen Steine kickend, den Beschluss gefasst haben, als Fremdenlegionär die Weite des afrikanischen Kontinents und darin Ruhm und Ehre zu erobern …

O verloren!

So fühlt sich Asphalt Tiger heute um eine Illusion betrogen. Bleibt noch für einige Zeit die ungeheure Mondkraterlandschaft im Zentrum von Berlin. „Hach, diese Weite!“

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