Berlin Alexanderplatz

feuerwehr berlin

Berlin Alexanderplatz – einer der letzten Plätze der Moderne in Berlin. Großzügigkeit – Freiheit – Sicherheit. Fortschrittsglaube gepaart mit Weitsicht und natürlich Vernunft.

Bald ist das alles vorbei. Berlin wird zugeschissen mit Hochhäusern. Kollhoff und wie die Bagage alle noch hieß hatte beim Master-Planwerk Mitte 1993 noch Bauten wie in Chikago 1936 vor. Gangsterbauten mit Rüschen dran. Die Hochhaus-Gangster von heute sparen sich solche Mätzchen wie „Händehoch“ und Verzierung.

Wenn heute Hochhäuser gebaut werden, dann aus blanken Wänden, an denen kein Halten ist. 150 Meter hoch ohne Absatz! Wenn Fallwinde blanke Wände runter fallen, werden sie sehr schnell. Unten die alte Omas mit Hackenporsche in der Häuserschlucht sind schnell weggeblasen von den brutalen Fallwinden.

Zehn solche Hochhäuser sollen jetzt am Alex hochgezogen werden. Es wird eng am Alex. Wenn der Wind weht, neigen sich die Hochhäuser und berühren sich oben fast. Wenn man hoch schaut, kann einem schwindelig werden.

Unten gibt es kein Licht mehr. Berlin Mitte wird stockenduster. Leute lassen Papierflieger aus den Fenstern segeln, und unten kommen sie knallhart auf wie Beton: Schwerkraft.

Asphalt Tiger fragt: Wo bleibt der Mensch? Wo bleibt die Weitsicht? Wo bleibt die Rücksicht?

Leute schauen Leuten in andere Wohnungen zum Fenster rein, aus nächster Nähe, über die enge Hochhausschlucht weg. Leute verstecken sich hinter Gardinen, staubigen, zigarettenrauchgelben Gardinen mit brauner Kante oder rosanen Plüschvorhängen, um von den Leuten gegenüber nicht gesehen zu werden, die Kissen in die offenen Fenster gelegt haben und mitm Imbel im Mull den ganzen Tag raus starren und Maulaffen feilhalten.

Wenn Freitag überall Fisch gemacht wird, am Alexanderplatz in den engen Küchen der Hochhauswohnungen, oder im Winter Kohlsuppe, und die Mütter alle gleichzeitig ihre Küchenfenster aufmachen und der Essensdunst in warmen Schwaden rausquillt, dreht sich einem der Magen um in den engen Hochhausschluchten am Alexanderplatz. Unten lärmt der Verkehr.

Traurigkeit herrscht den ganzen Tag. Ein blasses Mädchen, das im 80. Stockwerk noch nie das Sonnenlicht gesehen hat, macht kurz das Fenster auf, ein Fallwind fegt an ihr vorbei und zerzaust ihr das strohige Haar, und nur mit letzter Kraft kann sie am Fenster gegenüber, am anderen Ende der schmalen Hochhausschlucht, tränenden Auges den blassen Jungen sehen. Er öffnet sein Fenster, und das Quietschen des Fensters im billigen Alu-Rahmen wird von der glatten Oberfläche des Hochhauses direkt gegenüber sofort zurückgeworfen und verstärkt. Der Junge schiebt sich eine wirre Strähne aus seinem mageren Gesicht, ganz irritiert zuckt es in seinem Gesicht: „Ein Mensch? Gegenüber?“ Er hat noch nie einen Mensch da gesehen!

Sonst fällt immer nur der Schatten vom gegenüberliegenden Hochhaus in sein Auge. Dessen spiegelnde Fassade reflektiert nur und ausschließlich das tödliche Schwarz, welches sein eigenes Hochhaus reflektiert. Schwarz und Schwarz im Spiegel und im Spiegel Schwarz: ein Teufelskreis. Finsternis: Berlin Alexanderplatz.

Der Junge hebt schwach die Hand mit den von Mangelernährung brüchigen Fingernägeln und winkt dem Mädchen zurück. Langsam, langsam. Die trüben Augen des Mädchens auf der anderen Seite leuchten kurz hell, und dieses helle Strahlen durchbricht für Sekunden eine Spirale der Hoffnungslosigkeit: Wie sich Schwarz und Schwarz im Spiegel verstärken, hat für kurze Zeit ein Ende. Hoch über den Köpfen der Massenomas, die von der Romanze oben nichts ahnen, wenn sie sich wieder aufrappeln, nachdem der Fallwind sie von den Beinen gerissen hat.

Der blasse Junge streckt seine Hand aus. Das Mädchen streckt auch seine Hand aus. Ein dürrer, bleicher Arm wird unter ihrem labbrigen dunkelgrünen Nickipullover sichtbar, der kugelige Knochen ihres Handgelenks steht spitz hervor. Fast berühren sich ihre beiden Hände, berühren sich ihre zarten, jungen, arbeitsscheuen Finger. Fast. Aber nur fast!!

Das Hochhaus gegenüber ist zu weit, zu weit. Die Hochhausschlucht unter ihnen ist zu tief, zu tief. Einige Tage lang schauen sie sich noch ins Gesicht, das Mädchen am Fenster, der Junge am Fenster gegenüber, regelmäßig nach Mittag. Einige Abende lang stellen sie Kerzen ins Fenster. Dann vergessen sie das Ganze wieder. Wieder bleiben Oberflächen schwarz.

Ein kalter Wind bläst durch die enge Hochhausschlucht. Dann um die Ecke, dann ums Karree, dann wieder durch die enge Hochhausschlucht.

Usw. usf., etc. pp.

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4 Antworten zu Berlin Alexanderplatz

  1. Ken Takel schreibt:

    Die gute Nachricht ist, dass man den Alexanderplatz nicht mehr viel hässlicher machen kann als er es ohnehin schon ist :o)

  2. Asphalt Tiger schreibt:

    Ich finde: schon. Was für eine schöne leere Fläche! Nach dem Ende des Staatssozialismus von allen staatlichen Repräsentationsfunktionen befreit, kam seine Leere erst richtig zur Geltung.

    Weil Menschen aber heute wie im Mittelalter horror vacui haben, laufen immer so viele Menschen gleichzeitig darüber, statt ehrfürchtig am Rande sich rumdrückend zu versuchen, so viel Raum mit einem Blick zu erfassen.

    Schade, dass sie die Kaufhäuser da hingebaut haben, wo früher der Platz in die weitere Umgebung ausgelaufen ist.
    Asphalt Tiger wünscht sich mehr Leere in Berlin!
    Nachdem sie genug innerstädtische Grünflächen zugebaut haben, machen se jetzt auch noch die Grauflächen platt! Entsetzlich…

  3. Ken Takel schreibt:

    Ich bin auch ein Freund von Leere und Brachland (z.B. die Fläche wo das Schloß hin soll). Aber den Alexander Platz fand ich schon immer hässlich und unwirtlich (abgesehen vom Turm natürlich).

    Aber wenn schon alles zugebaut wird, dann doch bitte mit bezahlbarem Wohnraum und nicht mit Bauverbrechen wie Alexa und Co. Wer braucht noch mehr Malls und Multiplex-Kinos???

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