Security! Schnell schnell!

„Ich begrüße Sie! Ich bin hier sozusagen der Neue!“

Sagt ein in durchschnittlich elegantem, durchschnittlich schwarzem Vertreter-Anzug gekleideter, etwas stämmiger Typ mit weißem Schildchen am Revers in Verfügungsgewalt seiner lauten, schleimigen Stimme. Die begrüßte und dabei hierarchisch untergeordnete Bibliotheksmitarbeiterin, mit schütterer blonder Dauerwelle über leicht gebeugtem Rücken in knallblauem Strickpullover, schüttelt ihm die ausgestreckte Hand. Was soll sie auch anders machen, überrumpelt von dieser plötzlich geballten, im Führungskräfte-Seminar antrainierten Rhetorik.

Der Vertretertyp, von dem hier nicht sicher festgestellt werden kann, ob er der neue Geschäftsführer der Stadtteilbibliothek, des nahen Einkaufsparadieses, der Kulturabteilung des Bezirksamts – oder aber lediglich der neue AUSZUBILDENDE ist, dessen Vorgänger aufgrund untragbarer Faulheit und flegelhaften Benehmens (Nasebohren im laufenden Publikumsverkehr) noch innerhalb der Probezeit fristlos gekündigt worden war, schiebt die blaue Bibliothekarin nach einem pro forma fragenden „Blablabla? Wie Sie Zeit haben!“ (Sofort!) zur Besprechung ins Nebenzimmer.

Vermutlich hält er ihr die Tür auf, winkt sie hinein und schließt die Tür mit sachtem, aber bestimmtem Schwung hinter ihr. (Gefangen!)

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Wenige Minuten vorher hat der stämmige, dickliche Junge mit schwarzem T-Shirt mit weißem SECURITY-Schriftzug, düsterem Aufseherblick, gebücktem Gang in hochgezogener Jeans und ungepflegter Frisur über noch pickelloser Stirn, der dicke Junge, der sich wie jeden Tag im Einkaufszentrum aufhält und längst Freundschaft mit allen BudenbesitzerInnen geschlossen hat, seinen Wachgang durch die Bibliothek schnurstracks durchgeführt und dabei sämtliche NutzerInnen, an denen er vorbeikam, jedeN für sich mit finstersten Blicken bedacht und damit allesamt unversehens in den Verdacht abscheulichster Verbrechen gebracht. Festnehmen alle, sofort!

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Wiederum wenige Minuten vorher hatte sich ein (anderer) schleimiger junger Mann, der seine ganze Sozialkompetenz im Verfolgen von Unterhaltungsfernsehsendungen erworben hat, von der (jungen) blondierten Bibliotheksmitarbeiterin verabschiedet: „Ulli! Ich verabschiede mich!“ Die Knappheit des Moderators alltäglicher sozialer Interaktionsprozesse lässt keinen Widerspruch zu.

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Der redegewandte junge Mann verabschiedet sich (endlich!, denkt Tiger), nachdem er an die junge Bibliothekarin eine geschlagene halbe Stunde lang eine ununterbrochene Redeflut hat anbranden lassen und sie erfolgreich zur steten Beschleunigung ihrer rückströmenden Antworten und damit zur selbstregulierten Optimierung des Gesprächsflusses aktiviert hat und ihr dabei unter höchster Aufbietung seiner rhetorischen und unterhalterischen (Betonung wie bei: buchhaltérischen) Fähigkeiten das gute Gefühl gegeben hat, eine „FRAU“ zu sein – und damit so begehrenswert wie jede andere auch:

„Du magst keine Vögel? Du magst wirklich keine Vögel! Was man bei FRAUEN alles falsch machen kann! Das muss man sich als MANN erst mal klar machen!“ Er steht auf, schlägt sich mit der Hand vor die Stirn – und setzt sich wieder (Scheiße! Geh weg!).

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Inzwischen hat „der Neue“ – ohne die blaue Mitarbeiterin – das Besprechungszimmer wieder verlassen (eine äußerst kurze Besprechung! Offensichtlich waren die Verhältnisse schnell geklärt!) und eilt, mit einem konzentrierten Blick auf die Armbanduhr, die eine geübte Drehung des Unterarms aus ihrem Versteck unter dem tadellos weißen Bügelhemd holt, die Bibliothekstreppe abwärts. Ernst, im vollen Bewusstsein seiner Wichtigkeit – der NEUE Herr des Hauses.

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Helle Kinderstimmen klingen ununterbrochen durch die Bibliothek und bekunden, dass die Kinder, die hier ihr stimmliches Potential zur vollen Entfaltung bringen, nichts vom Drama ahnen, das sich hinter verschlossenen Bibliotheksbesprechungszimmertüren abgespielt haben muss.

Die altgediente blaue Bibliothekarin aber ist und bleibt verschwunden.

„Ich bin der Neue! Ich darf Sie bitten!“ – – – ‚Zu verschwinden!“ Ergänzt Asphalt Tiger, als er ahnt, was hinter verschlossenen Türen passiert ist: Er ist der NEUE – Sie ist die ALTE! Aus! Sie war … (A. reißt Augen knallweit auf und hält sich mit Pranke den Mund zu. Dann: )

Schockschwerenot! Asphalt Tiger schnellt aus seinem Lesesessel und schreit schrill und laut: „SECURITY!!!“

*

P.S.: Die Bilder … Einst war das mal das Studentenwohnheim Blankenburg. Nördlich von Berlin. Zu „DDR-Zeiten“ (wie die Alten sagen) wohnte und lebte hier wohl ein internationaler Haufen Studenten der nahen Hochschule. Hat Asphalt Tiger gehört. Inzwischen wohnt hier keiner mehr. Blankenburg heute – international? Asphalt Tiger stöbert in Ruinen: „Komische Welt.“

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