Berlin Gesundbrunnen: ein neuer Bahnhof wird gebaut

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bahnhof gesundbrunnenBerlin Gesundbrunnen. Nach dem ganzen Remmidemmi mit Stuttgart 21 erobert die Deutschen Bundesbahn mit dem Bau des neuen Bahnhofsgebäudes vom Bahnhof Gesundbrunnen verlorenes Terrain in den Herzen der Bevölkerung zurück.

Nicht ein Millionengrab soll das hier werden, nicht etwa falscher Pomp, Glamour und Glitter, keine Bahnhofspassagen mit hellen, blinkenden Shops und Büdchen entstehen hier: Die Stararchitekten von der Deutschen Bahn überraschen mit einem Entwurf, der durch äußerste Schlichtheit und avantgardistische Reduktion überzeugt.

Sparsamkeit und die moralische Verpflichtung auf ökologische Verträglichkeit bestimmte die Wahl der Werkstoffe. Holz: eine eindeutigere Versöhnungsgeste an all die grünen Kritiker des Stuttgarter Wahnsinnsvorhabens ist ja wohl nicht möglich, oder?

Geradezu abweisend, ja verschlossen präsentieren sich die neuen Gebäude des Bahnhofs den Besuchern. Eine deutlichere Absage an den bisher doch so selbstverständlichen schnöden Mammon kann sich wohl niemand vorstellen.

bahnhof gesundbrunnen 2Der Kenner fühlt sich an die großartigen, doch nie realisierten Entwürfe der französischen Revolutionsarchitektur etwa eines Boullée erinnert, die in strengster Geometrie Raum und Zeit selbst zum Erlebnis machen wollte. Etwas vollkommen Neues beginnt hier.

Und er denkt an die majestätischen polynesischen Tempelanlagen der „marae„, diese monumentalen Umgrenzungen der Leere, die selbst dem aufgeklärtesten Zyniker einen heiligen Schrecken einjagen: Ein herrischer Hauch von Ewigkeit weht durch den Raum und zerstiebt die welken Blätter …

bahnhof gesundbrunnen 1

„Im Raume vernichten wir die Zeit“: Die neue Bahnhofsarchitektur am Gesundbrunnen stößt uns auf die Grundlagen der Moderne: indem sie uns daran erinnert, dass es erst die Eisenbahn war, die die neue, intensivierte Raum-Zeit-Verdichtung der Moderne im Schnauben, Pfeifen, Zischen ihres unter enormen Druck stehenden Dampfkessels entstehen ließ.

Begleitet vom hastigen Auf und Ab der Zylinderkolben, Treib-, Kolben- und Kuppelstangen, vom Ratterratterratter der Räder, rasten die Eisenbahnen bald von den wichtigsten europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts (wie Wien, Berlin und Paris, aber auch Budapest) in die entlegensten Regionen der Welt. Sie rauschten von Küste zu Küste, über Berge, durch Täler, über Flüsse, durch Tunnel, durch Wälder, vorbei an Seen, kleinen Dörfern mit weidenden Kühen, Industriegebieten mit rauchenden Fabrikschloten und und und …

bahnhof gesundbrunnen 3Doch auch an die Zukunft gemahnt uns diese monumentale Architektur. Was ist, wenn wir, mit Hochgeschwindigkeit in den neuen Schnellzügen auf blitzenden Gleisen dahin rasend, die Grenzen dieser Welt erreicht haben? Die Grenzen jenes

„mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen Wirtschaftsordnung […], der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden […], mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“ (Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 180)

Was dann? Wir sollten darüber einfach mal nachdenken!

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