Die Nachverdichtung der Welt

 

vernacular architecture glinkastraße behrenstraße

Wo Grund und Boden in Berlin, dieser Metropole der spätkapitalistischen Moderne, immer knapper und teurer werden und Bauen nach wie vor eine verdammt kostspielige Angelegenheit ist, sind flexible, kostensparende Lösungen gefragt. Schnell mit möglichst wenig Geld bauen, damit man dann noch viel schneller viel Kohle verdienen kann.

Da muss man Abstriche an der Qualität machen, und „gute Optik“ war seit dem „Planwerk Innenstadt“ von Hans Stimmann und Konsorten sowieso nie Thema in Berlin. Die Postmoderne hat den decorated shed (Robert Venturi) als letzten Schrei gepriesen, inzwischen spart man sich die Dekoration vom Schuppen.

Es bleibt die Kernfunktion vom Gebäude: Schutz, vor der Witterung, vorm Straßenverkehr. „Das kriegen wir hin!“, sagen die Architekten dem Investor.

vernacular schutz vor straßenverkehr

Hauptsache ein Dach überm Kopp.

Nachdem New York bislang den Mythos der härtesten Stadt der Welt verkörpert hat, die Bewohnern wie Neuankömmlingen eine geradezu titanische Resilienz und Durchsetzungskraft abverlangt (If I can make it there / I’ll make it anywhere: Frank Sinatra), gibt sich Berlin im Wettbewerb der Metropolen des Weltmarkts alle Mühe, die Beschissenheit der Wohn- bzw. Mietsverhältnisse zu toppen.

Schauen wir genauer hin: Spätabends werden die durchsetzungswilligen Aufsteiger, jung und billig, am Hauptbahnhof und Bahnhof Friedrichstraße aus den letzten Fernzügen gespuckt. Mithilfe ihrer Ellenbogen und der Robustheit ihrer Samsonite-Koffer bahnen sie sich, korrekt in Anzug, Hemd und Krawatte gekleidet, ihren Weg zu den neuen Mietsquartieren der Elite-Aspiranten – den „sheds„, schäbigen Baracken mitten im Business District der City Berlin zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße, rund um die Friedrichstraße.

Hier hausen sie zu zehnt in winzigen Räumen auf harten Matratzen mit kratzigen, kackbraunen Wolldecken. Manchmal leben die Neuankömmlinge bis zu zehn Jahre in diesen „sheds„, leben sie hier aus ihren Samsonite-Köfferchen, in die sie alles gepackt haben, was sie besitzen, und das ist nicht viel. Allein der unbedingte Wille, sich im Berufsleben durchzusetzen, hält sie davon ab, aufzugeben und sich in die eisig kalte Spree zu stürzen.

palais theising palais behrens glinkastraße

Abb.: Das Palais Theising Glinka-/ Ecke Behrenstraße. Direkt nebenaan eines der ersten „sheds“: Wellblech. Plastik. Holz. Billig, billig, billig.

Frühmorgens gehen alle Lichter an im „shed„, und ein hastiges Treiben erfüllt die neonhellen, schmalen Gänge der Behausungen. Die Kaffeemaschinen in der großen Küche gluckern, die Gemeinschafts-Duschräume sind von heißem Dunst und dem Geruch billiger Seife erfüllt. Hastig verlassen die Angestellten frisch rasiert und in tadellosen Anzügen ihre erbärmlichen Behausungen und verteilen sich auf die Bürozentralen von Berlin Mitte. Die Mietpreise in den schäbigen Mietskomplexen sind horrend, leisten kann sie sich nur, wer gut verdient, und das sind im allgemeinen nur die Leute mit den besten Jobs.

Und die Konkurrenz ist hart: Täglich entsteigen Hunderte neuer Aufstiegswütiger den Fernzügen der Deutschen Bundesbahn, ihre schmalen Hartschalenkoffer vollgepackt mit Ehrgeiz, Plänen, Kreativität und jeder Menge guter Ideen. Täglich wächst auch die Masse an Elendsbehausungen im Business District Berlin-Mitte.

„Nachverdichtung“ heißt das Gebot der Stunde. Jede Grünfläche, jeder Parkplatz, jeder noch so winzige Freiraum wird inzwischen mit „sheds“ zugebaut, die wie graue, geschmacklose Pilze aus dem Boden schießen und höher und höher wachsen, Stockwerk über Stockwerk in Leichtbauweise.

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Abb.: Berlin Mitte. Wenn irgendwo noch ein Freiraum ist, kann man sich sicher sein, dass sie da sofort einen White Collar Cheapo Wohnkomplex aus Wellblech und Dachpappe hochziehen. Zuerst: wird das Drehkreuz zur vollautomatisierten Einlasskontrolle aufgestellt.

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser sieht in dieser Dichte, die viele Betrachter inzwischen schon an die Slums in Kalkutta, Kairo oder Nairobi erinnert, geradezu das Ferment einer postfordistischen Kreativökonomie, und der Wildwuchs an „sheds“ im Business District wird von der hiesigen Senatsverwaltung zur Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Berlins kräftig unterstützt.

Natürlich geht dieses unbändige Wachstum, das unmittelbare Näheverhältnisse von Wohnen in den „sheds“ und Arbeiten in den Bürokomplexen in Kreativität und Innovation umsetzt, zu Lasten infrastruktureller Funktionen.

Seitdem sich die informellen Billigbehausungen der Angestellten auch auf den Verkehrswegen, auf Bürgersteigen und Straßen ausbreiten, ist für den Autoverkehr kein Durchkommen mehr, und auch Passanten haben es schwer, sich durch die Enge und die oftmals bedrückende Intimität der neuen Wohnviertel zu kämpfen. Friedrichstraße, Glinkastraße, Behrenstraße, Französische Straße, Taubenstraße, Wilhelmstraße – alles dicht!

Und auch die städtische Kanalisation versinkt kläglich in der täglich anwachsenden Flut der Stoffwechselprozesse. Um es deutlich zu sagen: Die Wohnverhältnisse in Berlin-Mitte stinken zum Himmel!

Doch das Berliner Tourismus-Marketing vermarktet dieses betäubende Odeur bereits publikumswirksam als „historisches Erbe“ der Stadt. Unter den Linden Ecke Friedrichstraße singen die Bänkelsänger des neuen Berlin im Marschrhythmus Paul Linckes, im Takt der frühen Industrialisierung Berlins japsend und um Atem ringend:

„Das ist die Berliner Luft! Luft! Luft!“

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