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Berlin, 23. Februar 2013. Endlich ist der Winter richtig da! Wir haben lange auf ihn gewartet. Die ganze Zeit konnte er sich nicht richtig entschließen. War hier und da da, lag hier und dort tagelang auf einer schmalen Schneedecke rum, leicht angetaut, verschwand dann immer wieder mal, war aber nie richtig weg. So ging das schon seit Wochen.

Endlich ist er richtig da! Asphalt Tiger lässt sich mit dem Wind durch Berlin-Mitte treiben. Da muss er durch. Der Wind treibt von Osten nach Westen, Asphalt Tiger lässt sich treiben, den Wind im Rücken, die Kapuze über den Ohren.

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Abb.: Extra Eiskarte vorhanden

Die Leute haben Wochenende. Es ist Samstag Abend. Samstag, der 23. Februar. Am Wochenende haben alle frei (fast: Einzelhandel, Gastronomie, BVG und so: nicht! Arbeitslose und Flüchtlinge auch nicht. Im Kittchen die auch nicht. Polizei: schläft nie! Wachsam, Augen auf).

Am Wochenende gibt sich jeder der individuellen Konsumtion hin. Da „gehört er sich selbst und verrichtet Lebensfunktionen außerhalb des Produktionsprozesses. Das Resultat […] ist das Leben des Arbeiters selbst.“ (Marx)

Natürlich: Die meiste Zeit verbringt der Mensch am Wochenende damit, „Muskel, Nerven, Knochen, Hirn vorhandner Arbeiter zu reproduzieren und neue Arbeiter zu zeugen“ (Marx). Hahaha! Leben halt. Die meisten Leute gehen am Wochenende erst mal Einkaufen und haben richtig Spaß, sich durch die Läden und Geschäfte treiben zu lassen.

Und seit Marx‘ Zeiten ham die Ladenbesitzer gehörig Dampf gegeben, ihre Läden mit alles Möglichem vollzustopfen, was es gar nicht gibt! Interessant, interessant! Manchmal macht sich Asphalt Tiger einen Spaß und nimmt das alles in die Pfoten und schüttelt es und hält sein Ohr dran und fragt sich, wozu das alles ist: „Keine Ahnung.“ Dann stellt er es wieder hin. Der Wachschutz vom Dussmann Facility Management schaut kritisch rüber.

Draußen. Schneetreiben. Ecke. Der Mann an der Ecke schimpft laut:

„Es tut nichts zur Sache, dass der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zulieb vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frisst.“ (MEW 23: 597)

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Abb.: „Ratatatatat!“ Bahnhof Friedrichstraße: Hier hat schon der Russ‘ im Mai ’45 Eis gegessen. Danke fürs Befreien! Kommt bald wieder!

Oh je! Ein „Kältestrom des Marxismus“ (Ernst Bloch) zischt hartnäckig in des Tigers Ohr, und Asphalt Tiger macht einen großen Bogen dahin wo das Licht ist, denn er ist gerade faul, müde und verfroren. Doch vergebens sucht er hier den angenehm religiösen „Wärmestrom“ (Ernst Bloch) des Warenfetischismus.

Und auch den notorischen Menschen gelingt es hier und heute, Berlin Friedrichstraße, 23.2.2013, ca. 18:00 MEZ, augenscheinlich nicht, sich an ihrer über das rein Notwendige hinausgehenden, lustvollen, unproduktiven Konsumtion zu freuen und das, „was der Arbeiter außerdem zu seinem Vergnügen verzehren mag“ (Marx), genussvoll wegzufuttern / wie bei Muttern.

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Oh, verloren! Es ist der böse, harte WINTER, der alles hochtrabende Hin und Her von Leben und Kapital auf einen viel elementareren Gegensatz herunter dimmt: MENSCH – gegen SCHNEE.

MENSCHEN: alle SCHWARZ. (Filzjacke. Mantel. Anorak. Hut. Hose. Boots. Stiefel. Schaftstiefel. Schirm. Schirmmütze. Skimütze. Schnürschuhe. Sch … Sch …)

SCHNEE: alles WEISS.

Im Schneetreiben reduziert sich das städtische Leben auf einen schlichten Gegensatz: Schwarz/Weiß.

Rote Ampeln, helle Scheinwerferlichter, das Gelb vom Netto-Supermarkt und das Blau von Saturn? Alles unwichtig! Alles nebensächlich im Kampf des Menschen gegen das Naturelement!

Missmutig und böse treten die Menschen – mächtige, unförmige schwarze Maschinen – auf den weißen Schnee, der schon am Boden liegt.

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Doch dann: hat der Schnee gesiegt! Alles weiß!

Alles erstarrt in glitzernder Pracht und funkelnder Helligkeit. Der Schnee liegt in hohen Bergen auf den Straßen, auf den Plätzen, auf den Bürgersteigen, auf den Parklücken. Erdrückend für den Menschen …

Aber: schaut man eine „Stufe des Lebendigen“ tiefer, so regt sich noch Leben.

Und wie!

Ein kleiner, weißer, struppiger Hund zerrt an seiner roten Lederleine und freut sich! Ihm macht die Kälte nichts aus! Im Gegenteil: Er genießt den Winter, er genießt die rasch fallenden Schneeflocken, die sich auf dem Fußgängerweg zu einem immer dichteren, weißen Teppich verdicken. Er tollt herum und genießt das LEBEN!

In kältester Winternacht.

Sein struppiges Fell, das über die kleinen Füßchen hinweg bis zum Boden reicht und wie ein Wischmopp über den Schnee fegt, wirbelt flink die weiße Pracht vom Boden auf! Wie goldig zittert die rote, weiß gepunktete Schleife in seinem Haar, wenn er lacht und dabei seine spitzen Eckzähnchen und die rosig-gesunde Zunge entblößt!

Wie schnell bewegen sich seine Pfötchen über den Schnee! Ja, das Hündchen scheint förmlich über den Schnee zu SCHWEBEN!

*

Asphalt Tiger ist nicht fähig, dieses Schweben in ein Photo zu bannen. Zu schnell!

Er denkt daran, wie die ersten Photographen vergeblich versuchten, zu beweisen, dass ein Pferd im Galopp jemals (oder niemals? Es gelang beides nicht! So viele Filme sie auch vollschossen!) einen Huf auf den Grund setzte! Asphalt Tiger seufzt: Für die Pioniere der Photographie war das Pferd noch ein Pegasus, hoch fliegend über den anderen Tieren – heute, in Zeiten der Tiefkühl-Lasagne, gilt es bloß noch als eine „Stoffwechselmaschine“ (MEW 23: 411) unter anderen … Zurück:

Asphalt Tiger ist fasziniert vom Schweben des weißen Hündchens im weißen Schnee, der sanft vom Himmel schwebt, im hellen, nächtlichen Licht der Straßenlaternen. Und plötzlich weiß er, wie er den Hund nennen wird:

„FLOKATI“

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