Bürgerablagestelle

Es ist bitterkalt in Berlin. Asphalt Tiger fröstelt und schlingt seinen Schal eine Windung mehr um den Hals. Im Winter träumt sich der Asphalt Tiger in den Süden. Ans Meer. Im Winter studiert der Asphalt Tiger Landkarten von fremden Ländern, folgt darauf Flussläufen, Straßen, Waldwegen und Seeufern. Mit dem Finger. Er überwindet gestrichelte, durchgezogene, dicke und dünne Grenzmarkierungen. Es ist ihm scheißegal, solange es ihm nur warm wird, dadurch!

Asphalt Tiger steht an der Straßenbahnhaltestelle im Wind und verliert sich in der Landkarte. Von Berlin. Die Landkarte von Berlin sieht aus wie ein Bild von Rousseau. Dem Zöllner. Wunderschön!

bürgerablagestelle 1

Man muss ganz nah rangehen an die Landkarte. Dann entdeckt man geheimnisvolle Orte, an denen vorher noch nie jemand war. Neue Küsten. Leere Strände. Paradiesisch. Vollkommen leer! Vor allem im Winter.

Zum Beispiel der Sandstrand im Süden. Im Süden der Kolonie Erlengrund. An der Havel. Bei Spandau-Hakenfelde. Möwen kreischen und fliegen ganz dicht über dem Kopf vom Tiger. Die Wellen plätschern leise an den Strand. Der Wind lässt die Blätter der Palmen sanft erzittern. Der Strand heißt Bürgerablagestelle.

Bürgerablagestelle? Wer kommt denn auf so eine Scheiß Idee, einen Strand so zu nennen!

Aber je länger Asphalt Tiger darüber nachsinnt, hier, in der Wärme seiner Gedankenwelt, desto mehr schlägt ihn dieser Begriff in seinen Bann. Entfaltet einen eigenen Zauber. Einer fremden Zeit, einer fernen Kultur.

*

„Karl-Heinz! Crem dich gut ein!“ Es ist in den fünfziger Jahren. Karl-Heinz tut seine Pflicht / von neun bis fünf / mehr tut er nicht. Eingang Ausgang Ablage Einkaufsabteilung Siemens.

Danach macht dieser Bürger das Schönste, was man im Sommer hier tun kann: sich an der Bürgerablagestelle ablegen. Erika hat einen Picknick-Korb dabei, die Kinder tollen im Wasser. Nivellierte Mittelstandsgesellschaft (Ludwig Erhard), alte Bundesrepublik. Noch steht nicht die Mauer, wenige Meter weiter nördlich. Noch ist der kleine Gerolf nicht beim SDS, noch hat die süße Gisela kein Hasch probiert. Das kommt erst 68.

bürgerablagestelle 2Abb.: In the Swamplands of Spandau. Gefahr ist woanders

Vielleicht, sinniert Asphalt Tiger, ist der seltsame Ortsname aber auch viel älter: Bürgerablagestelle. Vielleicht deutet er auch auf das Wochenendvergnügen der noch jungen Schicht der kleinbürgerlichen Angestellten hin, junge Leute wie von Siegfried Kracauer beschrieben (Die Angestellten, 1924), die hier Mitte der Zwanziger Jahre Erholung suchen vom hektischen Berufsalltag, in dem sie haltlos zwischen Proletariat und Großbourgeoisie in der Luft hängen. Wohin mit sich selbst? Hier, an der Bürgerablagestelle, fühlen diese „Menschen am Sonntag“ (Siodmak/Ulmer/Wilder; 1929/30) wieder festen Boden unter sich, können sie wenigstens am einzigen arbeitsfreien Tag in der Woche ihre Sorgen in der Sonne zum Auslüften ablegen …

*

Oder: noch früher. Andere Atmo. Ein kalter Herbsttag, Nebel wallen, ein Käuzchen schreit. 1896. Ein Zweispänner klappert in einer frühen Morgenstunde heran, von Spandau her auf der alten Chaussee. Es ist noch dunkel, als vier Männer in schwarzem Frack und Zylinder den Sarg von der prächtigen Kutsche heben. Leise ächzen die Federn, vom Schwergewicht des großbürgerlichen Selbstmörders entlastet. Die Witwe und einige enge Freunde scharren verlegen im Sand der Bürgerablagestelle. Still und heimlich nehmen sie Abschied und schlagen ein verstohlenes Kreuz.

Die vier Schwarzfräcke betten den Katafalk auf ein düsteres Floß, sechs Fackeln blaken träge in den verhangenen Himmel. Mit vereinter Kraft schieben die Männer das Floß ins Wasser, bis das Floß mit dem Bürger ablegt und seinen Weg über die Weite des Wassers nimmt, durch tiefe Nebel hinein ins Unbestimmte. Es war der letzte Wille des Verstorbenen, den der Ruin seiner Firma in den Selbstmord getrieben hat. Ein letztes Opfer der Langen Depression (1873-1896), nur wenige Monate nach seinem Pistolenschuss setzte der Aufschwung ein. Jahr für Jahr am selben Tag kehrt die Bürgerswitwe an die Bürgerablagestelle zurück und weint.

*

Wer weiß? Die Geschichte ist ein Buch mit sieben Siegeln. Asphalt Tiger kehrt in die Wirklichkeit zurück und studiert die Geschichte. Plötzlich erscheint ihm die Welt heller, hoffnungsfroher. Einem historischer Wikipedia-Bericht aus dem Jahr 1828 entnimmt er, dass hier, nahe dem Ortsteil Hakenfelde, die Spandauer Bürger vor Urzeiten Holz verschifften. Die Bürgerablage war eine Holzablage!

Ist das nicht eine Verheißung? In Zeiten der Wirtschaftskrise, wo bereits die Peripherie Europas zur Naturalwirtschaft zurück kehrt, wo junge Leute aus den Großstädten Griechenlands, Italiens, Portugals aufs Land zu ihren Eltern und Großeltern zurück kehren, zu einer Lebensweise in Wald, Wiese und Feld, biegt sich das Rad der Spandauer Geschichte bereits in seinen Ursprung zurück.

Der Begriff „Bürgerablagestelle“ verspricht Erneuerung und Wiedergeburt – aus der Weisheit der Tradition, aus Holz. Ein Bürgertum, arm, bescheiden, weich und wendig wie Holz, das im Wasser schwimmt, das ablegt zu neuen Ufern, in eine ungewisse Zukunft, in die neue Morgensonne. Asphalt Tiger wird warm ums Herz. Alles wird gut.

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