Rotz, Beethoven und Tito

Vid.: Asphalt Tiger liebt Beethovens Vierte. Wie das Halstuch des Komponisten beweist, war Beethoven oft erkältet. Und auch seine Zuhörer hat es immer wieder erwischt. Youtube Kommentar: „I highly doubt that the cough (8:46) and the dripping nose sounds (9:23) were written in Beethovens note book.“

Asphalt Tiger schlürft ein Glas heiße Zitrone. „Ich bin krank! Erkältet.“ Asphalt Tiger zieht sich die Decke bis unter die Nase und schaut zum Krankenfenster raus. Draußen ist alles weiß. „Winter.“

Asphalt Tiger ist es langweilig. Gelangweilt schaut er auf die ganzen Romane, die neben der Teetasse (viel trinken!) und dem Nachtlämpchen auf dem Nachttisch liegen. Kelter und Bastei Lübbe. Asphalt Tiger hat alle Romane schon gelesen: „Langweilig.“ John Sinclair Geisterjäger ging noch, aber Hausarzt Dr. Frank? Mit Theodor W. Adorno findet Asphalt Tiger diese Verdoppelung des Alltagslebens durch die moderne Massenkultur überflüssig und ärgerlich.

Asphalt Tiger seufzt und greift zum Stift und zum Apothekenblättchen: Rätsel lösen. Germanischer Wurfspeer mit drei Buchstaben? „Ger!“ Moderne Tanzmusik mit sechs Buchstaben, vorne T, vierter Buchstaben H, fünfter N? „Techno!“ Asphalt Tiger kann’s kaum glauben: Die Rätselfutzis sind in der Gegenwart angekommen.

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Abb.: Bäume schützen sich vor Kälte durch Holz

Asphalt Tiger wird schon wieder langweilig. Er öffnet das Fenster und schaut raus auf die Straße tief unter ihm. Ein kalter Wind kühlt seine heiße Stirn. Da vorne kommt der Arsch vom Fußballverein die Straße lang gelaufen. Asphalt Tiger kommt eine gute Idee. Er steigt tief in sich hinab, sammelt alle Gedanken in seinem Inneren und holt sie herauf und sammelt sie dort.

Als der Arsch vom Fußballverein fast direkt unter seinem Fenster ist, stützt sich der Asphalt Tiger aufs Fensterbrett, lehnt sich weit raus und lässt seine Gedanken langsam dem Mund entgleiten. Sie folgen der Schwerkraft und hängen an einem glitzernden Faden. „Gibt es das eigentlich noch? Etwa 1995 hing in allen Fenstern dieser große Tropfen aus durchsichtigem Glas?“ Asphalt Tiger schaut ihm nach. Seine Rotze verfehlt die Glatze von dem scheiß Fußballfan nur um einen Deut.

„Ich weiß, wo du wohnst!“, schreit der Arsch und schwingt seine Faust zum Tiger hoch und guckt fies. Asphalt Tiger hat seinen Kopf nicht schnell genug zurück gezogen. Asphalt Tiger hat heute einen dicken Kopf.

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Wie fühlt sich Erkältung an? In der Nase: Wie ein Faustschlag, dumpf, doch prickelnd, brennend. In den Ohren: wie nach Backpfeife. Pfeifen. Im Hals: wie wenn jemand einen da packt, Daumen rechts, Zeigefinger links unterm Ohr, und hochzieht und dann sagt: „Mach das nicht noch mal!“

Asphalt Tiger guckt nach, ob die Haustür verschlossen ist.

Dann geht Asphalt Tiger in die Küche und macht sich ein gesundes Süppchen. Frische Petersilie, frischer Schnittlauch, Graupen. Brühe. Ein Ei verkleppert und dann rein damit. Er rührt um, der heiße Dampf und Duft zieht in seine Nase, und Asphalt Tiger denkt an früher.

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Das einzige Abenteuer in den Fünf Freunde Romanen von Enid Blyton, an das sich Asphalt Tiger erinnern kann, war, als die Haushälterin den Fünf Freunden (außer Timmi) die Suppe gebracht hat und ein Tropfen an ihrer Nasenspitze zitterte, als sie sich mit den Tellern näherte. Asphalt Tiger hält den Atem an. Immer wenn Asphalt Tiger bei seiner Oma Suppe geschlürft hat, hat er an dieses Abenteuer gedacht. Vielleicht kam der spezielle Geschmack ihrer Suppe aber auch vom Löffel aus Aluminium, den Asphalt Tiger vorsichtig und pustend zum Mund führte. Ein Löffel, groß, unförmig, matt grau und schwer leicht. „Aluminium?“ – Ja! Von kurz nach dem Krieg! – „Krieg?“ – Ja! Kennst du doch!

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Klick. Der Plattenteller beginnt sich zu drehen, als Asphalt Tiger den Tonarm über die Schallplatte schwenkt. Beethovens Vierte Symphonie klingt durch den Raum. Asphalt Tigers Lieblingssymphonie. So mathematisch kühl, der zweite Satz: eine mechanische, arhythmische Unwucht. Wie die dicke Matratze mit weichen Spiralfedern im Bett, das bei seiner Oma unter der Dachschräge stand. Wenn sich Asphalt Tiger da am Rand drauf gesetzt hat und zu wippen begann, folgte die hohe Matratze seinen Bewegungen widerwillig, erst mit langen Verzögerungen wippend von einem Ende zum andern, durch ein dickes Massiv von Federbetten gebremst. Quietschend, pfeifend, das ganze Bett. Wie Bronchialkatarrh. Asphalt Tiger sinkt wieder ins Traumland seiner Kindheit.

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Die Federbetten aus den Federn vieler Hühnergenerationen, die die Familie seiner Oma gerupft hatte, bis die Aussteuer fertig und die Betten gefüllt waren, waren schwer, und sein Kopf lag tief in die Kissen wie zwischen zwei spitzen Bergen. Hinterm Bett stand das Radio. Tief mit dem Kinn im Kissen versunken, drückt Asphalt Tiger den schweren Anschaltknopf runter, und das Radio fängt im Dunkeln an zu brummen und zu leuchten. Zwei kleine, grüne Balken nähern sich und tilgen das Schwarz in der Mitte der Anzeige: empfangsbereit. Es knistert und rauscht. Asphalt Tiger liest die Namen der Städte, die auf der leuchtenden Skala stehen: Luxemburg. Rom. Sewastopol. Beograd.

Asphalt Tiger dreht das Rädchen bis Beograd. Die Beograder Philharmoniker spielen gerade die Vierte Symphonie zur Feier des 87. Geburtstags von Josip Tito. Das Madlenijanum-Opernhaus ist bis zum letzten Platz gefüllt, und Asphalt Tiger hört die feierliche Anspannung der Besucher durch den Äther knistern.

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Endlich ist die Symphonie zu Ende! Die festlich gekleideten Gäste erheben sich von ihren Plätzen, ein tosender Applaus setzt ein. Die Menge bejubelt erst das Orchester und seinen Dirigenten, und schließlich Staatschef Josip Tito und seine Generäle, die sich nun erheben und die Gläser erheben. „Ein Hoch auf den Jubilar!“ Asphalt Tiger hört das Klingen der Gläser und das Scheppern der Orden im glänzend hell erleuchteten Opernhaus. Sie beglückwünschen sich gegenseitig, dass sie die Symphonie tapfer und männlich durchgehalten haben, und nicht wie Wladimir Iljitsch Lenin beim Hören der Mondscheinsonate vor lauter Ergriffenheit die Revolution fast vergessen hätten! Sie beglückwünschen sich, in anderen Worten, zum jugoslawischen symphonischen Sonderweg (den zu gehen sich die Genossen spätestens seit dem Februar 1956 mit der offiziellen Beendigung des sowjetischen Sonatenkults durch die Enthüllungen Nikita Chrustschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU bestätigt sahen).

Kurze Zeit später war Josip Tito tot. Millionen Menschen nahmen am 5. Mai 1980 in Beograd an seiner Beerdigung teil. Radio Beograd sendete eine sehr lange Schweigeminute.

„Es lebe die Revolution!“, rappelt sich der Asphalt Tiger auf. Endlich hat er die rettende Idee: „Alkohol! Ich mach mir einen Grog!“

Die beste Medizin! Ganz schnell ist der Asphalt Tiger wieder gesund.

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