Regenwetter im Januar

Berlin. Ein gewöhnlicher Wochentag im Januar. Elf Uhr morgens. Die Temperaturen deutlich über null. Die hellen, durchsichtigen Strahlen des Regens tauchen die Stadt in ein eigenartiges Licht. Selbst die dunklen Wolken wirken jetzt heller und heiterer.

Asphalt Tiger tritt an ein Fenster im ersten Stock und schaut auf die Großstadt. Der große Platz, über den er blickt, wird vom gusseisernen Hochbett einer Hochbahn durchschnitten. Eine gelbe U-Bahn der Linie 2 überquert den Platz. Asphalt Tiger schaut hinein: fast leer. Unten kreuzt eine Straßenbahn in anderer Richtung, auch fast leer. Die Leute drinnen lesen Zeitung. Die Nachrichten sind noch neu, die Seiten sind noch frisch und unzerknickt. Alles fängt heute langsam an.

Die Schlange vor Konnopke unter den Hochbahngeleisen ist noch leer. Noch sind alle Prenzlberger satt von Schrippe oder Semmel. Den Blicken des Tigers entzogen, frösteln Würste und Kartoffeln bei Konnopke ihrem sicheren Tod im fettigen Siedebad entgegen. Wenn Autos über den Platz fahren, stiebt Regenwasser aus den Pfützen. Es fahren keine Autos.

Ein Rentnerpaar überquert bei Grün die Straße. Langsam. Sie läuft rechts, er läuft links. Links ist die Pfütze. Er läuft durch die Pfütze. Die türkisgrünen Saugnäpfe seiner Gehhilfen saugen sich an den nassen Steinplatten am Grunde der Pfütze fest und geben saugende Geräusche von sich, wenn sie sich wieder lösen.

Vermutet Asphalt Tiger, als er hinter dem geschlossenen Fenster die Szene betrachtet, zwischen weißen Vorhängen links und rechts.

Berlin an einem gewöhnlichen Regentag im Januar. Die geschlossene Häuserfront gegenüber schläft noch halb, mit halb geschlossenen Fenstern. Ein Schornstein raucht dunkel. Letztens hat es hier gebrannt, und eine dicke Rauchschwade zog über den Platz und in die Kastanienallee hinein. Jetzt weht eine Horde Tauben durch die Luft.

Auf seinem Weg durch die Großstadt durchtränkt der stete Nieselregen den Pelz des Tigers. Einzelne Tropfen tanzen auf den Barthaaren vom Asphalt Tiger, mit jedem Schritt tanzen sie auf und ab. Asphalt Tiger reiht sich ein in den Strom der Menschen, die durch die City fluten. Dunkel sind sie gekleidet, ihre Blicke senken sich auf den nassen Asphalt.

Als er am Bahnhof Friedrichstraße die gusseiserne Brücke über die Spree überquert, zerhacken die Pumps einer Dame im schwarzen Businesskleid vor ihm das monotone Grundrauschen der Stadt. Die Gewalt ihres Auftretens hinterlässt Spuren auf ihren Waden. Stumpfe Flecke braunen Straßenschmutzes kontrastieren unschön mit der glitzernden Leberwurstfarbe ihrer Damenstrumpfhose und belegen die Fragwürdigkeit ihrer unternehmerischen Performanz.

Ob die Wurstpunks auf der Brücke, deren scheppernden Klingelbeutel die Dame ignoriert, aus diesem Grunde Schmutziges hinter ihr herrufen, weiß Asphalt Tiger nicht. Vorsichtshalber wendet Asphalt Tiger die Master Oppression Techniques an, die er auf der Reclaim High Society Eliteakademie gelernt hat. Im Vorbeigehen rollt er mit den Augen und zischt: „Punk bleibt Punk, da helfen keine Pillen.“

Ganz zufrieden ist Asphalt Tiger mit dieser Entgegnung nicht. Er ist und bleibt heute nachdenklich.

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