Kraniche im Winter

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Am nächsten Tag ist alles anders. Die Temperaturen sind unter Null gefallen. Schnell sind die Dächer schneebedeckt. Schnell ist der Tag vorbei und die Nacht stockdunkel. Asphalt Tiger sitzt im hellen Licht seiner Lieblingsstraßenbahn und vermisst allein deren wohlige Wärme.

„Hans!“, befiehlt die dralle Blondine ihrem Freund, der unauffällig hinter ihr her läuft. Sie schilt Hans aus nichtigem Grund. Sie setzen sich auf den Vierersitz, das befreundete Pärchen ihnen gegenüber. Sie fahren zur Cocktailbar.

„Im Winter liebe ich Make-Up! Make-Up ist eine wärmende Schicht auf meiner Haut“, verkündet die Blondine laut und tatscht auf die dicke, weiße Schneedecke auf ihrem Gesicht. Unter der Schneedecke ist die Frau ein Vulkan. Ihre Augen funkeln den Tiger sofort an, als er verwundert rüber schaut.

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Als Tiger zum Fenster hinaus schaut, sieht er die Schneeflocken tanzen. Nur mit halbem Ohr hört er, wie die junge Frau neben Hans neue Herausforderungen sucht. „Hast du dich eben am Sack gekratzt?“, fragt sie ihr Gegenüber. In dichten Wolken wirbeln die Schneeflocken an der Bahn vorbei. „Ja. Das machen doch alle Männer.“, sagt der Jüngling. Wenn die Bahn an einer Haltestelle hält, wirbeln die Flocken langsamer. „Aber nicht so offensichtlich!“, sagt der schneebedeckte Vulkan. Asphalt Tigers Ohren schließen sich und überlassen die desparate Gruppe ihrem Schicksal.

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Wie leicht, wie schwerelos regeln dagegen Schneeflocken ihre zwischenmenschlichen Beziehungen! Sie fallen, aber ihr Fallen ist ein Schweben, und dann steigen sie wieder. Ihre Bewegungen sind frei, nicht voraussehbar und folgen keiner Gesetzmäßigkeit. Und trotzdem gehen Schneeflocken mit einer Zartheit, mit einer Delikatesse miteinander um, die zu bewundern ist.

Allein ihre Formen sind nicht, wie die der Fraktale, ausschließlich auf sich selbst bezogen. Fraktale kreisen unaufhörlich um sich selbst und folgen in ihrer Entwicklung allein der eigenen Sturheit. Fraktale sind so … Nineties! So … neoliberal! Nein, die vielfältigen Formen der Schneeflocken sind, in ihren strengen, doch spielerischen Geometrien, stets auf Andere ausgerichtet, finden für die Anderen eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten.

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Wenn Schneeflocken einander sich nähern, umtanzen sie sich erst. Dann geht alles ganz schnell. Von unsichtbarer Macht angezogen, neigen sie sich einander zu. Wenn ihre Annäherung gegen Unendlich tendiert, passiert es. Dort, wo die Strukturen zweier Schneeflocken sich berühren, schmilzt das Eis. Schwebt eine Träne der Rührung zwischen ihnen, oder sind es Tropfen der Erregung? Sie zögern. Doch der Entschluss ist schnell gefasst, schnell verschmelzen sie und improvisieren in forschenden Bewegungen neue fragile Strukturen, die sich zu wundervollen Formen kristallisieren. Zucker!

Andere Schneeflocken nähern sich, angezogen von so viel Schönheit. Lockere Assoziationen bilden sich in der Luft, verdichten sich zum Schneetreiben, lösen sich, entfernen sich, wehen näher, zusammen gehalten allein durch ein unsichtbares Fluidum der Sympathie. Nicht jede Bewegung ist ohne Gefahr. An den Scheiben der Straßenbahn sieht Asphalt Tiger, wie sich Haufen von Schneeflocken in Wasser auflösen und als dreckiger Schlamm herab gleiten.

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Wie wohltuend ist es, den Aufwärtswirbel der Schneeflocken im Schein der Straßenlaternen zu bewundern! Wenn sich Schneeflocken voneinander lösen, bricht immer etwas ab. Oft genug bleibt aber auch etwas hängen. Wenn Schneeflocken sich bewegen, kommen sie immer ihren eigenen Bedürfnissen entgegen und verwirklichen in ihrem stetigen Austausch sich selbst als Gattungswesen.

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Am nächsten Tag ist das ganze Land voll Schnee. Die Schneeflocken haben ihre aufregende Gesellung in der Luft durch eine bodennahe Lebensweise ersetzt. Schnee führt immer eine provisorische Existenz, richtet sich nie dauerhaft ein, lebt von den Gelegenheiten und Chancen, die das Hier und Jetzt gerade bietet. Vielleicht ist gerade das der Grund der völligen Zufriedenheit von Schnee? Still und friedlich, glänzt der Schnee voll Glück und knistert in der Kälte.

Asphalt Tiger lässt seinen Blick über das schneebedeckte Land schweifen. Er legt seinen Kopf in den Nacken und betrachtet die Kraniche, die mitten im Winter über den Rieselfeldern nördlich von Berlin kreisen. Kraniche im Winter?

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2 Antworten zu Kraniche im Winter

  1. lotterrr schreibt:

    tiger! mehr desparate gruppen! ich hatte vergessen, was für ein großes kino die menschheit ist – wenn man nicht selbst zeuge davon werden muss, sondern es hier aus dem stillen kämmerlein mitlesen kann 🙂
    küsschen von drüben!

  2. Asphalt Tiger schreibt:

    Aaah, Lotte!
    Ja, großes Kino ist die Welt. Und manchmal sitzt man direkt vor der Leinwand und wünscht sich die Kurzsichtbrille mit 40 Dioptrin, die einen weiter weg beamt. Aber man kann ja auch aufstehen und sich wo anders hinsetzen.
    Ich kann auch Menschen verstehen, die gerade lieber im stillen Kämmerlein sitzen. Es ist kalt, draußen und in der Straßenbahn. Aber morgen taut die Welt ja wieder (+2 °C), da kann man auch wieder raus. Ein Glück! Nix wie raus!
    Pardon für die schiefen Bilder und die vielen Zahlen. Aber so ist die Welt halt heute.
    Liebe Grüße und auf bald
    Dein Tiger

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