Videothek

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„Entschuldigung. Wo geht es zur M10? Nach Friedrichshain?“ Der junge Mann schaut mich fragend an. Er hat sich verlaufen, mitten auf der Greifswalder Straße, am späten Sonntag Abend.

„Hier nicht! Das ist die M4.“

„Ah! Da ist Alexanderplatz!“

Wir sehen das hässliche, mit blauen Neonleuchten geschmückte Hochhaus von Mercedes in der Ferne.

„Du musst in die andere Richtung. Komm mit, wir haben den gleichen Weg.“

„Der Mann hat mich aus der Videothek geschmissen, Feierabend, und dann war ich ganz verwirrt.“

„Ah! Die Videothek Ecke Danziger! Da kreuzen sich die Bahngeleise.“

Er trottet neben mir her.

„Ich habe seit zwei Tagen nicht geschlafen. Ich bin hundemüde!“

„Gefeiert?“

„Gearbeitet. Und dann hat mich der Chef mit in die Sauna genommen. Puh, zwölf, fünfzehn Stunden Sauna! Ich habe Kopfschmerzen.“

„Wo musst du denn hin, in Friedrichshain?“

Er zuckt mit den Schultern: „Weiß nicht.“ Dann nennt er einen Straßennamen, der mir nichts sagt.

„Da wohnt mein Bruder. Ich wohne in Schöneberg. Ich bin erst ein Jahr hier. Hier kenne ich mich nicht aus.“

„Wo kommst du her?“

„Italien. Mein Bruder ist schon fünf Jahre hier. Erst Berlin, dann hier und da. Hamburg und so. Dann hat er bei Mama angerufen: Mama, ich habe Arbeit für deinen Sohn. Dann bin ich nach Berlin gekommen.“

„Wo arbeitest du?“

„Am Nollendorfplatz. In einer Bar.“

„Was für eine Bar?“

„Tabledance.“

„Was machst du da?“

„Tabledancer.“

„Da! Die Videothek!“

Wir sind fast an der Ecke Greifswalder.

„Was hast du dir in der Videothek ausgeliehen?“

Er zeigt mir die drei Filme, die er in der Linken trägt, zwischen jeder DVD-Hülle einen Finger.

„Hier.“

„Action Filme!“

„Für meinen Bruder. Hauptsache hier:“ Er zeigt mit dem Finger auf die Altersfreigabe ab 18.

„Blutig?“

„Brrrr! Aber mein Bruder mag das. Weißt du, nach der Arbeit. Entspannung. Ist nichts für mich.“

„Da ist deine Bahnhaltestelle.“ Ich zeige nach links, seine Bahngleise gehen nach rechts. Die Anzeige blinkt gelb, es fährt noch was.

An der Ecke trennen sich unsere Wege. „Danke.“ Er trottet im gleichen Schritt weiter, die drei Filme wie einen Fächer in der Hand.

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