Nicht da

„Aaaah!“ Ein langgezogener, gellender Schrei hallt durch die Nacht. Ein nicht enden wollender Schrei. Die Totenklagen der afrikanischen Klageweiber sind nichts dagegen, und auch nicht das wirbelnde Tröten eines Albert Ayler.

Der Schrei eines waidwunden Tiers? Ein verletztes Reh, ein sterbender Hirsch hier, auf den nächtlichen Straßen des Prenzlauer Bergs? Asphalt Tiger beschleunigt, wenn auch voller Angst, seine Schritte. Sein Herz schlägt schneller. Seine Schritte hallen durch die leeren Straßen seines alten Altbauviertels, tack tack tack. Es ist Nacht, es ist 1998, die Regierung ist noch nicht in Berlin und alle Häuser in den Straßen sind unbehaust und dunkel.

„Aaaah!“ Da! Im hellen Lichtschein einer dämmrigen Gaslaterne wirbelt ein Junge mit ausgestreckter Faust um sich selbst und schreit ohne Unterlass, den Mund weit aufgerissen, die Augen hinter dicken, im Licht der Laterne blitzenden Brillengläsern schreckhaft geweitet.

In der Rotation wird ihm seinen kleiner, verwachsener Körper in der schwarzen Bomberjacke zum einzigen Anhaltspunkt an der Welt, und je länger er sich um diese einzige schwarze Achse dreht, und je länger er schreit, desto weiter entfernt sich diese Welt von ihm. Desto weiter stößt er die Welt mit ausgestreckter Faust von sich, der schwarze Engel der Nachgeschichte.

„Robert! Robert! Hier bin ich! Hier! Ich bin doch da! Ich bin’s. Dein Bruder Robert! Robert! Robert! Robert!“ Direkt neben ihm steht sein großer, verwachsener Bruder in einer schwarzen Bomberjacke. Aus dicken Brillengläsern blickt er flehend seinen kleinen Bruder an und bleibt hilflos abseits des Kreises stehen, den Robert mit ausgestreckter Faust Bahn um Bahn in die Luft schlägt.

Endlos hallt der Schrei noch, als Asphalt Tiger um die nächste Ecke biegt. Was hätte er tun können? Nichts. Sein Herz klopft hektisch, als sich seine Schritte vor seiner Haustür verlangsamen. Sein Atem stockt im Schatten der Hauswand. Wo? Hastig klopfen seine Hände die Taschen ab: Hose. Jacke. Brust. Herztasche. Da, endlich: Schlüssel!

Lange noch muss Asphalt Tiger an Robert denken, und an seinen Bruder. Das seltsame Bild hat sich tief in sein Hirn eingebrannt, und den lang gezogenen Schrei hört er heute noch.

Einige Jahre später sieht er Robert wieder. Mit seiner schwarzen Bomberjacke und blitzenden Brillengläsern sitzt er in der strahlend hellen Straßenbahn. Robert ist jetzt erwachsen. Seine großen, weißen Turnschuhe liegen auf dem Sitz vor ihm, er hat einen Fußballschal um den Hals und öffnet eine Bierflasche mit seinem Feuerzeug. Er hat es geschafft. Allein.

Asphalt Tiger schluckt. O verloren!

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